Archiv für September 2012

Freunde des antifaschistischen Widerstands

Antifa-Cat

Sie war nicht erfreut, als sie vom Naziaufmarsch erfahren hat.

Ein Tag im Leben des Erfurter Borniertentums

Arschlöcher
Bildquelle: TA

Am gestrigen Samstag marschierten, laut Angaben der „Thüringer Allgemeine“, 120 Nazis durch Erfurt. Das ganze ging weitgehend ungestört vonstatten, was weniger an den wenigen jüngeren schwarz gekleideten Nazigegnern lag, die sich nicht nur 120 Nazis, sondern auch noch etwa dreimal sovielen Bullen gegenüber sahen. Auch die Zivilgesellschaft war am Samstag auf der Straße, entweder um vor gierigen Bänkern und anderen unsolidarischen Millionären zu warnen oder um sich selbst zu feiern. Der Reihe nach.

Bankenhasser
Bildquelle: MDR

Das Bündnis „UmFARIteilen“, bestehend aus Sozialdemokraten aller Couleur, stapelte vor der Deutschen Bank in der Bahnhofstraße symbolisch Geldsäcke, um diese postwendend dorthin zu bringen, wo ihrer Meinung nach die Kohle hin muss, nämlich ins Rathaus, also von den Ackermanns zu den Bauseweins. Das Bündnis möchte eine Umverteilung des Geld-Vermögens, um wieder zum „fairen“ Kapitalismus der 70er Jahre zu gelangen, was man sich freilich nicht eingesteht und ungeachtet der Tatsache, dass die finanzbasierte Geld- und Reichtumsvermehrung der letzten Jahrzehnte durch keine realen Gebrauchswerte gedeckt ist, sodass jeder Versuch dieses Geld in stofflichen Reichtum zu verwandeln in dessen Entwertung führen würde. Hier wurde zum gefühlten hundertsten Mal der Keynesianismus wieder aufgewärmt und für die Revolution verkauft. Dahinter steckt das alte sozialdemokratische Motiv, das längst von der Tragödie zur Farce verkommen ist und das Wolfgang Pohrt einmal mit den Worten beschrieben hat: „Man tut etwas für die Revolution und genießt die beruhigende Gewißheit dabei, daß sie nie kommen wird.“
Warum die Kampagne Blödsinn ist, beschrieb jüngst Claus Peter Ortlieb in Konkret.

Einige hundert Meter luftlinie von den Bankenhassern entfernt, trafen sich andere Vernunftverweigerer, die ebenfalls den Naziaufmarsch ignorierten, um sich ihm doch zu widmen. In der Michaelisstraße feierte sich die „Stadt der Toleranz“, deren Engagement für „Vielfalt und Interkultur“ u.a. darin besteht besetzte Häuser zu räumen, ihre Bewohner zu verfolgen, Punks aus der Innenstadt zu vertreiben und eine uniformierte Schlägereinheit nach der anderen auf die Unangepassten dieser Stadt zu hetzen. Auf das Podium über „Strategien gegen Rechts“ hatte man die Verfolger höchstpersönlich gesetzt: der Polizeichef, die Bürgermeisterin und der notorische Rüdiger Bender, der „immer mit am Start [ist], wenn Ideologieproduktion ins Mäntelchen der Philosophie gehüllt werden soll“ und der – möge es unvergessen bleiben – die Hausräumung 2009 ideologisch mit vorbereitet hat, als er den Besetzern vorwarf, sie würden dem Erinnerungsort schaden, jenen Erinnerungsort, den es ohne die Besetzung niemals gegeben hätte! Bender forcierte damals die Lüge vom Alternativobjekt, das es in Wahrheit niemals gab und fiel den Besetzern im Namen des Förderkreises „Erinnerungsort Topf und Söhne“ in den Rücken. Bei solchen Leuten auf dem Podium und einer ordentlichen Portion „Charity für Gambia“ konnte richtige Volksfeststimmung aufkommen, während andere Teile des Volkskörpers in Ruhe durch die Stadt marschierten und die Antwort des Podiums zu „Strategien gegen Rechts“ vorwegnahmen. Wem kann man es da noch verübeln, dass Leute den Frust mal rauslassen wollen?

Alle Macht der Ohnmacht in Erfurt III

Inzwischen ist der Aufruf veröffentlicht und Dokument der verpassten Gelegenheit mal einiges klarzustellen und die Analyse um ein paar gescheite Gedanken voranzutreiben. Alles in allem, viel konkretes, viel appellatives und vor allem im „gesellschaftskritischen“ Teil viel linker Bewegungssprech und Flickwerk. Insbesondere der kaum zu verbergende Versuch, Erfurt zum Hort der Reaktion zu erklären, hinterlässt den bleibenden Eindruck, hier demonstriert die radikale Linke für sich selbst und wirbt um Mitleid. Derartige Aufrufe kennt man sonst aus Kleinstädten, wo ein verlorenes Häufchen Rest-Linker verzweifelt gegen die Übermacht der politischen Tristesse und faschistischer Gewalt anläuft. Die Erwägung, dass in Erfurt vor allem deswegen viele Angriffe von Nazis und Bullen dokumentiert werden, weil hier eben diese Zustände, nicht wie suggeriert, kein Alltag sind und/weil es Strukturen gibt, die Unzumutbarkeiten dokumentieren und skandalisieren, die in Apolda, Sondershausen und Hildburghausen auch passieren, dort aber kein Schwein interessieren; die Erwägung also, dass Erfurt zwar ein übles Pflaster ist, aber noch nicht der Vorhof zur Hölle, spielte bei den Frustrierten offenbar keine Rolle. Vielleicht, und das ist nur bloße Spekulation, weil viele der organisierenden Frustrierten genau aus solchen Höllen in die Landeshauptstadt geflohen sind und hier jetzt zur Beruhigung des eigenen Gewissens nachholen, was in Apolda, Sondershausen und Hildburghausen verpasst wurde, weil die in Erfurt nur temporär aufleuchtende Hölle dort tatsächlich Alltag ist, und das politische Aktivwerden hier eine Gefahr für Leib und Leben war. Wer dagegen in Erfurt demonstriert, tut das aus einer fast sicheren Position heraus, muss sich nur in seltenen Fällen darüber Gedanken machen, dass die Nazis, denen man in Apolda, Sondershausen und Hildburghausen entkommen ist, zum Hausbesuch vorbeischauen, weil man sich mit denen gar nicht erst angelegt hatte. Kaum vorzustellen, welch psychologische Entlastung sich erst einstellt, wenn man sich in Erfurt die Hölle herbeigeredet hat und hier nun für die einstige Unterlassung Buße tun kann. Ende der Spekulation.

Die Polizei und die anderen staatlichen Exekutivorgane sind auf dem rechten Auge blind. Sie agieren gezielter und konsequenter gegen die Opfer der Nazis als gegen rechte Straftäter*innen. Sie treiben Rassismus voran, statt ihn mit den ihnen möglichen Mitteln zu bekämpfen.

Alle Zitate aus: frust.blogsport.de/aufruf/

Den Bullen vorzuwerfen, sie bekämpfen den Rassismus nicht, sondern trieben ihn voran, entspräche der objektiven Logik nach, dem „Vorwurf“ gegen die sogenannten Heimatvertriebenenverbände, sie betrieben Revisionismus statt Versöhnung oder dem „Vorwurf“ gegen das bürgerliche Schulwesen, es produzierte hirntote Einheitsmenschen statt mündige Bürger. Hier schlägt sich die falsche Analyse gesellschaftlicher Mechanismen nieder, die ich bereits in Teil I angedeutet hatte. Will sagen: Bullen sind von ihrer institutionellen und gesellschaftlichen Aufgabe her immer Rassisten, weil sie dazu da sind das „Wir“ gegen die „Anderen“ abzuschotten und so die repressive öffentliche Ordnung zu erhalten; wer das leugnet, belügt sich und andere. Aus solchen naiven Forderungen spricht das falsche Vertrauen von großen Teilen der Linken (in Erfurt) in den Staat und seine Segnungen. Damit hätte dringend gebrochen werden müssen, im Aufruf wurde die Gelegenheit verpasst. Auch ersichtlich wird das kurze Zeit später.

Dennoch wird Erfurt zum “Ort der Vielfalt” gekürt. Vielfalt und Toleranz verschaffen den “Freien Kräften” am 01. Mai diesen Jahres eine ungestörte Demonstration, die in Weimar schon verboten wurde.

Mit dieser indirekten Forderung nach einem Verbot für Nazidemos spätestens ist die anfängliche Forderung nach einem konsequenten Vorgehen gegen Nazistrukturen vollständig ad absurdum geführt worden. Konsequentes Vorgehen gegen Nazis zu fordern und staatliches Eingreifen zu meinen, negiert die vermeintlich geteilte Analyse der Enstehungsbedingungen von Nazistrukturen und -ideologie aus dem Schoß der bürgerlichen Gesellschaft heraus. Soviel zu Forderungen und Konsequenzen, die theoretisch nicht gerechtfertigt werden können bzw. sich bei genauerem Hinschauen in Widersprüche verwickeln. Und was für Blüten linker Bewegungssprech trägt, wird gleich zu Beginn des vermeintlichen „Systematik“-Teils ersichtlich.

[D]as kapitalistische System durchdringt die Gesellschaft, in der wir leben.

Es ist ja schon fraglich, ob das kapitalistische System etwas anderes ist, als die samt und sonders von Verwertungsimperiativen durchdrungene Gesellschaft in der wir leben. Was hier suggeriert wird, ist allerdings Unsinn. Es zu verstehen als mehr oder minder einflussreiche Äußerlichkeit (die Wirtschaft maybe) ist sicher falsch. Vielmehr gälte es die kapitalistische Gesellschaft als Totalität zu verstehen, in der die einzelnen Momente nicht ohne die anderen verstanden werden können und in der, um Marx endlich mal ernst zu nehmen und nicht als linken Zitateonkel zu verklären, Wert- und Warenform objektive, also notwendige Gedankenformen sind. Ohne diese ist die Gesellschaft nicht zu denken und eine Gesellschaft aus der Jetzt-Perspektive zu konstruieren bzw. nur indirekt anzudeuten, die ohne auskommen könnte, muss scheitern. Den (hier unverstandenen) Bann von Wert- und Warenform zu brechen, würde tatsächlich soetwas bedeuten, wie die Verhältnisse umzuwerfen, in denen die Menschen selbstverschuldet erniedrigt, geknechtet, verlassen und verächtlich sind. tbc…

Wolfgang Pohrt und der Feminismus

Wolfgang Pohrt Generell würde ich quasi als Faustregel behaupten, dass jeder Text von Wolfgang Pohrt aus den 70er und 80er Jahren mehr kritisches Potential, mehr kritische Denkanstöße enthält als ein Jahresabo der „Jungen Welt“ und ganz sicher auch der „Thüringer Allgemeinen“. Auf einen sehr interessanten Text bin ich nun im Sammelband „Zeitgeist Geisterzeit“ aus den 80er Jahren gestoßen. Und zwar rezensiert Pohrt hier für eine Kölner Zeitung, erschienen im Mai 1986, die Zeitschrift „Emma“, „das gemäßigte Sprachrohr der Frauenbewegung“, die, so Pohrt, mit dazu beitrug, dass sich die Deutschen dank Diskriminierung und des Frauenüberschusses in der Nachkriegszeit mehrheitlich als Volk von Opfern fühlen durften. Überhaupt

versteht man die westdeutsche Frauenbewegung nicht, wenn man sie nicht als breitesten Teil einer noch breiteren Opferbewegung begreift, der sich nach und nach die Behinderten, die Alten, die Jugendlichen, die Alleinstehenden, die Kinderreichen, die Rentner, die Arbeitslosen und die Männer angeschlossen haben, mit dem Resultat, daß die Zahl der Benachteiligten in der Bundesrepublik ein Vielfaches der Einwohnerzahl beträgt, und dieser auf die Population nicht aufteilbare Überfluß an empfundener Benachteiligung dürfte einer der Gründe dafür gewesen sein, daß die Bundesdeutschen bisweilen in der Vorstellung von sterbenden Wäldern schwelgen oder sich kollektiv als Opfer vo Supermächten fühlen, die ihnen nach dem Leben trachten.

Die Zeitschrift „Emma“ sei bisweilen das Organ das den Verfall der westdeutschen Frauenbewegung unfreiwillig dokumentiert, wie ja so oft Zeitschriften immer dann gegründet werden, wenn Bewegungen zerfallen (man denke an die Phase 2). „Emma“ biete nun

allmonatlich Nestwärme und Stallgeruch, das Aroma von Nähe und Intimität, die Illusion von Geborgenheit in der kleinen, durchs große Ziel trotz alledem zusammengehaltenen Gemeinschaft. Denn längst ist der Feminismus nicht mehr konkrete Realität, er existiert nicht mehr in einer Vielzahl politisch agierender Gruppen, sondern auch der Feminismus ist mittlerweile zur Gemeinschaftsideologie vereinsamter, isolierter Massenmenschen geworden, die einander nicht leiden mögen und Kontakt zueinander nur durch die gemeinsame Zeitung finden, von welcher Ersatz für fehlende Freundinnen, Nachbarn und Familie erwartet wird.

In solchen heimeligen Bewegungs-Zeitschriften, die man herannimmt, um sich die eigenen Ressentiments und andere Dummheiten bestätigen zu lassen, finden sich dann auch Kontaktanzeigen vereinzelter und vereinsamter Frauen, auf der Suche nach dem, was die Realität ihnen beharrlich verweigert, nämlich menschlicher Nähe, liebevollen Freundinnen oder schlicht der (O-Ton) „Traumfrau“, die man wohl schon vor der digitalen Revolution über Kontaktbörsen finden konnte bzw. zu finden glaubte. Pohrt resümiert:

Am Ende der westdeutschen Frauenbewegung ist somit bewiesen, was zu erwarten gewesen war, nämlich, daß keineswegs Männer notwendig sind, um von der ‚Traumfrau‘ als einem Liebe und Zärtlichkeit absondernden Kuscheltier für die Freizeit zu schwärmen, weil der Bedarf nach solchem feierabendlichen Seelentrost nicht auf dem anatomischen Geschlechtsunterschied beruht, sondern weil diese vage, abstrakte Sehnsucht das Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse ist, welche die Menschen ohne Ansehung des Geschlechts gegeneinander verhärtet haben.

[…]

Mit der gelungenen Übernahme auch der dümmsten und durchsichtigsten Männerallüren haben die Frauen den empirischen Nachweis erbracht, daß die Leute, die sich irrtümlich für Männer oder Frauen halten, in Wahrheit geschlechtsneutrale Charaktermasken sind, denen der gespielte Geschlechtsunterschied nur den Vorwand liefert, ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, nämlich einander das Leben so sauer wie möglich zu machen.

Wie man sich nun die pseudofeministische Hölle, die die Abonnenten der „Emma“ als Offenbarung empfangen, vorzustellen hat, beschreibt die „Ober-Emma“ Alice Schwarzer treffsicher in ihren von Pohrt dokumentierten Weihnachtsplanungen: Sie feiere „zuhause, mit deckenhoher Tanne. Erst Bescherung mit ‚Stille Nacht‘ und dann, spät am Abend, ein Frauenessen mit mindestens fünf Gängen.“ Pohrt dazu:

„Im trostlosen Bild von Ex-Feministinnen, die nun als Karikatur muffigster Kleinfamilienmitglieder bei entsprechender musikalischer Umrahmung gemeinsam unterm Weihnachtsbaum tafeln, im Wort vom „Frauenessen“ auch, bei dem man nie weiß, ob die Frauen zusammen essen oder einander wechselseitig verspeisen, ist das Elend vom Ende der westdeutschen Frauenbewegung eingefangen, und rückblickend muß man ernsthaft bezweifeln, ob es je ganz richtig war, sie als Emanzipationsbewegung zu begreifen.“

Die Reflexionen Pohrts über die Rachetheorie lasse ich hier mal weg. Antiquarisch ist das Buch noch zu haben, ob der Text im neu erschienen Sammelband „Gewalt und Politik“ zu finden ist, kann ich nicht sagen. Ob sich die Emma von 1986 von der Emma von heute in positiver Weise unterscheidet, mag ich stark bezweifeln. Vernünftige Ansätze Gesellschaftskritik und Feminismus wieder miteinander zu versöhnen finden sich heute u.a. hier.

dignity III

Nazis zerschneiden!

Alle Macht der Ohnmacht in Erfurt II

Das Motto der Demonstration legt nahe, dass es darum gehen soll, sich des Frusts, der sich angesichts der unschönen Lage in Erfurt angestaut hat, endlich einmal zu entledigen. Bewusst wird offen gelassen, wie konkret das laufen soll, denn eine Demonstration an sich ist erstmal kein wirklich geeigneter Anlass, um Frust abzubauen. Viel zu oft liefert sie neue Gründe für Frust durch Polizeischikanen, provozierende Nazis und andere Wutbürger. Demonstration als eine aktionistische Entladung von Wut durch Herbeiführung eines Kontrollverlustes, Ausschreitungen, etc. ist in Erfurt noch nie geglückt bzw. war solches Scheitern schon immer Ausgang neuen Frustes (es sei an die verlorenen Kämpfe um das ehemals Besetzte Haus erinnert). Meist endet derartiges damit, dass der Roten Hilfe neue Klienten zugeführt werden, die hinterher frustrierter waren als zuvor. Und funktioniert es doch mal betreibt man am Ende auch nur eine Art Psychohygiene. Sich der berechtigten Wut in einem Akt der Aggression zu entledigen, mag ja verlockend sein und sicher steckt in der Entladung ein Stück verwirklichter Befreiung von Herrschaft, Bevormundung und Demütigung; der Beseitigung der Ursachen für diese Wut ist damit aber kein Stück weitergeholfen. Sie bleiben meist unverstanden wie eh und je und damit fortwährende Ursache erneuter Frustration oder irgendwann eben der Ausgangspunkt für die Aufgabe der einstigen Ziele und die Eingliederung ins kalte Kollektiv mit Übernahme ihrer falschen Interessen (Job, Familie, Eigenheim, Jahresurlaub).
Die logische Konsequenz ist die, dass der Frust zunächst mal verstanden werden muss, womit kein oberflächliches Verständnis gemeint sein kann (die Bullen, die Nazis, die Stadt oder Andreas Bausewein sind schuld [unschuldig sind sie sicher auch nicht]), sondern ein Verständnis der gesellschaftlichen Genesis von Verhältnissen, die Vernunft ad absurdum führen, vernünftige Interessen unterdrücken und somit frustrieren und wütend machen. Eine vielversprechende Weise Wut sinnvoll zu verarbeiten, ist nicht die blinde Aktion, sondern das offene Denken. Das wusste wiedermal Adorno herauszustellen gegen jene, die ihm vorwarfen zu resignieren, weil er praktische Konsequenzen verweigerte und sich keiner Bewegung anzuschließen vermochte, die eine bessere Gesellschaft durch ihren Aktionismus in Aussicht stellte.

Keine höhere Gestalt der Gesellschaft ist, zu dieser Stunde, konkret sichtbar: darum hat, was sich gebärdet, als wäre es zum Greifen nah, etwas Regressives. Wer aber regrediert, hat Freud zufolge sein Triebziel nicht erreicht. Rückbildung ist objektiv Entsagung, auch wenn sie sich für das Gegenteil hält und arglos das Lustprinzip propagiert.
Demgegenüber ist der kompromißlos kritisch Denkende, der weder sein Bewußtsein überschreibt noch zum Handeln sich terrorisieren läßt, in Wahrheit der, welcher nicht abläßt. Denken ist nicht die geistige Reproduktion dessen, was ohnehin ist. Solange es nicht abbricht, hält es die Möglichkeit fest. Sein Unstillbares, der Widerwille dagegen, sich abspeisen zu lassen, verweigert sich der törichten Weisheit von Resignation. In ihm ist das utopische Moment desto stärker, je weniger es – auch das eine Form des Rückfalls – zur Utopie sich vergegenständlicht und dadurch deren Verwirklichung sabotiert. Offenes Denken weist über sich hinaus. Seinerseits ein Verhalten, eine Gestalt von Praxis, ist es der verändernden verwandter als eines, das um der Praxis willen pariert. Eigentlich ist Denken schon vor allem besonderen Inhalt die Kraft zum Widerstand und nur mühsam ihr entfremdet worden. Ein solcher emphatischer Begriff von Denken allerdings ist nicht gedeckt, weder von bestehenden Verhältnissen noch von zu erreichenden Zwecken, noch von irgendwelchen Bataillonen. Was einmal gedacht ward, kann unterdrückt, vergessen werden, verwehen. Aber es läßt sich nicht ausreden, daß etwas davon überlebt. Denn Denken hat das Moment des Allgemeinen. Was triftig gedacht wurde, muß woanders, von anderen gedacht werden: dies Vertrauen begleitet noch den einsamsten und ohnmächtigsten Gedanken. Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert. Weil der Denkende es sich nicht antun muß, will er es auch den anderen nicht antun. Das Glück, das im Auge des Denkenden aufgeht, ist das Glück der Menschheit. Die universale Unterdrückungstendenz geht gegen den Gedanken als solchen. Glück ist er, noch wo er das Unglück bestimmt: indem er es ausspricht. Damit allein reicht Glück ins universale Unglück hinein. Wer es sich nicht verkümmern läßt, der hat nicht resigniert.

Aus: Theodor W. Adorno: Resignation. In: Ders.: Gesammelte Schriften 10.2. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main, 2003, S. 798f.

LKA = Scheißverein

Verschwundene Akten, Verschleppung des Zugriffs, Untätigkeit – bei der Aufklärung der Mordserie des NSU tut sich das LKA Thüringen nicht halb so engagiert hervor, wie bei dessen Ermöglichung in den Jahren zuvor. Bisher ging man in der radikalen Linken davon aus, dahinter stecke vor allem das bewusste und unbewusste Wohlwollen für die Mörder und ihr Ansinnen. Dass es sich bei den Mitarbeitern des LKA ganz einfach um Vollidioten handelt, darauf kam niemand. Neuere Erkenntnisse legen diesen Schluss nun nahe. Die Behörde ließ im Jahr 2011 über Wochen die eigenen Mitarbeiter mit einer versteckten Kamera überwachen, weil der Verdacht bestand, es werde in einer Außenstelle Klopapier entwendet. Um den Dieb des Papiers zu finden, das nach Informationen von Spiegel Online „zweilagig ist und von solcher Beschaffenheit, dass Mitarbeiter am liebsten eigenes von zu Hause mitbringen würden anstatt dieses nach Hause zu tragen“, wurde sogar extra ein Mitarbeiter aus der Abteilung „Staatsschutz“ abgestellt. Der wurde offenbar für die Überwachung von Nazis nicht benötigt, denn Anfang April 2011 war mit denen ja noch alles paletti – Uwe, Uwe und Beate erfreuten sich bester Gesundheit.

Alle Macht der Ohnmacht in Erfurt

Alle Macht der Ohnmacht

Das ist kein Wunder, denn rassistische und sozialchauvinistische Einstellungen sind kein Privileg von Nazis, sie werden vielmehr von der Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen.

aus: Kurzaufruf, frust.blogsport.de

Vor allem die auf Ausbeutung und Konkurrenz beruhende kapitalistische Gesellschaftsordnung bereitet den Nährboden für Ausgrenzung und Unterdrückung.

aus: Pressemitteilung, frust.blogsport.de

Rassistische und sozialchauvinistische Einstellungen, die „mitgetragen“ werden von der ominösen „Mehrheit der Bevölkerung“, kapitalistische Ausbeutung und Konkurrenz, die Ausgrenzung und Unterdrückung den „Nährboden bereiten“ – so klingt das wenn Linke sich verleugnen oder nie verstanden haben, dass Ausgrenzung wie rassistische und antisemitische „Einstellungen“ keine Erkrankung des Bewusstseins sind, sondern notwendig in dieser Gesellschaft entstandenes und entstehendes Denken, Ideologie; ferner: dass es diese Gesellschaft ohne Rassismus und Antisemitismus niemals geben wird, sondern dass vor allem die deutsche Gesellschaft nach 1945 nie etwas anderes war als ein Mordkollektiv im Wartestand. Aus dieser Hölle führt kein Belehren der Menschenfeinde über ihre Menschenfeindlichkeit durch eine aktionistische Linke im Kampf gegen die eigene Ohnmacht, sondern radikale Aufklärung, die immer zuerst Selbstaufklärung ist, über die eigene Verstrickung ins falsche und damit die Reflexion auf diese Ohnmacht. Es geht darum an Brüchen und Widersprüchen der verhärteten Realität anzusetzen und zu demonstrieren, dass die Verhältnisse nichts anderes bedeuten als permanente Gewalt gegen sich und andere. Dahingehend lassen Kurzaufruf und Pressemitteilung noch Wünsche offen. tbc…

„Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“

aus: Theodor W. Adorno: Minima Moralia, Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main, 2003, S. 34.

dignity II

„Weil jeden Tag meines Lebens ein Teil von mir gestorben ist“

Arnstädter Peinlichkeiten

Hampelmann

Ein besonders denkwürdiger, weil irre anmutender, Moment ergab sich, als die Nazidemo an der Gegenkundgebung auf dem Marktplatz vorbeizog. Dill, der die Demo begleitete, wandte sich der Menge zu, riss die Arme hoch und animierte die Menge dazu, den fanatischen Nazis noch fanatischer entgegenzubrüllen. Dazu lief aus der Lautsprecheranlage Schillers „Ode an die Freude“, die von Beethoven im 4. Satz seiner 9. Sinfonie vertont wurde. Mehr unfreiwillig wirkte Dill wie ein Dirigent, der der Masse aber nicht wirklich ästhetische Klänge entlockte, sondern das zu solchen Anlässen obligatorische Geschrei (TA berichtete). Auf eine ideologiekritische Analyse dieser Situation soll hier mal verzichtet werden. Es gäbe viel dazu zu sagen, vielleicht nur soweit: wer in dieser Situation Unwohlsein empfand und sich von dieser Massendynamik eher abgestoßen, als angezogen gefühlt hat, dessen Zweifel haben ganz sicher ihre Berechtigung.

Quelle

Nazis vertreiben, Flüchtlinge bleiben!

Heute demonstrierten ca. 100 Flüchtlinge und Unterstützer im Rahmen eines Aktionstages des bundesweiten Flüchtlingsstreiks durch Erfurt. Einige Stunden zuvor griffen neun Nazis die Teilnehmenden der Flüchtlingskundgebung vor dem Thüringer Landtag an und wurden in die Flucht geschlagen. Entlang der Strecke wurde an zwei Sammelunterkünften für Flüchtlinge in der Stauffenbergallee gehalten. Außerdem gab es größere Kundgebungen am Anger und am Bahnhof. Morgen ziehen die streikenden Flüchtlinge weiter Richtung Berlin.

vor dem Landtag

erste Sammelunterkunft für Flüchtlinge an der Stauffenbergallee

Transpi-Aktion an der Sammelunterkunft für Flüchtlinge in der Stauffenbergallee

zweite Sammelunterkunft an der Stauffenbergallee

Skurrile Situation: Die für das staatliche „Flüchtlingshilfswerk der UNO“ Arbeitenden wissen nichts von der Flüchtlingsdemo und sind peinlich berührt, als jene, denen sie vermeintlich helfen wollen, vorbeidemonstrieren. Im Kampf für die Rechte der Flüchtlinge in Deutschland ist das UNO-Hilfswerk nicht wahrnehmbar. Die Institution dient mehr dazu, dass sich Gutmenschen mit Ablass das Gewissen erleichtern.

Rivalisierende Jugendbanden?

Wenn Nazis sich in Erfurt, nach vorheriger Ankündigung, zusammenrotten und eine Pressekonferenz von Flüchtlingen angreifen, klingt das bei der Thüringer Allgemeine so:

„Neonazis und Flüchtlinge prügeln sich bei Demo vor Landtag in Erfurt“.

Nicht nur, dass aus der Überschrift nicht hervorgeht, wer hier wen angegriffen hat, was erst in der Bildunterschrift nachgeholt wurde, die Terminologie ist ignorant und verharmlosend zugleich. Als handelte es sich um eine Kneipenschlägerei und nicht, um einen gezielten Angriff auf die Gesundheit von Menschen, denen in der deutschen Gesellschaft sowieso bald jeder nach dem Leben trachtet. Bekannt sind solche Relativierungen faschistischer Gewalt aus den oft für solche Zwecke herbeizitierten „rivalisierenden Jugendbanden“, wenn Nazis statt Flüchtlingen wieder mal linke Jugendliche angegriffen haben.

Dass die Polizei „mit der Situation etwas überfordert“ war, überrascht in Erfurt auch keinen. Wenn diese Leute ihre Augen auf die Umgebung der Kundgebungsortes gerichtet hätten und nicht nach potentiellen Residenzpflicht-Verstößlern Ausschau gehalten hätten, hätten sicher auch „wenige Polizisten“ genügt, um die angreifenden NPD-Funktionäre und Anhang zu stoppen. Dass keine Polizisten nötig waren, um die Angreifer zu verteidigen, ist der Entschlossenheit der Flüchtenden und ihrer Unterstützer zu verdanken.

Quelle (18.09.2012, 14 Uhr)

Heute ab 16 Uhr: Demo

Freunde