Archiv für Januar 2013

Der MDR, Hildigund Neubert und die Ausrottung des Bösen

DGB bietet Ex-Stasi-Mitarbeitern ein Podium

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in Thüringen hat früheren Offizieren des Ministeriums der Staatssicherheit und Sympathisanten ein Treffen in seinen Räumlichkeiten ermöglicht. Die meist betagten früheren Stasi-Mitarbeiter trafen sich am Donnerstag zu einer Lesung in Räumen, die der Gewerkschaft gehören und die der kommunistische Verein „Rotfuchs“ gemietet hatte. Die Gäste blieben dabei unter sich – Fremde und Medienvertreter wurden nicht zugelassen.

Gelesen wurde aus dem Buch „Drachentöter – Die ‚Stasi-Gedenkstätten‘ rüsten auf“ des früheren Stasi-Offiziers Herbert Kierstein, der nach eigenem Bekunden 31 Jahre lang Untersuchungsführer für Spionagedelikte gegen die DDR gewesen ist. Der Autor wirft den Initiatoren der Stasi-Gedenkstätten Geschichtsfälschung vor. Der Begriff Gedenkstätte wird stets in Anführungszeichen verwendet. Im Klappentext des Buches heißt es: „In Berlin, Rostock, Dresden, Halle und Erfurt wird in ‚Stasi-Gedenkstätten‘ ein DDR-Bild vermittelt, das nicht nur gruselig, sondern fernab der historischen Wirklichkeit ist.“

Thüringens DGB-Chefin Renate Licht verteidigte, dass die Gewerkschaft ihre Räume an die Gruppe vermietet. „Ja, wir geben denen ein Podium“, sagte sie MDR THÜRINGEN. Und weiter: „Wir geben die Räume unterschiedlichen politischen Partnern, um den Dialog zu fördern, den wir in diesem Land zwingend brauchen.“ Allerdings habe der DGB „darüber nachgedacht“, die Zusammenarbeit mit dem Veranstalter einzustellen.

Die Stasi-Beauftragte Thüringens, Hildigund Neubert, sagte dem MDR, wenn der DGB einstigen Stasi-Offizieren Veranstaltungsräume vermiete, dann müsse er auch dafür sorgen, dass die Öffentlichkeit zugelassen wird. Sonst widerspreche sich die Gewerkschaft mit ihrer Forderung nach gesellschaftlichem Dialog.

Quelle: MDR

Der MDR bläst zur Kommunistenhatz bzw. zur Jagd auf die, die man dort für solche hält: Drei handvoll Stasi-Opas und deren verlorene Jünger, die sich gegenseitig versichern wollen, dass die DDR doch gar nicht so übel war. Anstatt

Hildis Idol und antikommunistischer Vortänzer

solche Treffen seniler Dissidenten zu belächeln, schimpft man beim MDR Gift und Galle. Und sogar Hildigung Neubert, bei der nicht nur der Vorname eine Zumutung ist, kommt zu Wort und darf sich – wie ihr das ihr Berufsbild (Stasi-Unterlagen-Tante) vorgibt – brüskieren. Vielleicht hätte man die Geschichte gar nicht so hoch gehangen, wäre da nicht der DGB gewesen, der, wie die Vorsitzende fälschlich behauptet, den DDR-Nostalgikern ein „Podium“ geboten hätte. Denn, wo wie der MDR belegt, weder Fremde noch Medienheinis zugelassen sind, da ist auch kein Podium, sondern eine Selbsthilfegruppe für diejenigen, die nach der Wiedervereinigung ihr Fähnchen nicht rechtzeitig in den neuen Wind hängen konnten.
Wahrscheinlich geht im Osten von keiner Gruppe weniger Gefahr aus, als von den Ober-Schlapphüten der alten Ordnung. Dass der MDR, Hildi und ihr Verein trotzdem so darauf abgehen den Verlierern hinterherzutreten ist wohl ein gutes Stück deutscher Endsiegmentalität. Schließlich haben sich die Deutschen noch nie damit zufrieden gegeben ihre Gegner zu besiegen, es galt sie zu vernichten und wo schon nicht physisch, weil lästige Gesetze den Deutschen von den Alliierten auferlegt wurden, dann wenigstens psychisch und in deren sozialer und ökonomischer Existenz. Der großartige Wolfgang Pohrt hat diese Endsiegmentalität der Deutschen anlässlich des Prozesses gegen Peter Jürgen Boock im Jahr 1984 treffend beschrieben:

Der deutsche Begriff von der Ausrottung des Bösen

Stets, überall auf der Welt, war und ist der Staat vorrangig weder Dienstleistungsbetrieb noch Wohlfahrtsbehörde, sondern Inhaber des Gewaltmonopols mit der Lizenz zu töten. Ob sich ein Staat ein öffentliches Gesundheitswesen oder eine Sozialversicherung für alle leistet, hängt von den Umständen und seinem Belieben ab. Kein Staat aber kann auf bewaffnete, zum Töten ausgebildete Formationen verzichten. Wer dem Staat dies Vorrecht streitig macht, wer der bewaffneten Staatsgewalt selber bewaffnet entgegentritt, kann nirgends auf Milde und Schonung rechnen, sondern er wird überall mit allen Mitteln und mit aller Härte bekämpft.
Auch der grausame und brutale Kampf aber unterscheidet sich von blanker Vernichtung dadurch, daß seine Intensität sich nach Maßgabe der Stärke des Feindes bemißt. Wenn der Feind aufgibt oder wenn er geschlagen ist, ist der Kampf vorüber. In diesem Augenblick aber fängt die Vernichtung erst an. Ihre Intensität wächst nicht mit der Stärke des Gegners, sondern mit der Schwäche des Opfers. An seiner Wehrlosigkeit, die den Kämpfer entwaffnen würde, entzündet sich gerade der Vernichtungswille, der desto unbändiger wird, je unbehinderter er sich austoben kann. Während der Feind nämlich ein Mensch mit feindlichen Absichten und einem feindlichen Willen ist, ist das designierte Opfer die Inkarnation des Bösen. Während man den Feind bekämpfen muß, wenn seine Absichten und sein Wille mächtig werden, muß man das Böse ausrotten, wo man es kriegen kann, am besten schon präventiv, noch besser dann, wenn es geschwächt ist.
In anderen Ländern ist die Linke im Klassenkampf unterlegen, hier ist sie Opfer der vor- und nachsorgenden Sozialhygiene. Lange nach dem 30. Januar 1933, als die Linken längst verloren und resigniert hatten, wurden sie von den Nazis in die Konzentrationslager gesteckt. 1972, als der Elan der Protestbewegung längst gebrochen war, wurden die Berufsverbote beschlossen. […]
Der Sozialcharakter, der hier die Anklagebehörde vertritt […], ist von Adorno und Horkheimer als der des ‚konformierenden Asozialen‘ bezeichnet worden. Heinrich Mann hat ein ganzes Buch über diesen Typus geschrieben, betitelt ‚Der Untertan‘: Oberflächlich ein Konservativer, der freilich leicht aus der Rolle fällt. Wenn er die Contenance verliert, zeigt er Manieren, wie man sie der Gosse oder dem Ganovenmilieu nachsagt. Im Stil des alten Volksgerichtshofs und seines Präsidenten, des Psychopathen Roland Freissler, wird dann der Angeklagte im Gerichtssaal als ‚Lügner und Mörder‘ beschimpft. Das Bündnis von Mob und Elite oder der mit administrativer Gewalt ausgestattete Mob hat hier die Form einer Personalunion angenommen. Nachsetzen, Verfolgen, Vernichtung ist für den zum Juristen aufgestiegenen Kammerjäger nicht Pflicht, sondern Leidenschaft. […]

Aus: Wolfgang Pohrt: Der deutsche Begriff von der Ausrottung des Bösen. In: Ders.: Stammesbewußtsein, Kulturnation. Pamphlete, Glossen, Feuilleton. Tiamat-Verlag, Berlin, 1984, S. 102f. [zuerst veröffentlicht: TAZ vom 17. März 1984]

Wer würde angesichts solcher Parallelen noch sagen, Geschichte würde sich nicht wiederholen. Eben zunächst als Tragödie und später dann als Farce, wie das Marx schon wusste.

„Alles, was ich will und brauch, ist ein Funken Hoffnung an den ich glaub‘. Einen Funken, den niemand löschen kann und der mich in Brand setzt und auch dich irgendwann.“

Helden meiner Jugend II

The Greatest!

Gegen die Fairness- und Gesundheitsideologie, bürgerliche Moral und Endsiegmentalität. Solidarität mit Lance Armstrong, dem erfolgreichsten Player im besten Sport der Welt!

„Der perfekte Egoist ist eine Katze“

Wenn es um die Frage geht, warum das Kapital so erfolgreich ist, nennen viele den menschlichen Egoismus. Gerade hat das der Oberevangele, Schneider heißt er, glaube ich, in seiner Weihnachtspredigt gesagt: Der Egoismus und die Gier! Diese Leute wissen nicht, wovon sie reden, sie plappern nur gängige Klischees nach.
Der perfekte Egoist ist eine Katze, wie sie friedlich an einem warmen, weichen Plätzchen schläft, das rosige Näschen ins eigene Fell gekuschelt, wie sie sich dann ausgiebig räkelt, wie sie ihre Gliedmaßen bis zu den Pfoten und Krallen reckt und streckt, wie sie dann anfängt, sich zu putzen und ihr Fell abzuschlecken und damit unendlich viel Zeit verbringen kann. Da ist also jemand, dem es richtig gut geht, der mit sich selbst allein restlos zufrieden und glücklich ist. Faszinierend. Man muss einfach zuschauen, mit einer Mischung aus Hingerissensein und wehmütigem Neid.
Kapitalisten sind das genaue Gegenteil. Sie sind keine Egoisten, eher könnte man von hyperaktiven Idealisten sprechen. Sie sind Getriebene. Sie häufen mehr Reichtum an, als sie werden genießen können, weil die Genussfähigkeit des Menschen durch seine physische Natur sehr beschränkt ist. Die Kapitalisten stellen ihr Leben in den Dienst des Erwerbs von einem Reichtum, mit dem sie als natürliche Personen nichts anfangen können. Desgleichen die Lohnabhängigen, bei denen wiederum der Genuss umgekehrt proportional zum Einkommen ist.

Aus: Wolfgang Pohrt: Kapitalismus Forever. Über Krise, Krieg, Revolution, Evolution, Christentum und Islam. Tiamat-Verlag, Berlin, 2012, S. 70f.

Sie weiß mit ihrem Leben besseres anzufangen und steht für die Produktion nicht zur Verfügung:
Murmeltiger

Braune Hilfe in Dessau

Kaum ist die „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige“ (HNG) im September 2011 verboten worden, schon gibt es Trittbrettfahrer und Nachfolger. Als „Braune Hilfe“ schwingt sich jetzt die „Gewerkschaft der Polizei“ (GdP) dazu auf und sammelt Spendengelder für den Beamten, der für Oury Jallohs Feuertod verantwortlich ist und dafür nun ein paar Euro berappen muss. Ist ja auch nur logisch. Den Tod von Flüchtlingen wollen sie schließlich alle. Warum soll dann nur einer dafür bezahlen?


Quelle: GDP-Nachrichten

Alle Jahre wieder am 1. Mai die Demokratie retten

Der jährliche 1. Mai ist der Großkampftag der sogenannten Linken, also von Gewerkschaften, Parteisozialdemokraten und allen möglichen anderen Funktionärsriegen, die sich dadurch auszeichnen, die Revolution historisch bereits verraten zu haben und sie mit jeder ihrer Bewegungen aufs neue zu verraten. Aber nicht nur die Sozialdemokratie feiert am 1. Mai das Ausbleiben der Revolution, sondern eine ganze Menge anderer Spinner, von denen Maoisten, Leninisten, Trotzkisten, Veganisten und andere Heilsbringer noch die Harmlosesten sind. Etwas abseits dieser Gemeinde stehen die mit Abstand abstoßendsten Gestalten, die es am 1. Mai auf die Straße zieht, die Nazis. Dieses Jahr kommen einige Exemplare dieser Spezies zum Demonstrieren nach Erfurt. Damit der Widerstand gegen dieses Ärgernis, denn irgendwo muss man ja ansetzen, nicht aus den konformistischen Bahnen gerät, dafür hat die „Antifaschistische Koordination Erfurt“ schon ein Bekenntnis abgelegt. Sie lässt ihre „Sprecherin Ulli Klein“ beteuern:

Vorschlag für ein gemeinsames Plakat von AKE, JURI und der Stadt Erfurt

„Der Aufmarsch muss verhindert werden. Wir erwarten, dass sowohl von den Verantwortlichen der Stadt als auch aus der Bevölkerung schnell Signale kommen, dass es gegen einen Nazi-Aufmarsch am 1. Mai erheblichen Protest geben wird. Ich hoffe, dass die Stadt aus den Fehlern der letzten Monate gelernt hat und diesesmal an der Seite von Antifaschistinnen und Antifaschisten steht, die sich den Rassisten, Neonazis und Feinden der Demokratie entgegen stellen.“

Quelle: „Antifaschistische“ Koordination Erfurt

Vielsagend ist schon, was sich hier beschämenderweise das Label der Antifa überstreift und in Gruppen wie „JURI“ seinesgleichen findet. Der Etikettenschwindel darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, was hier ansteht: der Appell an das Herrschaftspersonal, an denen man nicht deren Apologie der herrschenden Verhältnisse oder die Verantwortung für die Hausräumung 2009 zu bemängeln hat, sondern, dass sie ihre Willkür über den Rechtsstaat nicht härter gegen die Nazis richtet und deren Aufmärsche durch staatliche Gewalt unterbindet. Schließlich gilt es dieses Demokratiedings zu verteidigen, weils ja so prima läuft in dieser Welt. Auch die Erfurter Normalbevölkerung, von der die Etikettenschwindler sich Signale erhoffen und an die sie ebenfalls Appelle richten, wird diese erstens nicht erreichen und zweitens nicht interessieren. Die Erfurter Mehrheitsbevölkerung vertreibt sich den 1. Mai nämlich damit, mit der Sippschaft durch den Steigerwald zu trampeln. Die radikale Linke täte gut daran, sich diesen Mummenschanz dieses Jahr zu sparen, sich die eigene Ohnmacht einzugestehen und statt der Massenmobilisierungsversuche ein vernünftiges Programm der Abschaffungen voran zu treiben.

„Und frag nie nach Gemeinsamkeiten“

Helden meiner Jugend

Einige meiner besten Freunde sind Juden…


Dokumentquelle

Das Simon Wiesenthal Zentrum kürt jedes Jahr die schlimmsten antisemitischen Verunglimpfer. Platz 9 mit seinen Aussagen redlich verdient, hat sich dieses Jahr eine zur Ikone aufsteigende linksliberale Charaktermaske, Jakob Augstein. Da in der deutschen Gesellschaft eigentlich alle Antisemiten sind, aber keiner einer sein will, springt eine Einheitsfront von FAZ bis Junge Welt, von CDU bis Linkspartei dem Kamernossen Augstein zur Seite, um das Menschenrecht auf Israelkritik zu verteidigen. In drastischer Weise, weil vernünftig argumentierend, heben sich u.a. folgende lesenswerte Beiträge von der deutschen Einheitsfront ab:

http://www.verbrochenes.net/2013/01/05/die-verhaltnisse-in-deutschland/
http://lizaswelt.net/2013/01/05/freispruch-fuer-deutschland/
http://www.titanic-magazin.de/essay-augstein.html
http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article111852281/Brief-an-meinen-Lieblings-Antisemiten-Augstein.html

Über das richtige Bewusstsein in der aktuellen Phase des Kampfes

via: totestier

Der Revolutionär hat keine Zeit

Der resignierende Wolfgang Pohrt lässt ja in jüngster Zeit verlauten, dass Marx ein Darwinist gewesen sei, da er mit einer quasi gesetzmäßigen Durchsetzung des Proletariats als der stärkeren Klasse gerechnet, sich verrechnet habe und mit dem Kommunistischen Manifest als Dokument des anstehenden Kampfes nur „üblen Kitsch“ geliefert habe. Warum Pohrt sich darin täuscht bzw. ihm eine wichtige Seite der Wahrheit, aus mir nicht bekannten Gründen, verborgen bleibt, beleuchtet ein Text von Max Horkheimer aus den Jahren 1940/42, bei dem die Marx’sche Geschichtsphilosophie nicht als falscher Determinismus erscheint, sondern als richtiges Bewusstsein in einer bestimmten Phase des Kampfes.

Von geschichtlichen Unternehmungen, die vergangen sind, mag sich sagen lassen, daß die Zeit nicht reif für sie gewesen sei. In der Gegenwart verklärt die Rede von der mangelnden Reife das Einverständnis mit dem Schlechten. Für den Revolutionär ist die Welt schon immer reif gewesen. Was im Rückblick als Vorstufe, als unreife Verhältnisse erscheint, galt ihm einmal als letzte Chance der Veränderung. Er ist mit den Verzweifelten […], nicht mit denen, die Zeit haben. Max HorkheimerDie Berufung auf ein Schema von gesellschaftlichen Stufen, das die Ohnmacht einer vergangenen Epoche post festum demonstriert, war im betroffenen Augenblick verkehrt in der Theorie und niederträchtig in der Politik. Die Zeit, zu der sie gedacht wird, gehört zum Sinn der Theorie. Die [Marx’sche] Lehre vom Wachsen der Produktivkräfte, von der Abfolge der Produktionsweisen, von der Aufgabe des Proletariats ist weder ein historisches Gemälde zum Anschauen noch eine naturwissenschaftliche Formel zur Vorausberechnung künftiger Tatsachen. Sie formuliert das richtige Bewußtsein in einer bestimmten Phase des Kampfes und ist als solches auch in späteren Konflikten wieder zu erkennen.

Aus: Max Horkheimer: Autoritäter Staat. In Ders: Gesammelte Schriften, Band 5. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main, 2003 (3. Auflage), S. 305f. Online u.a. hier.

Ob dieses Anleiten zum „Jetzt oder Nie“ nach Auschwitz noch zeitgemäß ist, wo in jeder Revolution verdinglichter Bewusstseine die Regression zur Barbarei schlummert, ist eine andere Frage.

Einige meiner besten Freunde sind Ausländer…

… so lautet das heimliche Motto von MDR, Volksmob und verantwortlicher Politik in Dessau, die mit dem in der Polizeizelle verstorbenen Oury Jalloh nicht weiter belästigt werden wollen. Um es der Wahrheit etwas schwerer zu machen und sich des Vorwurfs der Ausländerfeindlichkeit zu erwehren, fanden sich trotzdem 50 tapfere Funktionäre, unter ihnen Christen, die Stadtverwaltung und andere bekannte Menschenfreunde ein, um Oury Jalloh zu „gedenken“. Das Gedenken der Heuchelnden wurde gestört von – wie könnte es anders sein – Ausländern aus dem Ausland, namentlich vier Afrikaner aus Berlin. Nun wurde die städtische Mahnwache, die offenbar keiner der Beteiligten wollte, abgebrochen und der angenehmere Teil der Scharade begann: die Empörung über die aufgebrachten Afrikaner aus Berlin, die es sich erdreisteten die Alibi-Mahnwache der Wohlstandsdeutschen zu stören, die den Mord an Oury Jalloh nutzen, um moralisches Oberwasser zu gewinnen. Nicht ausgeschlossen, dass die traumatisierten Gutmenschen nun psychologische Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Der Wald- und Wiesenreporter des MDR, André Damm konnte seine Empörung kaum begrifflich fassen, musste nach eigenen Angaben den Schock erstmal verdauen; freilich nicht den über den Feuertod eines Menschen oder über die dreiste Bullerei und Öffentlichkeit, die das ganze klein halten wollte, sondern dass einige die friedliche, kerzenscheinige Atmosphäre der Dessauer Gutmenschen, die aus dem Feuertod Oury Jallohs politisches und moralisches Kapital schlagen wollten, störten. Freilich war der von der Realität abgehärtete Routinier nicht so sehr aus der Fassung gebracht, dass er das vorgefallene nicht mit mahnenden Worten rationalisieren und ideologisch verarbeiten konnte, denn, so der O-Ton, solche Todestage legen eben Emotionen frei und überhaupt würden „einige Afrikaner“ (nichtmal Deutsche!) einen Mordkomplott herbeiphantasieren. Dabei wüsste ja in Dessau jeder, wie es wirklich war und in Sachen Mord macht den Deutschen ja bekanntlich eh keiner etwas vor! Überhaupt ist das Problem kein hausgemachtes, sondern, auch das weiß André Damm ganz genau, wird wesentlich von außen geschürt. Denn von Wuppertal bis Jena kommen die Anreisenden für die Demonstration des Nachmittags und die Dessauer Ausländer, sicher einige der besten Freunde von André und den seinen, werden sich „wahrscheinlich eher nicht“ an der Demo beteiligen. Die Dessauer Bevölkerung möchte von der Sache nichts mehr hören, fühlt sich von den Demonstrationen „nur noch gestört“ und will in Ruhe gelassen werden. Was der MDR also eigentlich sagen wollte, sich durch den Mob legitimiert fühlt, aber von geltenden moralischen Konventionen sich abhalten lässt: „Was soll der Aufstand, war doch nur ein Ausländer.“