Archiv für Dezember 2013

Die Unmöglichkeit, dem Widerstand des Publikums zu entgehen

Eine Entdeckung, die an das Unbewußte des Lesers rührt, muß Widerstand hervorrufen. Es ist also nicht nur unmöglich, sich einer solchen Opposition zu entziehen – es wäre aus unehrlich. […] Freud jedenfalls war derart überzeugt von der Unmöglichkeit, dem Widerstand des Publikums zu entgehen, daß er, sobald eine seiner Schriften ohne Kritik entgegengenommen wurde, glaubte, den falschen Weg eingeschlagen zu haben.

Aus: Octave Mannoni: Freud. Hamburg, 1971, S. 82f.

Der etwas einfache Umkehrschluss übrigens, dass alles, was Widerspruch erzeugt, seine Berechtigung hat, ist 1. dämlich und 2. nicht im Sinne Freuds.

„Zwerge wachsen nie, es ist immer Krieg, alle haben viel zu wenig und bedanken sich“

dignity XII

„Hier ist alles verballert, nichts ist normal, alle sind krank und man könnte fast meinen, sie finden Gefallen daran“

Ein Album vernünftig zu rezensieren ist eine schwierige Sache und richtig schwierig ist das, wenn der Künstler sich nach Fertigstellung des Albums und vor dessen Veröffentlichung das Leben genommen hat; wenn dieses Album bedrückend offen und persönlich ist – sich dann nicht in dämlicher Psychologisierung zu ergehen, die Gründe im Einzelnen sucht, statt in der Gesellschaft, die die Einzelnen niedermacht. Der in der Lirabelle publizierenden Genossin ist das beeindruckend gut gelungen.

„Der Ekelhafte“ ist das letzte Album von NMZS. Man kann sich ihm hingeben und präzise, ausweichende, „verrückte“ Gedanken eines jungen Mannes aus Düsseldorf entdecken. Er war ein ganz „normaler“ Jugendlicher: Actionfiguren, Supernintendo, Comics, 2 Jahre Klassensprecher, eine 4 in Sport, von Tagtraum zu Tagtraum. Und nun? „Ja, du kannst dich an den Teufel und das Böse gewöhnen / Aber der Löwe bleibt König in der Höhle des Löwen – so isses / Und wenn er Hunger kriegt – Was dann? – dann frisst er dich / Ober-, Unter-, Mittelschicht, scheißegal, vergiss das nicht.“ [5] Jakob, so sein bürgerlicher Name, hat es nicht vergessen – wie auch? Sich einfügen, das Leiden aushalten, immer weiter kämpfen, irgendwann schwindende Kräfte, letztlich sich hingeben müssen und selbst entschlossen Schluss machen. „Der Ekelhafte“ ist ein Zeichen der Wut, auch wenn die Stimmen der Ohnmacht laut sind. „Der Ekelhafte“ ist mehr als hörenswert.

komplett lesen hier: Lirabelle
anhören hier: Antilopen

Hamburg II

Sowas…

… kommt von sowas.

Vom Hausbesetzer zum Standortschützer

Lirabelle #3In die besinnungslos-besinnliche Weihnachtszeit hinein kommt die dritte Ausgabe der Erfurter Zeitschrift Lirabelle. Auf das Titelbild hat es die Scheißhaufen-Aktion zur Verleihung des Preies für 10 Jahre Ignoranz und Akzeptanz von NS-Verharmlosung, Naziaufmärschen und Menschenhass am 6. November 2013 in Friedrichroda geschafft. Im Heft gibt es neben anderen lesenswerten und weniger lesenswerten Beiträgen auch wieder einen Beitrag von mir, der die gescheiterte Hausbesetzung am 19. Oktober 2013 und ihr beschämendes Nachspiel in Ilmenau zum Thema macht. Die nächste Ausgabe soll im März erscheinen.

Vom Hausbesetzer zum Standortschützer

In Ilmenau verfällt eine Initiative, die für eine gute Sache einzutreten schien, in Rekordtempo zu einer konformistischen Anbiederei an die Gesellschaft, die doch eigentlich in die Kritik genommen werden sollte. Was als Hausbesetzung und damit als Widerspruch gegen die kapitalistische Eigentumsordnung begann, entwickelt sich zum selbsternannten Lückenfüller der städtischen Kulturpolitik. Was ging da schief? Ein kommentierter Bericht von Ox Y. Moron. (mehr…)

Hamburg, 8°, Regen


Bildquelle: Publikative auf Twitter

So sieht das aus, wenn heute linke Demos in deutschen Großstädten von den Bullen zerschlagen werden. Geschehen vor wenigen Minuten in Hamburg. A.C.A.B.

Ballstädter Allianz gegen Sachbeschädigung und andere Verbrechen gegen die Menschheit

In Ballstädt, einem kleinen Kaff bei Gotha, haben sich Nazis ein Haus gekauft. Die sich gegen dieses Hausprojekt formierende Initiative namens „Ballstädter Allianz gegen Rechts“ ließ jüngst folgendes verlauten:

Wer solche Aktionen startet ist keinen Deut besser als unsere ungeliebten Nachbarn [die Nazis] und sollte auch strafrechtlich verfolgt werden. Es liegt auch in unserem Interesse den oder die Täter zu finden da wir ein solches Verhalten nicht dulden und zur Anzeige bringen! Die ohnehin angespannte Situation im Dorf dürfte nun nicht besser geworden sein. Hoffentlich wird der oder die Schuldige bald erwischt!!

Was war wohl passiert? Hatten irgendwelche Leute Jagd auf Menschen gemacht, weil ihnen die Farbe der Haut oder der Haare ihrer Opfer nicht passten? Haben diese Leute gar eine Gesellschaft verteidigt, die abgründige Verbrechen gegen die Menschheit begangen hat? Nein. Die Antifa Gotha klärt auf:

Am 9.12. wurde eine Scheibe der Nazis in Ballstädt eingeworfen und ein paar unleserliche und rechtschreiblich fragliche Parolen an deren Hauswand geschmiert.

Mal wieder verfolgt die deutsche Zivilgesellschaft das schlimmste aller ihr denkbaren Übel: den Gesetzesbruch. Eine Schmierei hier, eine kaputte Scheibe da und man kriegt die Bullen auf den Hals gewünscht von Menschen, die Sachbeschädigungen für Vergehen halten, die „keinen Deut besser“ sind als die Verbrechen, die von Nazis in die Welt gesetzt wurden. Aber Sprache ist verräterisch. Denn so schlimm kann es um das Zusammenleben mit den vermeintlich ungeliebten Nachbarn ja nicht bestellt sein, wenn man denen bei der Jagd auf vermeintliche oder wirkliche Antifaschisten zur Seite steht und sich um eine entspannte Situation im Dorf bemüht. Die Integration der Nazis ist in vollem Gange und wenn man an ihnen nichts zu kritisieren hat, ist das auch folgerichtig.

Den lesenswerten Bericht der Antifa Gotha gibt’s hier: Eine Einschätzung der Antifaschistischen Aktion Gotha zu Nazis, Graffitis, eingeschmissenen Scheiben, Imagepflege und einer Allianz gegen Rechts.

Anhänglichen Babys und untertänigen Hunden in allen Belangen überlegen: Katzen

Manche nennen ihr Mitmachen Kritik

Wo man früher aus dem Umfeld der Erfurter Falken immer noch treffende Analysen und Kritik lesen konnte, gibt’s diesmal bei den Jenaer Falken nur das abgeschmackte Pflichtprogramm mit überladener Phraserie durchsetzt, die nur noch terminologisch an bessere Kritik anschließen soll („Über das Elend der Studierendenproteste“). Der Inhalt langweilt. Den Studierenden wird mal wieder erklärt, dass sie nur das Denkmuster der Herrschenden reproduzieren, wenn sie sich anpreisen und als zukünftige Fachkräfte empfehlen. Das eigene Mitmachen rechtfertigt man damit, dass man ja nur auf weniger Nervereien und Stress im Kapitalismus aus ist. Als ginge es den zu recht kritisierten Konformisten-Studis da anders. Die wollen auch mehr Geld und weniger Stress um im Kapitalismus besser klar zu kommen. Der Unterschied ist der: die Konformisten-Studis fahren zum tausendsten Mal ihr Anbiederungsprogramm, weil sie noch an die Segnungen des Kapitalismus glauben wollen; die kritischen Jenaer Falken und Anarchisten sind einen Schritt weiter und werfen ihre intellektuelle Überlegenheit auf chlorfrei gebleichtem Papier in die Welt hinaus. Sie sind das gute Gewissen der Studentenproteste.

Die Quintessenz des Flyers lautet: Macht einen Finanzierungsvorschlag oder setzt euch zusammen und diskutiert mal ganz grundsätzlich eure Situation. Also eine Mischung aus der Finanzierungskeule sozialdemokratischer Realpolitik, mit der noch jede berechtigte Forderung abgebügelt wurde, und der unbegründeten Hoffnung in der „grundsätzlichen“ Kommunikation ließe sich endlich die Erkenntnis gewinnen, dass man den Kapitalismus doch irgendwie mal abschaffen könnte, wenn er schon nicht mehr finanzierbar ist.

Wo ist jetzt das versprochene Elend der Studierendenproteste? Wie elend sind die denn, wenn ihr da mitmacht? Wie kommt ihr denn auf die Idee, dass es besser werden könnte, wenn „Studierende, Lehrende und Angestellte der Hochschulen […], sich zusammensetzen und ihre Situation grundsätzlicher […] diskutieren“? Ist das jetzt wieder ein Automatismus, dass Leute, die sich lange genug „grundsätzlich“ unterhalten, zur Wahrheit finden? Geht solche Kritik nicht ins Leere? Bekanntlich entstehen solche Aufrufe und Demos, indem sich Leute stundenlang zusammensetzen. Man kann eben auch stundenlang reden ohne einen kritischen Satz zu hören. Was ist eine „Selbstverwaltung fremder Interessen“? Welchen Effekt versprecht ihr euch mit einem Flyer dessen Beitrag zum Erkenntnisgewinn gering ist? Mitglieder? Distinktion? Oder muss man jedes Mal ein Flugblatt schreiben, um sich das eigene Mitmachen zu rechtfertigen?

Mehr Kritik, weniger Mitmachen gibt’s hier: warm below the storm
Immer wieder schön und aus der Kategorie ideologiekritischer Dampfhammer: I prefer not to

Der Ossi Ende 1989

In der DDR und an ihren Grenzen spielten sich Szenen ab, bei denen die Ossis ihrem Namen alle Ehre und eine ziemlich schäbige Figur machten. Um Plastiktüten mit Reklamematerial, die von Lastautos herab in die Menge geworfen wurden, prügelte man sich fast, wie dies in Elendsvierteln der Dritten Welt die Kinder tun, oder wie es früher angeblich die Eingeborenen taten, wenn es Glasperlen gab. Die Gratisverteilung von Bananen und Kaffeepäckchen erinnerte stark an die Viehfütterung im Zoo. Auf jegliche Selbstachtung verzichteten Leute, die den Verzicht wirklich nicht nötig und deshalb auch keinen Entschuldigungsgrund hatten, weil sie weder arm waren noch gar im Elend lebten.
Der Ossi Ende 1989 also, wie der Wessi ihn sah, und wie er sich auf Grund seines vorangegangenen Verhaltens bald selber sehen mußte: Ein gieriger Schnorrer, der sich gern erniedrigen und beschämen läßt; einer, der sich zum Bettler für ein paar bunte Filzstifte macht, die er vermutlich doch nicht brauchen wird; ein notorischer Betrüger und Aufschneider außerdem, der sich nicht nur Begrüßungsgeld mittels doppelter Ausweispapiere ergaunert, sondern angeberisch von einer Revolution erzählt, die er zu machen sich nie getraut hätte.
Und dumm, wie er ist, tappt er dabei dauernd in Fallen, die er sich selber stellt. Weil er möglichst viel Entschädigung, Anerkennung und Ruhm ernten will, wird er nicht müde, die Tyrannei, von der er sich nun befreit zu haben glaubt, und sein eigenes vermeintliches Leiden unter dieser Tyrannei, in den grellsten Farben zu malen. Damit provoziert er die Frage, warum er dies 45 Jahre lang ausgehalten und widerstandslos hingenommen hat. Je bereitwilliger der Ossi dem Wessi erzählt, was der hören will, nämlich wie furchtbar das kommunistische Unrechtsregime in der DDR gewütet habe, desto mehr stellt er selber sich als geschädigt dar, d.h. als schadhaft, und obendrein als Duckmäuser und Mitläufer. Um künftiger Vorteile willen verrät er seine Vergangenheit, ohne zu merken, daß diese Vergangenheit ein Teil seiner selbst ist: Wenn die DDR und die SED so schlecht waren, wie er sie nun schildert, kann auch er nicht viel taugen.

Quelle: Wolfgang Pohrt: Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit. Berlin 1992.

Die führenden Ossis von heute sind da schon weiter. Sie waren einfach alle Widerstandskämpfer, deren massenhaftes Wirken niemandem so wirklich auffiel, weil alles so schlimm war.

Die Uni ficken – die Landesregierung weiß wie!

Zum konformistischen Studierendenprotest in Thüringen…

… gibt es hier ein nettes Flugblatt des Club Communism. Es stellt sich quer zur hilflosen wie konformistischen Anbiederei der Thüringer Studierenden ans herrschende Verhältnis und zeigt auf, was eine progressive Kritik der Universität praktisch bedeuten kann.

Das Ziel solcher Proteste wäre dementsprechend nicht die gute Universität, sondern eine Universität, die weniger Zwang ausübt und mehr Ressourcen zur Verfügung stellt. Ressourcen, die Studierende und Lehrende dazu anwenden könnten, die Notwendigkeit ihrer Verwertbarkeit zu reflektieren und deren Abschaffung anzugehen, anstatt sie blind reproduzieren zu müssen.

Ganzes Flugblatt hier lesen!

Ästhetik des Widerstands III

Inzwischen hat der Polizeistaat wieder die heilige kapitalistische Eigentumsordnung durchgesetzt und dabei wiedermal mehrere Menschen verletzt. In der Nacht wurden fleißig Barrikaden gebaut, was die Bullen am Ende nicht aufgehalten hat. Immerhin sind paar nette Bilder entstanden. Solidarität mit den Hausbesetzern aka „Stalinisten“ (O-Ton OB Schröter, Gutmensch und Antizionist) aus Jena! Irgendwas muss man ja richtig gemacht haben, wenn einen dieser Kasper als Stalinist beschimpft.

Heute: Hausbesetzung in Jena

Wird hoffentlich nicht so nen Reinfall wie Ilmenau.

Infos: wolja.noblogs.org