Archiv für April 2013

Zur Unterscheidung von bürgerlicher Vergesellschaftung und Nationalsozialismus

Die Diagnose, das Antisemitismus und Rassismus nicht nur bei Nazis auftreten, darf jedoch nicht dazu verkommen, die Differenzen zwischen bürgerlicher Vergesellschaftung und Nationalsozialismus zu verwischen: Während erstere im Kern unvernünftige Rationalität ist, die als einziges Ziel die Vemehrung des Kapitals, G-G’ kennt, ist letzterer mehr oder minder rationalisierte Irrationalität, deren eliminatorischer Antisemitismus – in der die Jud_innen als Statthalter des Werts vernichtet werden sollten – der Bruch mit der bürgerlichen Ideologie und ihrer Rationalität ist. Wie Ihr zum Ende Eures Aufrufs feststellt, ist den Nazis der „Nährboden, also die bürgerliche Gesellschaft, zu entziehen.“ Darin stimmen wir Euch gänzlich zu, da der Kapitalismus die Möglichkeit einer Wiederholung der Shoah notwendig in sich trägt. Gleichzeitig, und das ist die Schwierigkeit dieser Aufgabe, ist festzuhalten und in die eigene Praxis einzuschreiben, dass es einen Unterschied ums Ganze zwischen einer auf Kapitalverwertung und einer auf konkreter Vernichtung des abstrakten Wertes zielender Vergesellschaftung und ihrer Ideologien gibt; und im Zweifelsfall ist erstere gegen zweitere zu verteidigen.

In einer solidarischen Kritik am Aufruf der FAU Thüringen zur sozialrevolutionären Demo am 30. April in Erfurt arbeitet der Club Communism die von der FAU verwischten Unterschiede zwischen faschistischer und bürgerlicher Ideologie und Vergesellschaftung heraus. Komplett nachzulesen hier. Lehrreich auch für jene, die im Zuge polemisierender Überspitzung hin und wieder den Eindruck erwecken zwischen die Bürger und ihre Nazis passe kaum noch ein Blatt Papier.

„Was sie mit Pisse an die Häuserwände malen, das werd ich niemals unterschreiben“

Wenn Auschwitz nur der Anfang vom Ende war

Ende der 70er-Jahre schrieb Wolfgang Pohrt großartige Essays über die Berichte von Überlebenden der Shoa und über die Aktualität von KZ-Erfahrungen, die sich in folgender Überlegung zuspitzten:

Wir haben, anders formuliert, kein Gewissheit stiftendes Kriterium für die Beurteilung der Frage, ob in den letzten 40 Jahren die KZ abgeschafft worden sind oder die ganze Welt in ein überdimensioniertes KZ verwandelt wurde, und ob, was damals doch etwas umständlich Gaskammern und Krematorien besorgten, diesmal viel eleganter und effizienter von Kernwaffen erledigt wird, wenn das gemütliche Leben dann ein Ende hat.

Die Konzentrationslager waren die logische Vernichtung des Unterschiedes zwischen Leben und Tod. Im Nebeneinander von Vorgarten und Gaskammer, im Fortbestehen der Zivilisation in der Barbarei zeigte sich die Essenz des Konzentrationslagers: „die Vernichtung aller herkömmlichen Logik, aller Qualitäten, Unterschiede und Begriffe.“ Das Ineinanderfallen von Leben und Sterben, das mit Auschwitz nicht endete, sondern seinen Anfang nahm, besiegelte das Ende der Vorgeschichte der Menschheit, aber nicht so wie Marx das wollte, indem sie in einen würdigeren Zustand eintritt, sondern indem Geschichte abgeschafft wurde zugunsten eines Zustandes der Barbarei im Wartestand, einem endlosen Sterben. Eike Geisel wies zur selben Zeit wie Pohrt auf diese Überlegung hin.

An den Toten der Lager gibt es nichts zu ehren. Sie sind umsonst gestorben, für niemand und nichts. Nur zum Tod bestimmt war auch das je besondere Leben zu Nichts geworden. Und eine Gesellschaft, in der nur noch gestorben wurde, ergab keinen Sinn mehr.
Also hätte es nicht überflüssiger Trauer, sondern des rächenden Hasses […] bedurft, um die Gesellschaft von diesem Alp für immer zu befreien. Ohne diesen Blitz in das Dunkel der Geschichte blieb die Befreiung eine halbe. Die Ahnung, daß der Rest noch aussteht, hat in den modernen Vernichtungswaffen Gestalt angenommen, die mit einem Schlag dann eine letzte Gerechtigkeit herbeiführen könnten.
[…]
Seit Auschwitz – und mit effektiveren Mitteln ausgerüstet – steht die ganze Menschheit unter einem selbstgeschaffenen Bann: Das aufgehäufte Vernichtungspotential seiner logischen Bestimmung zuzuführen.

Die Akualität dieser Überlegung, dass das entfremdete und verdinglichte Leben in dieser Gesellschaft dem Sterben gleicht, scheint mir irgendwie evident.

Disneyland des Todes

KZ-Überlebende kritisieren Missbrauch von Gedenkstätten

Überlebende des NS-Konzentrationslagers Buchenwald haben am Sonntag gemeinsam mit Angehörigen und Vertretern aus Politik und Gesellschaft an die Befreiung des Lagers im April 1945 erinnert. Bei der Veranstaltung auf dem ehemaligen Appellplatz wurde auch des kürzlich verstorbenen Buchenwald-Häftlings, Diplomaten und Publizisten Stéphane Hessel, gedacht. Der am 27. Februar im Alter von 95 Jahren gestorbene Franzose wurde vor allem als lebenslanger Verteidiger der Menschenrechte gewürdigt.

Bei der Veranstaltung wurde auch eine Erklärung verlesen, in der sich Überlebende des Konzentrationslagers gegen den Missbrauch von KZ-Gedenkstätten für kommerzielle oder politische Zwecke aussprechen. Darin wird die Öffentlichkeit aufgefordert, „die Gedenkstätten nicht zum Spielball von Geschäftemachern oder politischen Scharlatanen werden zu lassen“.

Hintergrund sind Äußerungen des New Yorker Autors und Theaterleiters Tuvia Tenenboom zur Arbeit der Stiftung KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Tenenbom habe seit Dezember 2012 die Stiftung „immer wieder in einer Weise öffentlich angegriffen, die uns tief berunruhigt“, erklärten das internationale Buchenwald-Komitee und der Beirat der ehemaligen Häftlinge. Als Beispiel für Unterstellungen wurde die Behauptung Tenenboms genannt, das ehemalige KZ sei heute ein „Disneyland“ und werde von „verkappten Antisemiten“ geführt. Solchen Darstellungen und der damit verbundenen Entwicklung der Erinnerungskultur müsse entschieden entgegengetreten werden.

Quelle: MDR

Diese Erklärung war doch ein Witz und sowas von vielsagend. Die Kritik, dass die Gedenkstätten nicht nur in Buchenwald zu „Disneyland[s] des Todes“ (Broder) verkommen, ist ja alt und keinesfalls unberechtigt. Sie zielt darauf, dass der Zweck der ganzen Sache fraglich geworden ist, wenn die Verbrechen der Deutschen als Teil einer Gruselgeschichte erzählt werden, die in weiter Ferne liegt und nicht als fortbestehende Option kapitalistischer Krisenpolitik, die solange möglich ist, solange ihre Voraussetzungen fortbestehen. Dass es weder bei der Gedenkstättenpolitik noch bei der gestrigen Gedenkfeier darauf ankam, zu verhindern, dass diese Barbarei wieder möglich wird, indem nämlich gegen ihre fortbestehenden Voraussetzungen gekämpft wird, ist ein Fakt. Das war gestern eine einzige Lobpreisung der parlamentarischen Demokratie und die hat bekanntlich den Nationalsozialismus nicht verhindert. So viel übrigens auch zur Brüskierung der Erklärenden, man möge keine Politik mit den Gedenkstätten machen. Denn erstens, wer diese furchtbare Gesellschaftsordnung bewirbt, macht Politik und zweitens, womit zur Hölle soll man denn Politik machen, wenn nicht mit den dokumentierten Konsequenzen der deutsch-kapitalistischen Krisenpolitik der 30er- und 40er-Jahre?
Diese heimelige Wohlfühlatmosphäre der Gutgläubigen wird dann nur noch von so geldgierigen Juden, wie Broder und Tenenbom gestört, die mit den Gedenkstätten Politik und Geschäfte machen. Da winkt der Antisemitismus ja mit dem ganzen Zaun.

„Wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen, denn einmal kommt der Tag, dann sind wir frei!“

Heute zur zentralen Gedenkfeier, 13.30 Uhr auf dem ehemaligen Appellplatz.

Der Ausverkauf geht weiter


Bildquelle: http://keinenmeter.blogsport.eu/

Überall nur noch Abgründigkeit und Etikettenschwindel. Nazis, die auf Autonome machen, Israel-Feinde, die Adorno-Preise einfahren und nun klaut die Zivilgesellschaft auch noch unser Logo (siehe Bild oben). Dass sich diese Leute dabei nicht mal scheiße vorkommen, wie sich das gehören würde, liegt darin begründet, dass „die glaubwürdigste aller Lügen [] die ehrlich gemeinte [ist]“. (Wolfgang Pohrt) Vorschlag zur Güte, ihr nehmt euer eigenes Logo. (Punkt)

Klassiker des Zonen-Hasses

Zur Kritik der falschen Aufhebung von romantischer Liebe und Sinnlichkeit

Die Aktualisierung moderner Herrschaft als Emanzipation zu verkaufen, war schon immer die unbewusste Strategie einer Linken, die niemals Teil jener aufhebenden Bewegung sein konnte, in der, nach Marx, der Kommunismus besteht. Diese Linke wollte Alternativen zur Gesellschaft der kapitalistischen Ausbeutung, Entfremdung und Verdinglichung entwickeln und wurde am Ende vegetativ zu ihrer Avantgarde. Musterbeispiel solcher falschen Praxis ist die Zerstörung von Liebe und Sinnlichkeit, zu der sich inzwischen unterschiedlichste Gruppen anschicken. Teile dieser Bewegung sammeln sich unter dem Banner der Polyamorie. Der nachfolgende Text aus der Bahamas #62 bietet einen Einblick in die Abwegigkeiten von Polyamorie und deren Kritik.

Ergänzend und um spitzfindigen Einwänden zuvorzukommen: Der Text nimmt dabei vor allem jene Formen von Polyamorie in den Blick, die bereits bis ins Bürgertum vorgedrungen sind und mehr muffige Verbindlichkeiten, „Beziehungsarbeit“ und andere kommunikative Liebestöter implizieren. Linksradikale Polys könnten dem entgegnen, ihre Vorstellungen bzw. polyamore Praxis bestehe aus weniger Verbindlichkeit/Verantwortung, schnellerem Durchlauf, mehr Anonymität. Womit aber noch keineswegs die Kritik entschärft wäre, sondern nur bewiesen, dass die linksradikalen Polys als postmoderne Avantgarde verstanden haben, welche Beziehungsformen der flexible Kapitalismus von ihnen verlangt. (mehr…)

Adorno goes Punkrock

Konzi Arnstadt

Gestern in Arnstadts nobelsten Etablissement. Schön wars.

Zum Stand verdinglichten Bewusstseins

Im Grunde sind sich alle Beteiligten einig: Die „deutsche Wertarbeit“ von Bosch Solar in Arnstadt muss erhalten bleiben, die Schließung abgewendet werden. Man möchte sich nicht durch „chinesisches Dumping“ (Machnig) oder unverantwortliche Entscheidungen der Konzernleitung den Standort kaputt machen lassen. Schließlich stehen nicht nur die 1800 Arbeitsplätze von Bosch auf dem Spiel, sondern auch die hunderter Zulieferer. Die Frage, warum die chinesische Wirtschaft Solaranlagen billiger produzieren kann oder warum in Zeiten der kapitalistischen Krise Arbeitsplätze zur Debatte stehen und vor allem was man einem System attestieren muss, dass mit dem Reichtum die Armut produziert, stellte sich niemand. Bei all den Lobliedern auf die deutsche Wertarbeit war für arbeits- und kapitalismuskritische Interventionen kein Platz bzw. bestand daran auch kein Interesse. Man hatte das Gefühl die Beteiligten wollen einfach ihre Arbeitsplatzgarantien und sonst mit den Problemen der Welt in Ruhe gelassen werden. Die eingeforderte Solidarität, die in ihren radikalsten Verlautbarungen an den deutschen Grenzen endete, war am Ende nichts als eine Farce. Vergessen sind die Erkenntnisse, dass Lohnarbeit nicht Selbstverwirklichung, sondern Entfremdung und Ausbeutung bedeutet; vergessen ist die Erkenntnis, dass die Arbeiter_innen international ihre Klassenzugehörigkeit als Ausgebeutete verbindet. Damit steht man in der ohnmächtigen wie paradoxen Situation, dass hier Arbeiter_innen für die Fortsetzung ihres Ausbeutungsverhältnisses demonstrieren, weil ihnen freilich kaum etwas anderes übrig bleibt, um ihr eigenes Auskommen und das ihrer Familien zu sichern. Dass dieser Kampf trotzdem wenigstens in dem Bewusstsein über den zerstörenden Charakter von Lohnarbeit und die strukturelle Bedingtheit der kapitalistischen Krisenerscheinungen geführt wird, ist eine Wunschvorstellung, die mit jeder Äußerung der Beteiligten bitter enttäuscht wurde.

Quelle: Bericht der Antifa Arnstadt-Ilmenau zur Demonstration der Bosch-Solar-Mitarbeiter

dignity VIII

Arnstadt erwache!

Warum nicht mal mit abgewandelten Naziparolen für die Arbeit demonstrieren, dachte sich die IG Metall und startet unter dem Motto „[ *1 ] Arnstadt muss leben“ ihre Kampagne gegen die Schließung des Bosch-Werkes in Arnstadt.

Wer sich über den Zustand der deutschen Arbeiterklasse informieren will oder aus diversen Gründen ein paar Schippen Erde auf die Hoffnung auf Befreiung schütten will, sollte sich diesen Blog anschauen. Mit der platten Einsicht in die „technisch unnötige Aufrechterhaltung des Ausbeutungsverhältnisses“ war bei den DGB-Gewerkschaften und ihren Gefolgsleuten eh nicht zu rechnen. Das hatte ich schon angemerkt. Aber diese Mischung aus Stumpfheit, autoritär-aggressivem Konformismus und allseitiger Anbiederei in dieser großen sozialdemokratischen Einheitsfront ist wirklich denkwürdig.

  1. * hier wahlweise einzusetzen: „Bosch“, „der Standort Arnstadt“ oder einfach freilassen, das kommt am besten [zurück]

„Was hätte ich auch schon zu sagen gewußt, ich hätte dagestanden und nur geschaut, erfroren im Schweigen, und wär nicht mehr aufgetaut, doch ich ging noch zur anderen Seite, um verstohlen durchs Fenster zu sehn, du warst so klein in der Ferne, doch ich… ich hatte dich gern“

EA 80 live! 7 Minuten Gänsehaut!