Archiv für Mai 2014

Neues zu den montaglichen Braunzonenaufmärschen

Die weggeputschte Montagscrew, die sich jetzt Dienstags am Anger trifft, hat ihre Kundgebung gestern mehr oder minder ausfallen lassen. Der liberalere Flügel der antisemitischen Montagsbewegung scheint nicht so viele Anhänger zu haben. Die crowd will das Original! Gerüchteweise hört man davon, dass einige der alten Organisatoren auch inzwischen zur Vernunft gekommen sind und sich für eine Kritik des Antisemitismus offen zeigen.

Die neue Montagscrew und ihre Fans feiern indessen den Auftritt von Elsässer auf Facebook. Die Störung wird konsequent klein geredet, die inhaltliche, konkrete Kritik unter den Tisch fallen gelassen. So kennt man das schon von der NPD. Jedes Debakel wird als Sieg gefeiert. Eine Bewegung, die damit beschäftigt ist, von Sieg zu Sieg zu eilen, lässt sich nicht aufhalten von ein paar „linken Extremisten“ (Montagscrew auf Facebook) oder wie Elsässer weiß: „in Wahrheit handelt es sich um allzeit gewaltbereite Amerikanisten und Zionisten, die Sturmtruppen des Imperiums.“ Die nächste Wahnmache kommenden Montag wird auch schon beworben, prominente Redner sind, wider der Ankündigung der Organisatoren, (noch) nicht aufgeführt.

Über die Ereignisse vom vergangenen Montag gibt es jetzt einen weiteren Bericht vom Infoladen Sabotnik. Zur Erinnerung: Dem Infoladen Sabotnik, der die Antisemitenaufmärsche zunächst verharmlost hatte. Inzwischen scheint sich dort der ideologiekritische Flügel durchgesetzt zu haben. Den lesenwerten Text und ein paar Bilder gibts hier: Lauter Protest gegen Elsässer auf Erfurter Montagsdemo

Da in den letzten Tagen meine Zugriffszahlen wegen dieser Montagsgeschichte explodieren und ich damit rechnen muss, dass nicht wenige der Besucher meines Blogs mehr oder weniger überzeugte Anhänger des kritisierten Antisemitenstadl’s sind, weise ich hier, quasi als Ausstiegshilfe, auf die Thementexte der letzten Jungle World mit einigen Hintergründen hin. Vielleicht hilft es.

Hauptsache gegen Amerika
„Heil Moskau“
I don‘t like Mondays (Hier gehts auch um die Erfurter Situation)
Verquere Welt

Wenn jemand weitere gute Texte zur Auseinandersetzung mit den Montagsaufmärschen hat, gerne in die Kommentarspalte damit. Müll hau ich weg.

Antifas sprengen Montagswahnmache in Erfurt

„Willkommen auf der neuen Erfurter Montagswahn… äh… -mahnmache!“ (Tosendes Gelächter) – so begrüßte der Anmelder der neuen Montagskundgebungen mit einem Freud’schen Versprecher die Anwesenden und nahm die antifaschistische Kritik am Charakter dieser Veranstaltung ungewollt vorweg. Die ca. 50 anwesenden Antifaschisten störten die Wahnmache massiv, unterbrachen durch Sprechchöre und Zwischenrufe die Redner, brachten das Programm durcheinander, führten einen vorzeitigen Abbruch durch die Organisatoren herbei und machten den ersten Montagsaufmarsch nach dem Putsch und Rechtsruck in Erfurt zum Desaster für die Organisatoren.

Diese hatten große Prominenz eingeladen, um das Teilnehmerfeld zu erweitern. Neben Klaus Blessing, dem ehemaligen stellvertretenden Minister für Schwerindustrie der DDR, heute nur noch ein trinkender Wirrkopf, sprach der Ex-Linke Jürgen Elsässer, heute vom früheren Kritiker des Antisemitismus zum Gegenstand der Kritik des Antisemitismus degeneriert, zu den ca. 50 Antifas, die gegen etwa genauso viele Wahnmach‘ler demonstrierten. Viel war von Elsässers neuesten Ergüssen über die Weltherrschaft des Finanzkapitals allerdings nicht zu verstehen. Sein faschistoides Weltanschauungsgetöse ging im Kratzen des Mikros und dem Protest der Antifas unter.

Die Organisatoren waren ziemlich ratlos angesichts der neuen Situation und bettelten regelmäßig um das Eingreifen der Polizei, die vom Ausmaß des Protestes aber ebenso überrascht war. So drehte sich die ganze Kundgebung um die Pseudoauseinandersetzung mit der Antifa. Mal waren diese alle bezahlte Claqueure, wahlweise der USA oder des Innenministeriums, mal wurde den Antifas ernsthaft dazu geraten, Möhren anzupflanzen, weil es bekanntlich nichts wichtigeres gibt und mal versuchte man die politischen Gegner mit der „Wir wollen doch alle dasselbe“-Nummer zu umgarnen. Eine Fahne der USA und Israels provozierten immer wieder Hasstiraden gegen die „derzeit aggressivsten Kriegstreiber“. Einige der Wahnmachengegner ließen sich auf die Diskussion am Mikro ein, mit verhaltenem Erfolg. Auf eine Kritik, deren Komplexität die Aufmerksamkeitsspanne von 15 Sekunden bis zur nächsten Applauspause überschritt, waren die Wahnmachen-Teilnehmer nicht vorbereitet. Man suchte ohnehin eher die einfachen Antworten, die „Wahrheit“ in Hauptsätzen, und die Bestätigung der eigenen stumpfen antisemitischen Ressentiments durch die Markierung von vermeintlich Schuldigen.

Von völkischer und antisemitischer Ideologie distanzierten sich die Organisatoren unentwegt. Die Nachfrage, warum man dann mit Elsässer einen Freund und politischen Weggefährten des Holocaustleugners Horst Mahler eingeladen hatte, wusste man ebenso wenig zu beantworten wie die Frage, warum dieser ach so neutrale Bürgerprotest ein Anziehungspunkt von Nazis und anderen zwielichtigen Leuten ist. Teilnehmer der Kundgebung waren, neben den offensichtlich dort rumstehenden und Beifall klatschenden Nazis, beispielsweise der Vorsitzende der Ilm-Kreis-AfD Rüdiger Schmitt und der Herausgeber der völkischen Heimatzeitschrift „Arnstädter Stadtecho“ Stefan Buchtzik.

Die Anwesenheit von völkischen Ideologen und Antisemiten, die man ja mitunter selber eingeladen hatte, brachte die sich dumm stellenden Organisatoren nicht auf den Gedanken, dass dieser Auflauf kein unschuldiger Bürgerprotest für Frieden und Sonnenschein sein konnte, sondern von den anwesenden Antifas als das entlarvt wurde, was er war, ein Braunzonenaufmarsch mit Querfront-Potential. Die Distanzierungen von Antisemitismus waren aberwitzig und wurden nicht selten in Abwandlung des bekannten modern-antisemitischen Schlachtrufes „Ich habe ja nichts gegen Juden, aber…“ vorgetragen. Dass heute Antisemitismus nicht als ordinäre Judenfeindschaft auftritt, dass diese nach Auschwitz vielmehr gesellschaftlich kompromittiert ist und dass sich der moderne Antisemitismus neue Formen gesucht hat, die nirgends so virulent sind, wie auf diesen Demos, das wusste zumindest einer der Teilnehmer und Befürworter früher mal: Elsässer.

Von diesem Elsässer hat sich inzwischen sogar Wahnmachen-Guru Ken Jebsen öffentlich distanziert, was einiges bedeuten muss, da das von Jebsen tolerierte Teilnehmerfeld vom gutmeinenden Naiven bis zum ordinären Nazi und Reichsbürger reicht. Jebsen schrieb sogar mit dem Hildburghäuser Querfrontler Florian Kirner aka „Prinz Chaos II.“ (Ex-Linksruck) einen offenen Brief an die Organisatoren der Erfurter Montagsdemo in Sorge um den „humanistischen Grundkonsens“. Diese Aktion zeigt ganz nebenbei, wo die Erfurter Montagsdemo im deutschen Wahnmachen-Getümmel anzusiedeln ist: sehr weit rechts. Schade, dass dieser Brief auf der Kundgebung nicht besprochen wurde. Die an dieser Stelle abwegige Debatte über einen „humanistischen Grundkonsens“ bei diesem Braunzonenaufmarsch wäre sicher der Lacher des Abends geworden.


„Montags mach‘ ich lieber blau… Kein Frieden mit Antisemitismus, Verschwörungswahn und Volksgemeinschaft!“ – Antifaschistische Proteste


Jürgen Elsässer mit den neuestem Gelaber über die Weltherrschaft des Finanzkapitals


Kein Remake von „Die Drei von der Tankstelle“, sondern die Organisatoren des Braunzonenaufmarsches


„National Revolutionär Sozialistisch“ – Nazis brauchen sich nicht zu verstecken, sie sind offen Teil der Veranstaltung


Stefan Buchtzik (links im Bild), Herausgeber des völkischen Anzeigenblattes „Arnstädter Stadtecho“, dessen aktuelle Ausgabe Rüdiger Schmitt (Bildmitte), Vorsitzender der Ilm-Kreis-AfD, in der Hand hält

Am Abend verteiltes antifaschistisches Flugblatt: Montags mach‘ ich lieber blau…

Proteste gegen Elsässer-Auftritt angekündigt

Inzwischen rufen antifaschistische Gruppen in Erfurt zum Protest gegen den Elsässer-Auftritt und die Wahnmache kommenden Montag auf dem Anger auf. Die Initiative Allu Huht verfasste hierzu einen Aufruf, den ich hier dokumentiere.

Keine Bühne für Hass gegen LGBT gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, Keine Bühne für Elsässer

Seit einigen Wochen finden in mehreren großen Städten Deutschlands Neuauflagen der Montagsdemonstrationen statt. Ihre Initiator*innen agitieren seither in einem Sumpf aus Politikmüden, Querfrontler*innen, rechtsesoterischen Verschwörungstheoretiker*innen und antiimperialistischen Linken wie Rechten, die gemeinsam für eine kryptische Vorstellung von Frieden demonstrieren. Neben dem eigentlichen hehren Ziel wurde von Anfang gegen „gleichgeschaltete“ Medien, die BRD GMBH, FED, Rothschilds, Banken usw. gehetzt. Diese spezifische Form von Kapitalismuskritik hat deutschlandweit den Veranstalter*innen genau das Publikum beschert von dem sie sich in ihren Aufrufen verzweifelt zu distanzieren versuchten. Kein Zufall, denn inhaltliche Anknüpfungspunkte für Antisemit*innen, Rassist*innen und Verschwörungstheoretiker*innen bietet das Konzept der Initiator*innen zuhauf. Die sich ständig wiederholenden Distanzierungsversuche blieben somit unsinnig und vergebens. Seit mittlerweile 5 Wochen finden auch in Erfurt Mahnwachen statt. Die Veranstalter*innen behaupteten keinesfalls mit anderen Montagsdemos in einer Reihe zu stehen und Nazis, Rassist*innen und Antisemit*innen nicht das Wort am offenen Mikro zu überlassen. Jedoch beobachten wir seit Beginn mit Sorge, dass auch hier wiederholt neben Reden über die vermeintliche BRD GMBH und Chemtrails auch extremes Bankenbashing stattfindet. Die FED wird für das Unheil der Welt verantwortlich gemacht – eine kleine Elite sei dabei die Menschheit ins Verderben zu führen. Daher sei es auch egal welche*r von den „profitgeilen Politikern“ gewählt wird, da sie alle im Dienste einer nebulösen Macht ständen. Auf besorgniserregend große Zustimmung stoßen Redner*innen, die beispielsweise den Wahlerfolg von Obama dem Rassismus in den USA zurechnen und von Cliquenwirtschaft und Lobbyismus reden. Aber auch die Magie kam hier in Erfurt, einer der Hauptstädte der Esoterik nicht zu kurz – Selbstheiler*innen und selbst ernannte neue Physiker*innen nutzten die Bühnen um von ihren Wahrheiten zu berichten.

Mit dem Wochenende vom 17/18 Mai wurde nun von Berlin treuen Kadern die alte Orga der Wahnmache abgesetzt. Die Begründung ist, dass das alte Orgateam vom Verfassungsschutz durchsetzt sei und Parteipolitik betriebe. Unseren Informationen nach sind tatsächlich 2 Mitglieder in Parteien organisiert, DIE LINKE und die Die Piraten. Dass nunmehr deutschlandweit viele Mahnwachen von AfDlern, NPDlern und Reichsbürgern organisiert werden tat diesem Akt keinen Abbruch. Mitlgieder der alten Orga wurden bedroht und beschimpft. Die Berlin treuen neuen Organisatoren haben es nun vollbracht JÜRGEN ELSÄSSER zum 26.05. nach Erfurt einzuladen. Er gehört zu den Hauptrednern die in Berlin wöchentlich gegen LGBT hetzen und von einer Finanzoligarchie fantasieren und dabei offenen Antisemitismus predigen.
Statt einer vernunftbasierten Auseinandersetzung mit den Schwächen ihrer Mahnwache reagierten Veranstalter*innen, Redner*innen und Teilnehmende mit vielfältigen Immunisierungsstrategien und Abwehrhaltungen. Die grandiose Aufforderung an das Publikum, wer rechts sei, solle bitte die Hand heben, wurde mit dem vorauszusehenden Ergebnis belohnt – die Arme blieben diesmal unten. Die Inhalte, die vom offenen Mikro auf den Anger schallten, unterschieden sich bisher somit nicht von den anderen deutschlandweiten Demos. Gleichsam dem Medienecho halten sich die kritischen Reaktionen in Erfurt im Bezug auf die Mahnwachen in Grenzen. An diesem Umstand werden wir gemeinsam am kommenden Montag, dem 26. Mai etwas ändern. Dazu wollen wir ab 18:00 Uhr auf dem Anger in Erfurt demonstrieren, dass wir nicht damit einverstanden sind der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und JÜRGEN ELSÄSSER eine Bühne zu geben. Wir rufen auf, euch an dem Gegenprotest zu beteiligen! Bisher besteht bei uns Konsens darüber die Mahnwache nicht irgendwie verbessern zu wollen da wir sie von der Idee an, über Initiator*innen, Teilnehmende und Inhalte ablehnen und somit auch keine Reden am offene Mikro halten werden.

Quelle und Kontakt über: alluhuht@gmail.com

Auch die Erfurter Staatsantifa™ (AKE) hat reagiert:

Daher rufen wir dazu auf, den Organisatoren der „Montags-Demo“ die Tragweite ihres Handelns klar zu machen und am kommenden Montag vor Ort gegen den Auftritt von Elsässer und die damit nun eindeutig erkennbare rechte Ausrichtung der Demonstration zu protestieren. Spätestens jetzt muss jedeR gegenüber der Erfurter „Montags-Demo“ entscheiden, wo er/sie steht.

Quelle: Staatsantifa Erfurt

Die Erfurter Staatsantifa (AKE) ist mal wieder voll auf Zack. Nachdem nun Elsässer eingeladen wurde, haben sie begriffen, dass das eine „rechte“ Veranstaltung ist. Die antizionistischen Eskapaden und Reichsbürgerauftritte ließen noch Spielraum bzw. die „rechte Ausrichtung“ im Dunkeln, aber jetzt sind bei der AKE die Lichter angegangen. Auf die Staatsantifa ist mal wieder Verlass!

Außerdem gibt es inzwischen ein Video von den Filmpiraten über die Wahnmachen:

Die ideologischen Bedürfnisse ernst nehmen

Bei classless Kulla gibt es einen interessanten Text zum Umgang mit den neuen Montagsdemos.

Etwas längere Entschwörung zu Montagsdemos und allem

May 5th, 2014

Erst wollte ich es bei den kurzen und allgemeinen Bemerkungen belassen, die ich vor kurzem schon zum Thema beigesteuert hatte. Ich hoffte, daß der Gedanke, den ich seit Jahren zu politischen Auseinandersetzungen zu streuen versuche, vielleicht am akuten Beispiel aufgegriffen werden würde: die ideologischen Bedürfnisse ernstzunehmen, wie sie sich eben auch derzeit in den montäglichen öffentlichen Zusammenkünften und in den begleitenden Äußerungen im Internet oder auch in Bekanntenkreisen artikulieren.

Doch überwiegt in den kritischen Reaktionen, die ich bislang mitbekommen habe, bei weitem die Distinktion à la Aluhut oder die Verurteilung à la Jutta, hin und wieder wenigstens gefolgt von Verwunderung und einer gewissen Hilflosigkeit, weil das alles nur in wenigen Fällen etwas bringt (außer natürlich für die Selbstvergewisserung).

Also möchte ich versuchen, mal grob zu umreißen, wie ich mir dieses Ernstnehmen in etwa vorstelle.

So sinnvoll und richtig zum Beispiel faktenorientierte Entgegnungen wie die vom Lowerclassmagazine sind, um erstmal klarzustellen, was alles nicht stimmt – zum einen nimmt das angesichts der stundenlangen Auslassungen allein Jebsens oder des gesammelten Schrifttums allein Elsässers schlicht kein Ende; zum anderen sollte dabei auch einfach nicht stehengeblieben werden. Denn die Frage muß doch – wie immer bei Ideologiekritik – lauten, warum das Falsche dennoch und überhaupt geglaubt wird, warum ein solch teilweise enormer Erklärungsaufwand getrieben wird, um inmitten einem Potpourri von wenig Bekanntem, leidlich Kontroversem und abgeklärt Klingendem an diesem Falschen festzuhalten.

“Weil es Antisemiten sind” oder “weil es Neurechte sind” sind keine Erklärungen, sondern das klingt, wenn es dabei dann bleibt, eher nach Äußerungen von Sektenbeauftragten. Ideologie trägt jeder Mensch in dieser Gesellschaftsordnung mit sich herum; sie nimmt abhängig von der eigenen Stellung zur Gesellschaft und ihren verschiedenen Teilen (und in geringerem Maß auch abhängig von den jeweiligen Informationseinflüssen) und abhängig vom Verlauf der sozialen Auseinandersetzungen unterschiedliche Formen und Eskalationsstufen an. Ideologie ist das falsche Bewußtsein, das das richtige Bewußtsein für die falschen Verhältnisse ist; das Bewußtsein, das alle reproduzieren müssen, wenn sie sich in den Verhältnissen zurechtfinden und in ihnen vorankommen wollen. Von diesem Bewußtsein ist auf den Montagsdemos allenfalls mehr auf einem Haufen; es sind vielleicht verzweifeltere, offener widersprüchliche Formen als anderswo. Doch ist das alles nicht grundverschieden von der Ideologie, die wir fast überall sonst antreffen.

Ihr Kern ist fast immer, sich als Teil der Nation nützlich vorkommen zu können. Das passiert auch ohne Montagsdemo ständig, das leistet der ganz gewöhnliche Nationalismus, der entsprechend der Stellung der meisten Menschen in dieser Gesellschaft vor allem als eine Art Arbeitskult daherkommt und sich gegen die Parasiten unten und oben und an der Seite richtet: die Faulen, die Ungelernten, die Aussauger und die Betrüger. Die Faulen und Ungelernten liegen dem Wir der Nützlichen und Willigen auf der Tasche; die Reichen und die Betrüger nehmen die Nützlichen und Ehrlichen aus.

Dabei werden immer schon, auch ohne jede Montagsdemo, sehr willkürliche Grenzen je nach eigener Lage gezogen. Ob alle Hartz-IV-Empfänger oder nur manche zu den Faulen zählen, wo die Grenze zum unschicklichen Reichtum verläuft, ob die Distinktion etwa auch nach Bildung, Engagement und Familienstand gezogen wird – das hängt vor allem davon ab, wo sich jemand selbst befindet und mit welchem Teil der Gesellschaft er sich gemein machen will. Innerhalb des Wir werden die Konflikte und Interessengegensätze heruntergespielt bis wegbeschworen – “wir” wollen ja alle friedlich miteinander leben, “wir” sind ja alle gleich…

Wenn der gewöhnliche Nationalismus für die Selbstvergewisserung nicht reicht – weil man etwa in der Konkurrenz ausgebootet wird oder sich von schärferer Konkurrenz bedroht sieht, weil man etwa seinen Job, seine soziale Nische oder seine Radiosendung verloren hat – dann muß stärkerer Stoff her, dann muß das größtmögliche Wir beschworen werden, das noch gegen jemanden gerichtet sein kann. Und das größtmögliche Wir des Nationalismus ist das der Nützlichen und Willigen aller Länder gegen die Faulen, die Aussauger und Betrüger aller Länder; in seiner maximalen Zuspitzung ist das der Kern des modernen Antisemitismus.

Es kann in dieser gesamten Vorstellungswelt nicht um ein besseres Leben für alle gehen, dann würde sie in sich zusammenfallen und das beschworene und fürs eigene Heil so wichtige Bündnis mit der nationalen Gemeinschaft (bzw. dem für einen selbst relevanten Segment davon) zerbräche.

Aktuell haben diese ganzen Bedürfnisse etwa solche Inhalte: nicht wahrhaben zu wollen, daß der ganze nationale Zirkus nunmal Interessendurchsetzung nach außen braucht; daß die EU-Außengrenzen nicht aus moralischer Schlechtigkeit so dicht gehalten werden, wie es geht, sondern vorwiegend aus ganz handfesten Gründen der Verwertbarkeit, der nationalen Akkumulation, der Spaltung der Klasse und der internationalen Arbeitsteilung; und daß es beim Gezerre um die Ukraine nicht einfach darum geht, wer friedlicher und freier gesinnt ist, sondern vor allem darum, mit wem und zu welchen Bedingungen sich welche Teile des fraglichen Gebiets ökonomisch und strategisch verbinden werden.

Der Reflex der Montagsdemonstranten ist – wie der vieler anderer – zu sagen: “Wir wollen das nicht.” Doch den wirtschaftlichen und politischen Erfolg der eigenen Nation bzw. des eigenen Staatenbündnisses, der dieses Vorgehen hauptsächlich motiviert, den wollen “wir” ja dann doch.

Sofern eine Auseinandersetzung mit diesen Bedürfnissen stattfinden soll, sofern sie also angezeigt und irgendwie sinnvoll erscheint – was sich wohl eher auf Interessierte und Anpolitisierte als auf Überzeugte und Engagierte bei den Demos bezieht –, wäre es wichtig, sich nicht einfach drüberzustellen, sich selbst also nicht als interesselos, übermoralisch und politisch maximal aufgeklärt zu präsentieren. Die eigene Stellung in der Gesellschaft, die eigenen Lernprozesse, die eigenen Zweifel, die Quellen und Gründe für die eigenen Auffassungen sollten nicht übergangen, sondern vielmehr betont werden. Das bedeutet nicht, die nötige Kritik zu unterlassen oder zu entschärfen, es bedeutet auch nicht, keine Proteste zu veranstalten und keinen Widerstand zu leisten, wo das angebracht ist; es bedeutet lediglich, nicht aus dem Nichts zu reden bzw. einfach von oben.

“…wir haben so eine Decke der Zivilisation über uns ausgebreitet, um den Pöbel in den Griff zu kriegen” (Marcus Wiebusch)

Es sollte immer klar bleiben: die Verschwörungserzählungen treten in den allermeisten Fällen nur zu den Auffassungen und Grundhaltungen hinzu; sie sind nicht Ursache und auch nicht entscheidender Inhalt. Die Frage ist vielmehr, ob und warum jemand diesen Staat, diese Gesellschaftsordnung überhaupt verteidigen oder retten will, und wenn er das will, wogegen oder wovor.

Und wenn es nicht gelingt durchzudringen, wenn es nicht gelingt, über die Auseinandersetzungsformen des guten, richtigen Nationalismus mit den irren Abweichungen (wie z.B. bei extra3) hinauszufinden, wenn es nicht gelingt, für die herrschaftsfreie Assoziation aller Menschen zu werben und zur kollektiven Aktion in diesem Sinne anzustiften, dann ist das leider überhaupt nicht lustig.

Anders gesagt: So far, the joke’s on us, not on them.

Ernst nehmen bedeutet hier nicht, das ideologische Bedürfnis zu verniedlichen, zu verharmlosen oder zu übergehen (wie das wohl beim Infoladen Sabotnik gedacht ist), sondern es ernst zu nehmen, in der Weise, dass man statt die Antisemiten bloß als Antisemiten zu markieren, der Motivation dieser Leute nachgeht, die Ideologie aufklärt, indem man deren rationales (Widerstand gegen die Zurichtungen, die Ohnmacht, die Überflüssigkeit leisten zu wollen) gegen deren irrationales Moment (Fahnung nach dem personifizierten Schuldigen, Festhalten am nationalen Zwangskollektiv) in Stellung bringt. Dass man so antisemitische Wahnvorstellungen knackt, halte ich für unwahrscheinlich (und Kulla sicher auch), aber gegenüber den lose Anpolitisierten bzw. Gutmeinenden, ist das ein sinnvollerer Weg als sie umstandslos zu verhöhnen bzw. mit Polemik zu überschütten. Die Frage ist aber, zumindest, was ich in Thüringen mitbekomme: Gibt es diese Leute, die durch (Ideologie-)Kritik zu erreichen sind überhaupt noch (bei diesen Demos/Initiativen)?

Putsch und Rechtsruck bei Erfurter Montagsdemo

Am gestrigen Montag (19. Mai) fand die letzte Erfurter Montagsdemo des alten Orgakreises statt. Ab kommendem Montag (26. Mai) übernimmt ein neuer Orgakreis die Leitung der Mahnwache, oder besser: Wahnmache. Laut Selbstbezeichnung besteht dieser neue Orgakreis aus „unabhängigen und parteilich neutralen Mitgliedern der bisherigen Organisationsgruppe und einem weiteren Mitglied […], welches die Berliner Montagsdemos seit Anbeginn maßgeblich mit begleitete“. Kurz auf den Punkt gebracht durch die alten Organisatoren bedeutet das: „Wir wurden von Berlin aus abgesetzt.“
Nun war es sowieso nur eine Frage der Zeit bis sich die konkurrierenden Wahnvorstellungen der Teilnehmer durch den Kitt ideologischer Gemeinsamkeiten (konformistische Revolte gegen „die da oben“) durchfressen und zu Tage treten. Die Gründe für die Absetzung sind freilich aberwitzig. So sollen die alten Organisatoren vom Verfassungsschutz unterwandert sein (selbst der Verfassungsschutz hat vermutlich besseres zu tun, als noch mehr Menschen mit Wahnvorstellungen anzuwerben), Mitglieder diverser Parteien und deswegen nicht unabhängig sein und sie sollen bzw. haben die Organisation der Wahnmachen schleifen lassen. Das ist der Grund, warum der Putsch überhaupt stattfinden konnte: Da die Kundgebungen nicht lange genug im Voraus angemeldet worden, sprangen einfach die neuen Anmelder ein und besetzten den traditionellen Platz.
Insgesamt zeichnet sich dabei ein Rechtsruck ab: Die alten Organisationen (wohlgemerkt die Organisatoren, von den Teilnehmern ist hier nicht die Rede) waren bzw. sind Irre mit einer immerhin liberaleren Grundeinstellung, die sich vorsichtig und plump tastend, geschult durch youtube-Videos, dem näherten, was man für die Wahrheit hält: nämlich, dass sich ein einflussreicher Klüngel gegen die Menschheit verschworen hat. Sie betonten ihre Politik des offenen Mikros, wodurch sich jeder Spinner zum Sprechen animiert sah, was aber immerhin eine gewisse Offenheit anzeigte, und distanzierten sich in vorauseilendem Gehorsam von dem, worauf ihre eigene Ideologie notwendig hinausläuft: von Naziideologie.
Die neuen Organisatoren kündigten eine straffere Organisation an. Ihr Tonfall ist eindeutig autoritärer und zielstrebiger und damit die Beobachter gleich wissen, wo der Hammer hängt, haben sie zur ersten Wahnmache am 26. Mai gleich mal den homophoben Ex-Linken Jürgen Elsässer eingeladen. Elsässer ist einer der führenden Ideologen dieses verschwörungsaffinen, rechtsesoterischen und präfaschistischen Milieus, das sich um den Kopp-Verlag und die Zeitschrift „Compact“ sammelt, dessen Chefredakteur Elsässer ist. Aus diesem Milieu rekrutieren sich bundesweit die meisten Wahnmachen. Die neuen Organisatoren wollen durch den Einsatz solcher Prominenz der „Erfurter Bewegung“ zu Wachstum verhelfen, damit künftig die Wahnmachen auf dem Domplatz stattfinden können, weil der Anger zu klein geworden ist.
Die alten Organisatoren drückten bei der gestrigen bzw. ihrer letzten Wahnmache kräftig auf die Tränendrüse und schickten ein letztes Gebet zu Lars Mährholz, dem Wahnmachen-Guru aus Berlin, der die Erfurter Crew abgesetzt und sie aus der Linkliste gestrichen haben soll. Künftigen wollen die alten Organisatoren sich jetzt Dienstags am Lutherdenkmal treffen. Das bedeutet, dass es in Erfurt jetzt zwei Montagswahnmachen gibt, eine davon am Dienstag, und die Wutbürger, Gutmeinenden, Esoteriker, Reichsbürger, Truther, etc. nun die Wahl haben.

Gegen den Auftritt von Elsässer soll es antifaschistische Proteste geben. Dazu später mehr hier oder auf den üblichen Seiten.

Offener Brief an Lehrer und Eltern nach Verschleppung von Flüchtlingen aus Erfurt

Inzwischen ist die Verschleppung von Elvira und ihren Töchtern Elmedina und Riana fast einen Monat her. Die beiden Kinder wurden morgens aus der Schule geholt und ins Auto Richtung Flieger nach Mazedonien gesetzt. Man stelle sich nur mal das Szenario vor. Da kommen uniformierte Leute in eine Schulklasse und nehmen zwei Kinder mit, um diese mit ihrer Mutter in die Armut und Diskriminierung abzuschieben. Die/Der Lehrer/in tut nichts, lässt es geschehen und kümmert sich nicht weiter um das Schicksal der Kinder. Wie es außer einer handvoll ohnmächtiger Linker ohnehin niemand interessiert, was die Verfolgungsbehörden mit Menschen machen, die der Zufall der Geburt in die Armut und Diskriminierung verschlagen hat. Es ist arschdeutsch in Kaltland!

Heute, am 5.Mai um 7:30 Uhr haben wir einen Offenen Brief an die Lehrerinnen und Lehrer der Johannesschule Erfurt übergeben. Den Brief bekamen auch viele Eltern, die ihre Kinder nach den Ferien zur Schule brachten.

Quelle und Brief: Offener Brief Elmedina und Riana sind nicht mehr hier!
Unterstützen: Supporter auf Facebook & FRAI

„Plane erst ein Praktikum, dann die Diktatur des Prekariats, es gibt keinen Roten Morgen, Gefangene der Gegenwart“

Veranstaltungsreihe zur Kritik des Postnazismus in Arnstadt, Ilmenau & Suhl

„Der Nationalsozialismus lebt nach, und bis heute wissen wir nicht, ob bloß als Gespenst dessen, was so monströs war, daß es am eigenen Tode noch nicht starb; oder ob es gar nicht erst zum Tode kam; ob die Bereitschaft zum Unsäglichen fortwest in den Menschen wie in den Verhältnissen, die sie umklammern.“ (Theodor W. Adorno, 1959)

Am 8. Mai 1945 trat die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Kraft. Sie ist durch die gemeinsame Anstrengung der Anti-Hitler-Koalition erzwungen worden. Die alliierten Streitkräfte beendeten damit endgültig den deutschen Vernichtungskrieg und die fast vollständige Ausrottung des europäischen Judentums. Doch die viel beschworene „Stunde Null“ fand nicht statt. Weder von einer restlosen Abrechnung mit dem Vergangenen, noch von einem Neuanfang konnte die Rede sein. Die Befreiung blieb, wie der Ideologiekritiker Eike Geisel bemerkte, „eine halbe“. Der deutsche Faschismus wurde militärisch bezwungen, aber nie gänzlich besiegt. Zum einen ist es misslungen, eine „neue Welt des Friedens und der Freiheit“ (aus dem Schwur von Buchenwald) zu errichten, eine Gesellschaft, in der Auschwitz unmöglich werden sollte. Zum anderen fand die nachhaltige, an die Wurzel gehende Delegitimierung bzw. Aufarbeitung nazistischer Ideologie ebenso wenig statt wie die Abrechnung mit den deutschen Tätern. Während letztere im postnazistischen Deutschland in aller Regel problemlos Karriere machen konnten, musste ihre Ideologie sich transformieren und lebt heute in neuen Strukturen und Organisationen fort, schlägt sich im gesellschaftlichen Prozess an allen Stellen nieder und erfreut sich in Krisenzeiten steigender Popularität.
Die Vortragsreihe thematisiert dieses Fortleben des Nationalsozialismus und zwar in struktureller wie in personeller Hinsicht, d.h. sie untersucht die Transformation faschistischer Ideologie ebenso wie die personellen und organisatorischen Kontinuitäten im postnazistischen Deutschland.