Manche nennen ihr Mitmachen Kritik

Wo man früher aus dem Umfeld der Erfurter Falken immer noch treffende Analysen und Kritik lesen konnte, gibt’s diesmal bei den Jenaer Falken nur das abgeschmackte Pflichtprogramm mit überladener Phraserie durchsetzt, die nur noch terminologisch an bessere Kritik anschließen soll („Über das Elend der Studierendenproteste“). Der Inhalt langweilt. Den Studierenden wird mal wieder erklärt, dass sie nur das Denkmuster der Herrschenden reproduzieren, wenn sie sich anpreisen und als zukünftige Fachkräfte empfehlen. Das eigene Mitmachen rechtfertigt man damit, dass man ja nur auf weniger Nervereien und Stress im Kapitalismus aus ist. Als ginge es den zu recht kritisierten Konformisten-Studis da anders. Die wollen auch mehr Geld und weniger Stress um im Kapitalismus besser klar zu kommen. Der Unterschied ist der: die Konformisten-Studis fahren zum tausendsten Mal ihr Anbiederungsprogramm, weil sie noch an die Segnungen des Kapitalismus glauben wollen; die kritischen Jenaer Falken und Anarchisten sind einen Schritt weiter und werfen ihre intellektuelle Überlegenheit auf chlorfrei gebleichtem Papier in die Welt hinaus. Sie sind das gute Gewissen der Studentenproteste.

Die Quintessenz des Flyers lautet: Macht einen Finanzierungsvorschlag oder setzt euch zusammen und diskutiert mal ganz grundsätzlich eure Situation. Also eine Mischung aus der Finanzierungskeule sozialdemokratischer Realpolitik, mit der noch jede berechtigte Forderung abgebügelt wurde, und der unbegründeten Hoffnung in der „grundsätzlichen“ Kommunikation ließe sich endlich die Erkenntnis gewinnen, dass man den Kapitalismus doch irgendwie mal abschaffen könnte, wenn er schon nicht mehr finanzierbar ist.

Wo ist jetzt das versprochene Elend der Studierendenproteste? Wie elend sind die denn, wenn ihr da mitmacht? Wie kommt ihr denn auf die Idee, dass es besser werden könnte, wenn „Studierende, Lehrende und Angestellte der Hochschulen […], sich zusammensetzen und ihre Situation grundsätzlicher […] diskutieren“? Ist das jetzt wieder ein Automatismus, dass Leute, die sich lange genug „grundsätzlich“ unterhalten, zur Wahrheit finden? Geht solche Kritik nicht ins Leere? Bekanntlich entstehen solche Aufrufe und Demos, indem sich Leute stundenlang zusammensetzen. Man kann eben auch stundenlang reden ohne einen kritischen Satz zu hören. Was ist eine „Selbstverwaltung fremder Interessen“? Welchen Effekt versprecht ihr euch mit einem Flyer dessen Beitrag zum Erkenntnisgewinn gering ist? Mitglieder? Distinktion? Oder muss man jedes Mal ein Flugblatt schreiben, um sich das eigene Mitmachen zu rechtfertigen?

Mehr Kritik, weniger Mitmachen gibt’s hier: warm below the storm
Immer wieder schön und aus der Kategorie ideologiekritischer Dampfhammer: I prefer not to