Archiv für Dezember 2012

Verbitterte Hedonisten

Insofern der Spätkapitalismus den Typus des Infantilen, weil in kindlicher Abhängigkeit und Ohnmacht gehaltenen, zum dominierenden Sozialcharakter macht […] sind für den sofortigen Genuss übrigens nichtmal die elementaren Voraussetzungen gegeben, weil man erst einen dezidierten Wunsch haben muß, um ihn sich erfüllen zu können. Ganz analog zu verzogenen, mäkligen Kindern, deren Unglück darin besteht, gleichzeitig Schlagsahne mit Pommes essen und spielen und dabei eigentlich nichts von alledem zu wollen, leiden die Erwachsenen heute in der Regel nicht unter unerfüllbarer Sehnsucht – ein Leiden, welches auch seine Vorzüge hat –, sondern sie leiden unter einer Art von wunschlosem Unglücklichsein, welches umschlägt in die unersättliche, weil niemals Erfüllung findende Gier, alles haben und gleich wieder wegschmeißen zu wollen. Während die Propagandisten eines Neuen Hedonismus ungebrochene Genußfreude zu erkennen meinen im Verhalten besonders des bundesdeutschen Mittelstands, den man auffassen könnte als riesige Selbsthilfegruppe, die ebenso verbissen wie vergeblich bemüht ist, sich Gutes zu tun, sei es durch Schöner Wohnen, Vornehmer Trinken oder Gesünder Essen, während die Propagandisten eines Neuen Hedonismus also in all diesen Aktivitäten Indikatoren für ungebrochene Genußfreude zu erkennen meinen, übersehen sie, daß die rastlose, zwanghafte, stressige und fast schon hauptberufliche Suche nach dem Genuß das Verhalten von Leuten ist, die ihn nirgends finden können, von Leuten auch, denen sich die unersättliche Gier und die ewige Frustration irgendwann in die Gesichtszüge gräbt und die daher nicht satt, zufrieden und glücklich wirken, sondern hart, neidisch, lauernd und verbittert.

Aus: Wolfgang Pohrt: Der Hamster im Käfig – Freizeit: ‚Anders leben‘ oder ‚Genuß sofort‘? In: Ders.: Ein Hauch von Nerz – Kommentare zur chronischen Krise. Tiamat-Verlag, Berlin, 1989, S. 191f.

Weihnachtswünsche

via: totestier

Reflexion zur Frust-Demo

Dass Meinungen überhaupt pluralistisch nebeneinander stehen können und dies als eine demokratische Wahrheit gilt, bleibt den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen verhaftet: Denn es wurde nicht erkannt, dass aus einer widersprüchlichen Gesellschaft gegeneinander gerichtete Interessen erwachsen und diese Antagonismen in einer Kritik dieser Gesellschaft entwickelt und überwunden werden müssen. Daran mitzuwirken, Interessen zu einem Miteinander, einem Kompromiss, zu fügen […], verlängert die bisherige Geschichte, die immer eine von Herrschaft und Ausbeutung war und immer noch ist. Eine linksradikale Kritik muss daher den Schluss ziehen, was zu erkennen bleibt: der einzig richtige Imperativ, diese Gesellschaft, alle gewaltförmigen Verhältnisse abzuschaffen. In der kollektiven Erkenntnis dieses Imperativs wird er zugleich vollzogen und die Frage nach dem „was tun?“ obsolet.

Dieser Kritik folgend hat die Demonstration keinen linksradikalen Anspruch eingelöst. Der Aufruf übt vielmehr den Spagat zwischen kategorialer Kritik und konkreter Politik. Die überwiegend positiven Rückmeldungen aus der Ziviligesellschaft bestätigen den Reformismus dieser Übung. Es bleibt zu hoffen, dass die Diskussionen einen Anstoß für das Nachdenken über diesen Imperativ leisten konnten. Was die Demonstration geleistet hat, weiß ich nicht – vielleicht hat sie irgendeinem zivilgesellschaftlichem Akteur zu politischem Einfluss verholfen.

In Gänze lesenswert: KLICK

Die Gesellschaft und ihre Gewalt

Suhl: Zum Foltermord an einem „Asozialen“

Im Juni diesen Jahres folterten und töteten drei junge Männer einen 59-jährigen Mann in einem Suhler Plattenbau, um, wie die Presse schrieb, „Geld von ihm zu erpressen“. Dass Habgier der ausschlaggebende Grund gewesen sein soll, ist nur Zeichen fehlender Analyse gesellschaftlicher Ausschlussmechanismen. Der Mann wurde letztendlich nicht gefoltert, weil er zu wenig Geld rausrückte, sondern weil die Täter sich in ihren gescheiterten Existenzen an ihm aufrichten wollten.

Gründe der Gewalt

In der rassistischen Verfolgung, die sich gegen Flüchtlinge, Migranten oder schlicht „Ausländer“ richtet, kompensiert das verfolgende bürgerliche Subjekt seine Angst vor dem Untergang in der allgemeinen kapitalistischen Konkurrenz. Es verfolgt seine Opfer, um sie als potentielle oder wirkliche Konkurrenten, um die in dieser Gesellschaft verknappten Ressourcen, zu beseitigen und sich als Teil eines Kollektivs fühlen zu dürfen, in dem man vor Verfolgung vermeintlich qua Geburt geschützt ist. (Zur Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Verhältnis des Rassismus) Die Verfolgung von Obdachlosen oder sogenannten „Asozialen“ folgt im Grunde derselben psychosozialen gesellschaftlichen Dynamik, in der meist fast ebenso gesellschaftlich Geächtete noch die verfolgen, die sie als Rangniedere wahrnehmen, um sich an deren Verfolgung aufzurichten. Der Ermordete von Suhl war ein solcher Mensch, den die Gesellschaft als „Asozialen“ abstempelt. Nichtmal seinen Namen verwendet die Presse, sie nennt nur seinen Spitznamen: „Fisch“ bzw. im Viertel auch bekannt als der „Kippensammler“, was wohl daher rührt, dass der Mann in Papierkörben nach Pfandflaschen und Tabakresten suchte, um seine eigene Armut etwas erträglicher zu gestalten. Der Mann wohnte in einer Ein-Raum-Wohnung in der Ringbergstraße in Suhl-Nord, in der ihn seine drei Peiniger auch überfielen. Die drei jungen Männer waren in einer ganz ähnlichen Situation wie ihr Opfer, alle drei waren arbeitslos und hatten ihre Ausbildungen abgebrochen. Sie befanden sich selber am Rand der Gesellschaft, perspektivlos und verarmt. Um der Einsicht in ihre eigene Nichtigkeit und Überflüssigkeit, zu der die Menschen in dieser Gesellschaftsordnung verdonnert sind, zu entgehen, bedienten sie sich – freilich unbewusst – eines gesellschaftlichen Mechanismus, wie er auch im Rassismus zur Geltung kommt. In der Unterwerfung des rangniederen „Asozialen“ durch äußerste Gewalt, gewannen sie für kurze Zeit die Handlungsfähigkeit zurück, die ihnen die Gesellschaft vorenthält. Sie fanden in ihrer eigenen Aufwertung gegenüber ihrem Opfer Kompensation für jene verlustig gegangene Verfügung über sich selbst, die in dieser Gesellschaft verliert, wer sein Auskommen nicht durch Lohnarbeit bestreitet und deswegen vom Subjekt seiner Arbeitskraft zum Objekt des Arbeitsamtes degradiert wird.

weiterlesen bei der Antifa Suhl/Zella-Mehlis

Das Gott der Sprachpolitik

Heute steht eine Vorkämpferin für „emanzipatorische Sprache“ (Zitat: Kinky, siehe erster Kommentar) unter Beschuss, weil sie sich, geschult an den sprachpolitischen Pseudofeministen dieser Welt, dafür einsetzt aus Gott ein Ding zu machen.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) will beim Vorlesen für ihre anderthalb Jahre alte Tochter diskriminierende Begriffe sofort entschärfen. Wenn etwa Pippi Langstrumpfs Vater als „Negerkönig“ bezeichnet werde oder Jim Knopf als „Negerbaby“, dann werde sie dies bei ihrer Tochter „synchron übersetzen, um mein Kind davor zu bewahren, solche Ausdrücke zu übernehmen. Auch ohne böse Absicht können Worte ja Schaden anrichten. Wenn ein Kind älter ist, würde ich dann erklären, was das Wort ‚Neger’ für eine Geschichte hat und dass es verletzend ist, das Wort zu verwenden“, sagte sie der ZEIT. […]

Schröder sagte, gerade Grimms Märchen etwa seien „oft sexistisch“. „Da gibt es selten eine positive Frauenfigur.“ Sie wolle deshalb neben Grimms Märchen auch andere Geschichten mit anderen Rollenbildern setzen, so die Ministerin. Auch der bestimmte Artikel in „der liebe Gott“ habe aus ihrer Sicht nichts zu bedeuten, so Schröder. „Man könnte auch sagen: Das liebe Gott.“

Quelle: ZEIT

Und wieder zeigt sich nur, dass Sprachpolitik kein Mittel ist um gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern. Die Rassisten können den Begriffen Neger oder Zigeuner ausweichen, bleiben deshalb aber Rassisten und auch wenn die menschliche Projektionsleistung Gott neuerdings nur ein Ding sein soll, ändert das am Geschlechterverhältnis überhaupt nichts. Mit ihrer „emanzipatorischen Sprache“ haben die sprachpolitischen Aufpasser den Herrschenden nur dazu verholfen, die unmenschlichen, des Rassismus wie des Geschlechterantagonismus bedürfenden Verhältnisse besser zu verhüllen. Glückwunsch!

Staatsbürgerliches Verantwortungsbewusstsein in Jena

Abschiebung vorerst verhindert – Polizeiaktion am Jenaer Asylbewerberheim blockiert

Jena. Um 5 Uhr morgens trafen sich ca. 100 Personen, darunter auch viele Studierende, am AsylbewerInnenheim um die Eingänge zu blockieren und so die Polizei an der Abschiebung einer Familie zu hindern. Wie am Vorabend bekannt wurde, war die Inhaftierung zwecks der Abschiebung von der Polizei für 6 Uhr morgens geplant. Um kurz vor sechs ist die Polizei vor dem Wohnheim vorgefahren, hat aber nach kurzer Sondierung der Lage angesichts der vielen anwesenden Personen die Aktion nach kurzer Zeit wieder abgebrochen.

Die Familie soll trotz des vom Innenministeriums erst kürzlich erlassenen Abschiebestops in Haft genommen werden, da sie bereits in Frankreich einen Asylantrag gestellt hätte. Somit sei Frankreich zuständig und die Familie soll dort hin überführt werden. Von Frankreich aus ist die Abschiebung nach Serbien zu erwarten. „Das Land macht es sich natürlich sehr einfach, wenn es sich damit rausredet, dass ja gar nicht in den Balkan sondern nur nach Frankreich abgeschoben wird.“, so Janine Eppert, Mitglied des Vorstandes des Studierendenrates (StuRa). „Da die Abschiebung aus Frankreich feststeht, ist es moralisch das selbe, als wenn die Abschiebung in den Balkan erfolgt.“

Wenn die Zivilgesellschaft in diesem Land, die da u.a. in den Studierendenvertretungen heranwächst, sich mehr auf dieses Aktionsfeld fokussieren würde, dann wäre sie zumindest nicht ganz überflüssig. Aber man belässt es freilich nicht dabei, man muss auch noch den Beweis antreten, dass man wiedermal aus den falschen Gründen das richtige getan hat:

Kind ist gut integriert – Abschiebung unbegründet Es liegen keine begangenen Straftaten vor und das vierjährige Kind der Familie ist gut in die Gemeinschaft integriert. Vor diesem Hintergrund gibt es keinen Grund die Familie abzuschieben.

Schlecht integrierte Kinder mit den in den unteren und abgestoßenen Schichten üblichen Straftatbeständen sind demnach begründet abzuschieben. Ihnen kommt offenbar das beschworene „Menschenrecht auf Bildung“ nicht zu. Nur wer sich in Dankbarkeit der Verwertung anpreist, darf auf die Hilfe derer hoffen, die die ökonomische Krise noch nicht zu Faschisten gemacht hat. Und der Studierendenrat weiß die Drohung auch offen auszusprechen:

„Wir freuen uns, dass sich auch so viele Studierende an der Blockade beteiligt haben. Das ist das staatsbürgerliche Verantwortungsbewusstsein, dass[sic!] mit dem Hochschulgesetz von den Studierenden gefordert wird.“

Dieses „staatsbürgerliche Verantwortungsbewusstsein“ der Deutschen wird noch fürchten lernen, wer sich dessen Imperativen nicht beugen kann. Dann könnten die Gutmenschen von heute wieder die Exekutoren der „Produktionsweise des Todes“ (ISF) von morgen werden, weil der ökonomische Sachzwang jeden moralischen Zweifel aus der Welt geräumt hat.

Quelle des zitierten Artikels: Jenapolis

A red star up on the christmas tree

Magnus Klaue gegen Unterstrich und Co.

Äußerst lesenswert:

Die meisten Linken hierzulande ähneln sich darin, daß sie weder lesen noch schreiben können. Wie sie sich aber das Vergnügen an ihren ebenso vorhersehbaren wie folgenlosen »Mobilisierungen« nicht durch die Enttäuschung darüber verderben lassen, daß jeder abgefeierte Aufstand sich früher oder später als zeitgemäße Form der Regression entpuppt, so gerät ihre redundante Gesinnungstextproduktion durch ihren habituellen Analphabetismus nie ins Stocken. Weit davon entfernt, die Sprache gleich anderen Öffentlichkeitsarbeitern als unbegriffene, aber nützliche Hirn- und Mundspülung zu verwenden, sich ihr also mit lässigem Pragmatismus zu nähern, wollen sie sie sogar verbessern, um sie möglichst geschlechter- und schichtengerecht zu gestalten. Wie bei allen ihren Projekten geht es ihnen auch bei solchem Sprachreformismus statt um Wahrheit nur um Politik. Sprache gilt ihnen nicht als Ausdrucksform, in der sich die Erfahrung einer widersprüchlichen Wirklichkeit kristallisiert, sondern als »Konstruktion«, an der so lange herumzulaborieren sei, bis sie der vermeintlich korrekten Gesinnung entspricht, deren sprachlichen Niederschlag man dann mit jener Realität verwechselt, die man längst nicht mehr zur Kenntnis nimmt. Den konformierenden Dissidenten erkennt man daran, daß er auf die zarteste Regung verwirklichter Freiheit eher verzichten kann als auf den Unterstrich.

Anders als die Beschwörung verändernder Praxis suggeriert, ist dieses Sprachverständnis durch und durch idealistisch. Weil Sprache nicht als Form des Ausdrucks verstanden wird, deren Triftigkeit oder Hohlheit an ihr selbst aufzuweisen wäre, sondern als Modus der Konstruktion von Realität, verschmelzen in der linken Sprachpolitik Paranoia und Willkür. Einerseits wähnt man sich, da man Sprache nicht anders zu denken vermag denn als alles und jedes überhaupt erst konstituierendes Zwangssystem, von diversen »Diskursen« und »Dispositiven« umstellt oder wenigstens »adressiert«. Andererseits glaubt man, mittels der Sprache, da sie doch wirklichkeitskonstituierende Kraft habe, gleich auch die Gesellschaft verändern zu können, die sie spricht, und frönt einem Reglungswahn, der noch vor 50 Jahren das Privileg deutschnationaler Sprachreiniger gewesen ist. Mit diesen gemein haben die progressiven Sprachwächter zumindest die Annahme, daß die Sprache und ihre Verwendung permanent auf die Korrektheit der ihr zugrunde liegenden Gesinnung überprüft werden müßten. Die Frage, weshalb all die geschlechtergerecht sprechenden Menschen sich im Alltag untereinander genauso roh und geistlos verhalten wie je, kommt gar nicht mehr auf. Das Bemühen um die korrekte Sprache hat die Sehnsucht nach dem besseren Leben erstickt.

Während Sprachpolitik sich nur dafür interessiert, wozu Sprache dienen kann, nimmt Sprachkritik die Sprache in dem ernst, was sie wirklich sagt. Gäbe es heute noch Sprachkritik, würde sie sich beispielsweise der Frage widmen, was es sozialpsychologisch bedeutet, daß Menschen ganze Arbeitskreise zwecks Optimierung der sprachlichen »Repräsentation« ihrer sexuellen, ethnischen oder sozialen Identität gründen, oder weshalb lesbische, schwule, transsexuelle und bisexuelle Menschen es als politischen Erfolg statt als Erniedrigung auffassen, sich in einem Wort zusammengeschweißt zu finden, das wie der Kurztitel einer neuen Castingshow klingt: LGBT. Sie würde sich überdies fragen, welche gesellschaftliche Disposition in der Tatsache zum Ausdruck kommt, daß der progressive Politsprech von Metaphern der Medienwelt, von Optionen, Netzwerken und Schnittstellen, durchzogen ist, oder weshalb Menschen, die früher soziale Kämpfe führten, sich heute zu politischen Akteuren depotenzieren. Doch der akribische Blick fürs Oberflächliche, der im rhetorischen Abhub der Wirklichkeit die Wahrheit über sie entdeckt, ist der Bereitschaft gewichen, alle sprachlichen Skrupel im Kampf um die Deutungshoheit fahrenzulassen. Die Sprache ist im Guten wie im Schlechten nicht mehr Medium der Erkenntnis, sondern der kulturellen Hegemonie: Wenn kein Karl Kraus mehr über sie richtet, verwandeln sich alle eingebildeten Kritiker in kleine Antonio Gramscis.

In Gänze: Magnus Klaue bei Konkret 12/12

Oxymoron des Jahres

Unumstrittener Sieger beim Contest für das Oxymoron des Jahres 2012 (freilich ohne jede Mehrdeutigkeit, also eher im Sinne eines Antagonismus oder einer Lüge) ist der Polizeibeamte Steffen Gründel. Er initiierte die Aktion „Policat“ bei der Kinder von Experten in Sachen Gewaltanwendung (Polizisten) erklärt werden soll, wie man sich vor Gewalt schützt oder anders gesagt: wie man ein angepasster, gut funktionierender Maschinenmensch wird, der die objektive Gewalt, die von dieser Gesellschaft ausgeht, als seligen Reigen empfängt und künftig die verfolgt, denen Anpassung versagt bleibt oder die sie ablehnen. Das Maskotchen dieser Farce ist ausgerechnet eine Katze, der Inbegriff von Widerständigkeit und Unangepasstheit. Mehr Widerspruch geht nicht. Deswegen herzlichen Glückwunsch, Steffen Gründel! Möge eine List der Vernunft auch dir eines Tages Erkenntnis bescheren.


Bildquelle: MDR.de

Wolfgang Pohrt über das Kinder-in-die-Welt-setzen

Wenn die Menschen aus dem, was sie durchgemacht haben, jemals irgendwelche Lehren gezogen hätten, d.h. wenn diese Qualen und dieses Elend sie nachhaltig verändert hätten, dann könnte es seit tausenden von Jahren keinen Krieg mehr geben. Faktisch ist das Gegenteil passiert: Kaum war der Krieg vorbei, haben die Leute schon wieder das nächste Kanonenfutter in die Welt gesetzt, und so ging es dann lustig immer weiter. [… Gerade das Kinderkriegen in Lebenskrisen] ist doch eine sehr konventionelle, um nicht zu sagen archetypische Verhaltensweise, die eigentlich nur noch einmal beweist, daß Leid, Qual und Elend nicht die Mittel sind, um die Menschen in irgendeiner Weise zu verändern. […] Eine Welt, die Auschwitz hervorgebracht hat, und sich danach nicht grundlegend geändert hat, ist eine Welt, in die man besser keine Kinder mehr setzen sollte. Das wäre ein vernünftiger Schluß. Aber so logisch verhalten sich die Leute nicht.

Aus: Wolfgang Pohrt: Sinnkrise und Bildungsdünkel – Gespräch mit Henryk M. Broder. [23.02.1988] In: Ders.: Ein Hauch von Nerz – Kommentare zur chronischen Krise. Tiamat-Verlag, Berlin, 1989, S. 136.

Brothers in crime II

Thüringer Verfassungsschutz initiierte Jagd auf Antifaschist_innen

Im Oktober 2007 veröffentlichte die Erfurter NPD eine Liste mit politischen Gegner_innen, die bei einem Angriff auf ein Nazilokal beteiligt gewesen sein sollen, mit der latenten Aufforderung, sich diese „asozialen Elemente der linken Szene“ vorzuknöpfen (JAPS berichtete). Die entsprechenden Daten lieferte, wie nun bekannt wurde, der Verfassungsschutz dem damaligen Erfurter NPD-Chef Kai-Uwe Trinkaus, der sich nun öffentlich als Spitzel enttarnt und gegenüber dem MDR ausgepackt hat.

Trinkaus war zwischen 2005 und 2008 führender Kader der Thüringer NPD. Er gilt als führender Kopf des Machtkampfes von 2007/08, der die etablierte NPD-Führung stürzen sollte (AGST berichtete: 1; 2). Trinkaus scheiterte damals, wurde aus der NPD ausgeschlossen und trieb in anderen Naziparteien und -vereinen sein Unwesen (AG17/AGST berichteten: 1; 2; 3). Im Rahmen der Enthüllungen des MDR, demgegenüber Trinkaus sich jetzt geoutet hat, um der Offenlegung von Geheimdienstakten im Rahmen der NSU-“Aufklärung“ zuvorzukommen, wurde deutlich, dass Trinkaus seine Kameraden von Mai 2006 bis zum Jahr 2010 bespitzelte. Durch das üppige Sold des Verfassungsschutzes (ca. 1000€ im Monat) finanzierte er die Nazizeitschrift „Bürgerstimme“, den NPD-Kreisverband, die Unterwanderung und Selbstgründung diverser Vereine und das NPD-Bürgerbüro.

Doch nicht nur das. Der Verfassungsschutz nutzte Trinkaus auch um Antifaschist_innen zu bekämpfen. So schleuste Trinkaus mit Wissen und unter Mithilfe des Verfassungsschutzes einen Spitzel in die Linke-Landtagsfraktion, deren Mentoren-Programm und die Jusos ein. Der interessanteste und vielsagendste Teil der neuerlichen Posse betrifft elf Antifaschist_innen, die am 23. Juni 2007 von der Polizei festgenommen wurden. Ihnen wurde vorgeworfen am Angriff auf ein Nazilokal beteiligt gewesen zu sein (RH Jena berichtete). Einige Monate später tauchten auf der NPD-Erfurt-Homepage die Namen der elf Antifaschist_innen auf. Die Kameraden, die des Lesens mächtig waren, wussten, was sie mit diesen „asozialen Elemente der linken Szene“ tun sollten. Damals konnte nicht ermittelt werden, woher Trinkaus die Daten hatte. Nun wurde der Zusammenhang bekannt. Trinkaus erkundigte sich bei seinen Verfassungsschutz-Führern nach den Namen der Antifaschist_innen und bekam sie, mit der Blanko-Verfügung bzw. eigentlich vielmehr der suggestiven Bemerkung: „Was Sie daraus machen, ist Ihre Sache.“ Solche offensichtlichen Rechtsbrüche nähren die offene Vermutung, dass mit der NPD die falsche kriminelle Bande verboten werden soll. Nicht dass wir neuerdings ein Loblied auf den Rechtsstaat anstimmen wöllten, aber es gilt eben doch immer wieder festzuhalten, dass sich eine, nicht nur im Rechtsstaatssinn, kriminelle Vereinigung (der Verfassungsschutz), legitimiert durch das bürgerliche Recht, daran macht, Antifaschist_innen zu verfolgen und Nazistrukturen zu finanzieren. Den betroffenen Antifaschist_innen gilt unsere Solidarität!


Kai-Uwe Trinkaus, nach dem knapp gescheiterten Angriff auf eine Antifa-Kundgebung am 6. Juli 2007 in Arnstadt, ob ihn auch hier sein V-Mann-Führer zum Angriff geraten hat, ist unbekannt.

Quelle: Rote Hilfe Südthüringen

Dass der VS forciert, dass Nazis Listen mit den Namen von Antifas veröffentlichen ist schon ein starkes Stück, nicht weil es überrascht, dass der VS uns den Tod wünscht, sondern weil scheinbar keine rechtsstaatliche Barriere mehr steht, die ihn davon abhält, Ernst zu machen.

„Ich muss sie hassen, um nicht zu sterben, um nicht wie sie zu werden.“