Wolfgang Pohrt und der Feminismus

Wolfgang Pohrt Generell würde ich quasi als Faustregel behaupten, dass jeder Text von Wolfgang Pohrt aus den 70er und 80er Jahren mehr kritisches Potential, mehr kritische Denkanstöße enthält als ein Jahresabo der „Jungen Welt“ und ganz sicher auch der „Thüringer Allgemeinen“. Auf einen sehr interessanten Text bin ich nun im Sammelband „Zeitgeist Geisterzeit“ aus den 80er Jahren gestoßen. Und zwar rezensiert Pohrt hier für eine Kölner Zeitung, erschienen im Mai 1986, die Zeitschrift „Emma“, „das gemäßigte Sprachrohr der Frauenbewegung“, die, so Pohrt, mit dazu beitrug, dass sich die Deutschen dank Diskriminierung und des Frauenüberschusses in der Nachkriegszeit mehrheitlich als Volk von Opfern fühlen durften. Überhaupt

versteht man die westdeutsche Frauenbewegung nicht, wenn man sie nicht als breitesten Teil einer noch breiteren Opferbewegung begreift, der sich nach und nach die Behinderten, die Alten, die Jugendlichen, die Alleinstehenden, die Kinderreichen, die Rentner, die Arbeitslosen und die Männer angeschlossen haben, mit dem Resultat, daß die Zahl der Benachteiligten in der Bundesrepublik ein Vielfaches der Einwohnerzahl beträgt, und dieser auf die Population nicht aufteilbare Überfluß an empfundener Benachteiligung dürfte einer der Gründe dafür gewesen sein, daß die Bundesdeutschen bisweilen in der Vorstellung von sterbenden Wäldern schwelgen oder sich kollektiv als Opfer vo Supermächten fühlen, die ihnen nach dem Leben trachten.

Die Zeitschrift „Emma“ sei bisweilen das Organ das den Verfall der westdeutschen Frauenbewegung unfreiwillig dokumentiert, wie ja so oft Zeitschriften immer dann gegründet werden, wenn Bewegungen zerfallen (man denke an die Phase 2). „Emma“ biete nun

allmonatlich Nestwärme und Stallgeruch, das Aroma von Nähe und Intimität, die Illusion von Geborgenheit in der kleinen, durchs große Ziel trotz alledem zusammengehaltenen Gemeinschaft. Denn längst ist der Feminismus nicht mehr konkrete Realität, er existiert nicht mehr in einer Vielzahl politisch agierender Gruppen, sondern auch der Feminismus ist mittlerweile zur Gemeinschaftsideologie vereinsamter, isolierter Massenmenschen geworden, die einander nicht leiden mögen und Kontakt zueinander nur durch die gemeinsame Zeitung finden, von welcher Ersatz für fehlende Freundinnen, Nachbarn und Familie erwartet wird.

In solchen heimeligen Bewegungs-Zeitschriften, die man herannimmt, um sich die eigenen Ressentiments und andere Dummheiten bestätigen zu lassen, finden sich dann auch Kontaktanzeigen vereinzelter und vereinsamter Frauen, auf der Suche nach dem, was die Realität ihnen beharrlich verweigert, nämlich menschlicher Nähe, liebevollen Freundinnen oder schlicht der (O-Ton) „Traumfrau“, die man wohl schon vor der digitalen Revolution über Kontaktbörsen finden konnte bzw. zu finden glaubte. Pohrt resümiert:

Am Ende der westdeutschen Frauenbewegung ist somit bewiesen, was zu erwarten gewesen war, nämlich, daß keineswegs Männer notwendig sind, um von der ‚Traumfrau‘ als einem Liebe und Zärtlichkeit absondernden Kuscheltier für die Freizeit zu schwärmen, weil der Bedarf nach solchem feierabendlichen Seelentrost nicht auf dem anatomischen Geschlechtsunterschied beruht, sondern weil diese vage, abstrakte Sehnsucht das Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse ist, welche die Menschen ohne Ansehung des Geschlechts gegeneinander verhärtet haben.

[…]

Mit der gelungenen Übernahme auch der dümmsten und durchsichtigsten Männerallüren haben die Frauen den empirischen Nachweis erbracht, daß die Leute, die sich irrtümlich für Männer oder Frauen halten, in Wahrheit geschlechtsneutrale Charaktermasken sind, denen der gespielte Geschlechtsunterschied nur den Vorwand liefert, ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, nämlich einander das Leben so sauer wie möglich zu machen.

Wie man sich nun die pseudofeministische Hölle, die die Abonnenten der „Emma“ als Offenbarung empfangen, vorzustellen hat, beschreibt die „Ober-Emma“ Alice Schwarzer treffsicher in ihren von Pohrt dokumentierten Weihnachtsplanungen: Sie feiere „zuhause, mit deckenhoher Tanne. Erst Bescherung mit ‚Stille Nacht‘ und dann, spät am Abend, ein Frauenessen mit mindestens fünf Gängen.“ Pohrt dazu:

„Im trostlosen Bild von Ex-Feministinnen, die nun als Karikatur muffigster Kleinfamilienmitglieder bei entsprechender musikalischer Umrahmung gemeinsam unterm Weihnachtsbaum tafeln, im Wort vom „Frauenessen“ auch, bei dem man nie weiß, ob die Frauen zusammen essen oder einander wechselseitig verspeisen, ist das Elend vom Ende der westdeutschen Frauenbewegung eingefangen, und rückblickend muß man ernsthaft bezweifeln, ob es je ganz richtig war, sie als Emanzipationsbewegung zu begreifen.“

Die Reflexionen Pohrts über die Rachetheorie lasse ich hier mal weg. Antiquarisch ist das Buch noch zu haben, ob der Text im neu erschienen Sammelband „Gewalt und Politik“ zu finden ist, kann ich nicht sagen. Ob sich die Emma von 1986 von der Emma von heute in positiver Weise unterscheidet, mag ich stark bezweifeln. Vernünftige Ansätze Gesellschaftskritik und Feminismus wieder miteinander zu versöhnen finden sich heute u.a. hier.


2 Antworten auf „Wolfgang Pohrt und der Feminismus“


  1. 1 Hisham 23. November 2012 um 13:41 Uhr

    Manche Menschen einfach…
    Da fehlen mir die Worte!
    Feminismus hat vielen Männern noch nie gepasst. Herr Pohrt ist hier keine Ausnahme.

  2. 2 kinky 01. Dezember 2012 um 20:22 Uhr

    auch wenn ich ein bisschen angeschlagen bin, hier noch ein paar böse anmerkungen zu dem artikel:

    die emma-ausgaben aus allen jahren kann mensch sich auf der emma-seite anschauen, wenn mensch einiges an software dafür runterläd.

    dass sich die Deutschen dank Diskriminierung und des Frauenüberschusses in der Nachkriegszeit mehrheitlich als Volk von Opfern fühlen durften.

    usw. naja patriachat, sexismus oder was funktioniert ja nicht ohne beteiligung oder internalisierung von frauen. so kannst du doch genug frauen treffen, die sich im hier und jetzt aufgrund ihres geschlechts überhaupt nicht unterdrückt fühlen und gemeinsam mit männern auf die bösen emanzen schimpfen.
    „opferbewegung“ ist quatsch um diskriminierte zu dissen.
    die emma wurde 1977 gegründet.
    naja und erst im ersten zitat ne masse von benachteiligten, die die bdr-einwohnerzahl weit übersteigt und dann auf einmal im zweiten zitat eine untergehende mini-gruppe, total vereinzelter massenmenschen.

    ‚Traumfrau‘ als einem Liebe und Zärtlichkeit absondernden Kuscheltier für die Freizeit zu schwärmen,

    ja eben, das transportiert doch trotzdem ein bestimmtes FRAUENbild und damit eine rolle, die eben nur eine FRAU einnehmen kann.

    das Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse ist, welche die Menschen ohne Ansehung des Geschlechts gegeneinander

    das ist doch mal völliger blödsinn. gesellschaftliche verhältnisse lassen sich doch nicht ohne ein „geschlechter“-verhältnis denken

    Mit der gelungenen Übernahme auch der dümmsten und durchsichtigsten Männerallüren haben die Frauen den empirischen Nachweis erbracht

    mal dahingestellt, was eine kontaktanzeige für ein toller „empirischer nachweis“ sein soll und mal angenommen es geht um sexismus, ja dann siehe oben – aber was für eine neuigkeit für wolfgang – auch frauen/lesben können sexistisch sein. was für eine erleichterung. wenn wir jetzt noch empirisch herausfinden, dass es auch rassistische people of color gibt und veganer, die stechmücken totschlagen, dann ist die welt in ordnung.

    Wahrheit geschlechtsneutrale Charaktermasken sind, denen der gespielte Geschlechtsunterschied nur den Vorwand

    ein „gespielter geschlechtsunterschie“ in einer zeit, wo zum beispiel v*rg*w*l****** in der ehe noch völlig legal war.

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