Archiv für April 2014

„Die Empathie ist ein Stiefkind aus Deutschland“

Schmalkalden: Im Ortsteil Walperloh kocht der Mob nach dem Zuzug von Flüchtlingen

Eine Bürgerversammlung im Ortsteil Walpersloh berief Bürgermeister Kaminski am 23. April ein, um die Wogen zu glätten. Das misslang. Auch in Südthüringen formiert sich abseits der üblichen Nazicliquen ein Mob aus Anwohner_innen, um gegen Flüchtlinge vorzugehen. Befeuert wird die Hetze vom rassistischen Jargon des Journalisten vom „Freien Wort“ und den Beschwichtigungsversuchen der Verantwortlichen.

Von „Asylanten“ schreibt der Journalist Eric Hande im Auftrag von „Freies Wort“ – freilich ganz objektiv und neutral, wie sich das für einen Wurstblatt-Journalisten gehört –, wenn er die 65 in Schmalkalden-Walperloh untergekommenen Flüchtlinge meint. Er bedient sich damit eines Begriffes, den abzulehnen man keine Linksradikale sein muss und stimmt so in den rassistischen Tenor der Bürgerversammlung ein. Diese „Asylanten“ bereiten den Eingeborenen „offensichtlich“ Probleme, wie schon aus der Überschrift des Artikels („Im Walperloh brodelt es in der Bürgerschaft wegen Asylbewerbern“) zu entnehmen ist. Nicht etwa der Rassismus der Anwohner_innen ist der Grund für den Aufruhr, sondern die Asylbewerber_innen. Jene Probleme scheinen konkret darin zu bestehen, dass die Wohnungen der Asylbewerber_innen nicht so heruntergekommen sind, wie die der Deutschen und dass den Deutschen bisher keiner mitgeteilt hat, dass die Fressfeinde bald wieder abgeschoben werden sollen.

Der Bürgermeister versuchte zu beschwichtigen, indem er beteuerte, dass die Geflohenen hier unterhalb der Armutsgrenze gehalten werden. Er berichtete außerdem über die Schicksale der Menschen und bittet um Verständnis. Ziemlich naiv. Können doch die gemeinen Deutschen nichts besser wegstecken, als Berichte über das Leid von anderen. Die Empathie ist ein Stiefkind aus Deutschland. Strategisch klüger stellt sich die Fachbedienstete des Landratsamtes, Susanne Reum an. Sie berichtet, dass die Asylbewerber bald eh wieder abgeschoben werden und die, die bleiben dürfen, suchen sich erfahrungsgemäß schnell einen anderen Wohnort. Dafür wird die Gastfreundschaft aus Walperloh schon sorgen.

Quelle: Antifa Suhl/Zella-Mehlis

Einen Bericht von antifaschistischen Beobachtern dieser Zusammenkunft gibt’s bei indymedia linksunten.

„Es sind objektiv Gegendemos zu den Montagsdemos gegen Hartz IV, zu denen auch die Erfurter Donnerstagsdemo gehört“

Inhaltlich ein klügerer Artikel als der verharmlosende Kurzkommentar vom Infoladen Sabotnik über die neuen Montagsdemos am Anger kam jetzt von Holger Wetzel von der Thüringer Allgemeinen, der die Organisatoren der Erfurter Donnerstagsdemos gegen Sozialabbau und Rechtsextremismus befragt hat:

Obskure Montagsdemo auf dem Anger in Erfurt

Erfurt. Mit pauschalen Friedenswünschen, angedeuteten Verschwörungstheorien und einer Rundum-Kritik an Politikern und dem „System“ haben sich Anhänger der „neuen Montagsdemo“ gestern auf dem Anger wiederholt an die Öffentlichkeit gewandt. Nach Angaben der Polizei versammelten sich rund 100 Demonstranten vor dem Lutherdenkmal.

Die Erfurter Donnerstagsdemo distanzierte sich von der Bewegung, der sie antisemitische Züge vorwirft. „Es sind objektiv Gegendemos zu den Montagsdemos gegen Hartz IV, zu denen auch die Erfurter Donnerstagsdemo gehört“, sagten Marianne Kroeger und Frank Bethge von der Donnerstagsdemo. Bei der neuen Bewegung würden rechte, als links getarnte Botschaften unter die Leute gebracht.

Aus den gestrigen Redebeiträgen nach dem Prinzip des offenen Mikrofons ließen sich keine konkreten Forderungen ableiten. Allenfalls der Wunsch, sich zahlenmäßig zu vergrößern, konnte als gemeinsamer Nenner empfunden werden. Kritik wurde zum Beispiel an genetisch veränderten Lebensmitteln, der Privatisierung von Wasserrechten, am Fracking oder an Fremdwörtern laut. Teilnehmer, die scheinbar aus dem engeren Organisationskreis stammten, verteilten Flugblätter gegen die Fernsehgebühren.

Der am professionellsten auftretende Redner lobte mehrere Protagonisten der obskuren Bewegung wie Andreas Popp oder Jürgen Elsässer. Elsässers Redebeiträgen und einer von ihm herausgegebenen Zeitschrift werden rechtspopulistische und verschwörungstheoretische Positionen nachgesagt.

Nach Angaben aus der Stadtverwaltung wurden die bisherigen „neuen Montagsdemos“ von einer festen Gruppe wöchentlich wechselnder Einzelpersonen angemeldet. Als Initiator der Bewegung in Erfurt tritt ein Richard Habermann auf.

Auffällig viele Teilnehmer der Demonstration verbrachten viel Zeit damit, mit Kameras, Fotoapparaten und Handys die anderen Demonstranten abzufilmen. Eine Handvoll Gegendemonstranten verkleidete sich mit Silbermützen als „Außerirdische“ und trug Banner, welche die Inhalte der Reden karikierten.

Holger Wetzel / 29.04.14 / TA

Quelle: Thüringer Allgemeine

Noch blöder als beim Infoladen Sabotnik hat man sich kürzlich bei Radio Frei angestellt, wo sich Lena Bonke was vom Pferd erzählen lassen hat.

Über Rassisten auch mal lachen…

Noch mehr hallte eine Szene in der 76. Minute nach. Es gab Eckball für Barcelona, Dani Alves schritt zur Ausführung, da warf ein Zuschauer nach alter rassistischer Sitte eine Banane in Richtung des dunkelhäutigen Brasilianers. Der Rechtsverteidiger hob die Banane auf, schälte sie, biss ab und trat mit vollem Mund den Ball in den Strafraum.

Eine solch gewitzte Reaktion auf den Unsinn der Rassisten im Stadion hat die Fußballwelt noch nicht gesehen. „Ich spiele jetzt seit elf Jahren in Spanien, und seit elf Jahren ist es immer das Gleiche. Wir werden es nicht ändern, daher muss man Witze darüber machen. Man kann über diese zurückgebliebenen Leute nur lachen“, sagte Dani Alves.

Quelle: Sueddeutsche

Der Infoladen Sabotnik und die Softcore-Verharmlosung von antisemitischen Bewegungen

Unter den Bericht zur vergangenen Montagsdemonstration von Max Unkraut, den ich hier auch verlinkt habe, setzten die Verantwortlichen des Infoladen Sabotnik einen beispielhaften Kommentar für die Softcore-Verharmlosung des Antisemitismus:

So lange die De­mons­tran­t_in­nen nicht Ador­no lesen, bringt es also nichts, zu in­ter­ve­nie­ren. Das könn­te man na­tür­lich auch um­ge­kehrt sehen: So lange die ra­di­ka­le Linke es weder schafft, spon­ta­ne Be­we­gun­gen in ihrer Wi­der­sprüch­lich­keit zu ver­ste­hen noch eine über­zeu­gen­de Kri­tik zu ver­mit­teln, kann sie gar nicht in­ter­ve­nie­ren. Aber wie auch immer: An­ge­sichts der an­ge­spro­che­nen ge­fähr­li­chen Ten­den­zen ist es wohl nötig, wei­ter­hin ein Auge auf die ‚Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen‘ wer­fen.

Während der Bericht also empirisch aufzeigt, dass es hier nichts zu intervenieren, sondern zu verhindern gibt, weil man mit Antisemiten nicht diskutieren kann, will man beim Infoladen Sabotnik nicht so recht von einer in Aussicht gestellten Massenbewegung Abstand nehmen. Von der „Widersprüchlichkeit“ der Bewegung ist da die Rede. Freilich nicht im Sinne widersprüchlicher Positionen, Freiheit und Frieden zu fordern und gleich nach dem Schuldigen der herrschenden Misere zu fahnden. Widersprüchlichkeit ist hier eine Floskel für das Verständnis der Bewegungslinken für „spontane Bewegungen“ (was hier spontan ist, soll mir mal wer erklären, Kopp und Compact arbeiten seit Jahren an solchen Mobilisierungen), die man nicht gleich mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontieren soll, weil man perspektivisch doch irgendwann noch mitmachen will. Mit anderen Worten: eine infame Verharmlosung des antisemitischen Potentials, das da Montags aufmarschiert.

Das berühmte Gerede gegen die sogenannte „reine Lehre“ (hier in Gestalt der dümmlichen Polemik gegen das Adorno-Lesen), die man Adorno und der Kritischen Theorie unterstellt, um sie als ein Projekt der Elite zu diffamieren, war wohl nie etwas anderes als ein in verhaltene Wut gekleidetes Ressentiment gegen ein Denken, das sich am weitesten nach vorn wagt, weil es ausspricht, was v.a. für Bewegungslinke nicht sein darf; dass nämlich alle gut gemeinte Praxis nichts ist gegen die Übermacht der Verhältnisse, die solche Praxis unbegriffen und deswegen (im günstigsten Fall) unberührt zurück lässt. Die Diffamierung zielt auf ein Denken, das die Ohnmacht nicht einfach wegwischt, um sich Schuldige zu suchen, sondern solches Verhalten in die Kritik nimmt.

„Flugreisen!? Ich mach‘ lieber Urlaub im Thüringer Wald!“

Seit einigen Wochen haben in vielen Städten (u.a. Erfurt und Jena) so eine Mischung aus Wutbürgern, Verschwörungsfreaks, Reichsbürgern und anderem antisemitischen Dreckspack die Montagsdemonstrationen übernommen und machen mobil gegen Bilderberger, Rothschilds und andere vermeintliche Übeltäter. Die Kapitalismuskritik der Montagsdemos – schon immer ein Stiefkind – wurde restlos durch den Antisemitismus ersetzt. Einen lesenswerten Bericht über dieses Sektentreffen mit Zulauf aus Erfurt gibts auf Indymedia linksunten. Die im letzten Textabschnitt diskutierten praktischen Ansätze, um sich gegen diese Zumutung zu wehren, scheinen mir besonders relevant um eine Strategie zu erarbeiten, falls denen nicht bald sowieso die Luft ausgeht. Die vergangenen rassistischen und antisemitischen Mobilisierungen in Deutschland waren ja von einer erfreulichen Kurzatmigkeit geprägt, was nicht über das enorme Potential von Kopp-Lesern und Elsässer-Fans hinwegtäuschen darf. Kritisch finde ich am Linksunten-Text, vor allem wenn man auf Adorno und Horkheimer rekurriert, dass man den Begriff der einen Wahrheit weghaut, nur weil einige Spinner, die sich aus Alufolie Mützen basteln, meinen sie gefunden zu haben. Zum Problem der Wahrheit bei Horkheimer: ab S. 321.

Verschleppt aus Erfurt

Gestern wurde eine Frau mit ihren beiden Kindern, die nach Deutschland geflüchtet waren, von verbeamteten Menschenfeinden aus Erfurt verschleppt und vermutlich nach Mazedonien abgeschoben. Die Kinder wurden von Bullen aus der Schule abgeholt, durften nichts mitnehmen. Nach einer knappen Stunde war die Familie in Autos verfrachtet und unterwegs zum Flughafen. Auf der Protestkundgebung gestern abend auf dem Anger wurde folgender Flyer verteilt:

Flyer gegen Abschiebung

Bericht der Erfurter Flüchtlingsinitiative: Abschiebung ohne Vorwarnung mit Protest in Erfurt

Antikommunistischer Verfolgungseifer in Suhl

Dass antikommunistisches Strafbedürfnis zu den maßgebenden Formen des postnazistischen Bewusstseins gehört, davon konnte sich die Suhler Antifaschistin und wohl beste Lehrerin Thüringens, Heidi Schwalbe, in den letzten Wochen überzeugen. Wegen einer Mottowoche an ihrem Gymnasium, bei der ihre Klasse Szenen aus dem DDR-Schulalltag nachstellte, und wovon Bildmaterial ins „größte Drecksblatt der westlichen Welt“ (Gremliza) gelangte, steht sie schon seit Wochen unter Beschuss. Neben hochrangigen Thüringer Landespolitikern äußerte sich auch der übelste Stalker Berlins, Hubertus Knabe zu dem Fall. Knabe hält sich für einen Historiker und treibt in Hohenschönhausen sein Lebenswerk voran: Die Verharmlosung des Nationalsozialismus durch die Parallelisierung mit der DDR. Die Bild-Story aus Suhl kommt dem postnazistischen Ideologen wie gerufen. In der Zeit erschien jetzt ein etwas differenzierterer Artikel. Halt durch, Heidi!

Moralische Überlegenheit am Abgrund – Die Thüringer Zivilgesellschaft im Kampf für Heimat und Gewissen

Lirabelle #4In Ausgabe #4 der Erfurter Zeitschrift Lirabelle habe ich mit meinem Genossen Fabian über das aktuelle Vorgehen der Thüringer Zivilgesellschaft sowie deren inhaltliche Irrungen geschrieben. Außerdem befindet sich im Heft ein wundervoller Text von Simon Rubaschow zur Thüringer Theorie-Praxis-Debatte, der kurz mit der an Dreistigkeit kaum zu überbietenden Antwort von L&M aus Ausgabe #3 abrechnet und die Theorie-Praxis-Debatte in einer Reflexion zum Verhältnis von Wut, Angst und Traurigkeit zu einem würdigen (vorläufigen) Ende führt – vorbehaltlich L&M bringen nicht die nächste Bleiwüste in Anschlag, in der sie Argumente des Diskussionspartners ausschweifend als die eigenen ausgeben und ihre eigene Praxisabstinenz damit kompensieren, sich jedem besseren Mob an den Hals zu werfen. Außerdem sehr lesenswert, finde ich die Thesen von Charlie Pepper zum Begriff des Stützpunkts in Abgrenzung zu linken „Freiraum“-Konzepten und den Bericht von Franzie zum Arbeitskampf bei VioMe in Griechenland.

Moralische Überlegenheit am Abgrund – Die Thüringer Zivilgesellschaft im Kampf für Heimat und Gewissen

Die Antifa ist so überflüssig und deswegen so gefragt wie nie. Die Zivilgesellschaft, allen voran die Thüringer Bürgerbündnisse gegen Rechts, die sich vorwiegend aus den sozialdemokratischen Parteien und Organisationen rekrutierten, und der Filz aus dessen Umfeld, haben das Hauptkampffeld der Antifa übernommen. Selbst in Käffern wie Kirchheim und Ballstädt, die die örtlichen Gutmenschen[1] längst in Wehrdörfer verwandelt haben, braucht es die Antifa nicht mehr um Protest gegen Nazis zu organisieren. Die Schlussfolgerung, die Bürger hätten endlich verstanden und machen jetzt selber, ist naiv. Die Proteste gegen Naziaufmärsche und -zentren sind unter der Regie der Parteikader zu Werbeveranstaltungen für die Gesellschaft verkommen, die die Nazis hervorbringt. Antifaschistische Kritik ist nur noch im Widerspruch gegen diese Farce zu haben. Von Fabian & Ox Y. Moron. (mehr…)