Die ideologischen Bedürfnisse ernst nehmen

Bei classless Kulla gibt es einen interessanten Text zum Umgang mit den neuen Montagsdemos.

Etwas längere Entschwörung zu Montagsdemos und allem

May 5th, 2014

Erst wollte ich es bei den kurzen und allgemeinen Bemerkungen belassen, die ich vor kurzem schon zum Thema beigesteuert hatte. Ich hoffte, daß der Gedanke, den ich seit Jahren zu politischen Auseinandersetzungen zu streuen versuche, vielleicht am akuten Beispiel aufgegriffen werden würde: die ideologischen Bedürfnisse ernstzunehmen, wie sie sich eben auch derzeit in den montäglichen öffentlichen Zusammenkünften und in den begleitenden Äußerungen im Internet oder auch in Bekanntenkreisen artikulieren.

Doch überwiegt in den kritischen Reaktionen, die ich bislang mitbekommen habe, bei weitem die Distinktion à la Aluhut oder die Verurteilung à la Jutta, hin und wieder wenigstens gefolgt von Verwunderung und einer gewissen Hilflosigkeit, weil das alles nur in wenigen Fällen etwas bringt (außer natürlich für die Selbstvergewisserung).

Also möchte ich versuchen, mal grob zu umreißen, wie ich mir dieses Ernstnehmen in etwa vorstelle.

So sinnvoll und richtig zum Beispiel faktenorientierte Entgegnungen wie die vom Lowerclassmagazine sind, um erstmal klarzustellen, was alles nicht stimmt – zum einen nimmt das angesichts der stundenlangen Auslassungen allein Jebsens oder des gesammelten Schrifttums allein Elsässers schlicht kein Ende; zum anderen sollte dabei auch einfach nicht stehengeblieben werden. Denn die Frage muß doch – wie immer bei Ideologiekritik – lauten, warum das Falsche dennoch und überhaupt geglaubt wird, warum ein solch teilweise enormer Erklärungsaufwand getrieben wird, um inmitten einem Potpourri von wenig Bekanntem, leidlich Kontroversem und abgeklärt Klingendem an diesem Falschen festzuhalten.

“Weil es Antisemiten sind” oder “weil es Neurechte sind” sind keine Erklärungen, sondern das klingt, wenn es dabei dann bleibt, eher nach Äußerungen von Sektenbeauftragten. Ideologie trägt jeder Mensch in dieser Gesellschaftsordnung mit sich herum; sie nimmt abhängig von der eigenen Stellung zur Gesellschaft und ihren verschiedenen Teilen (und in geringerem Maß auch abhängig von den jeweiligen Informationseinflüssen) und abhängig vom Verlauf der sozialen Auseinandersetzungen unterschiedliche Formen und Eskalationsstufen an. Ideologie ist das falsche Bewußtsein, das das richtige Bewußtsein für die falschen Verhältnisse ist; das Bewußtsein, das alle reproduzieren müssen, wenn sie sich in den Verhältnissen zurechtfinden und in ihnen vorankommen wollen. Von diesem Bewußtsein ist auf den Montagsdemos allenfalls mehr auf einem Haufen; es sind vielleicht verzweifeltere, offener widersprüchliche Formen als anderswo. Doch ist das alles nicht grundverschieden von der Ideologie, die wir fast überall sonst antreffen.

Ihr Kern ist fast immer, sich als Teil der Nation nützlich vorkommen zu können. Das passiert auch ohne Montagsdemo ständig, das leistet der ganz gewöhnliche Nationalismus, der entsprechend der Stellung der meisten Menschen in dieser Gesellschaft vor allem als eine Art Arbeitskult daherkommt und sich gegen die Parasiten unten und oben und an der Seite richtet: die Faulen, die Ungelernten, die Aussauger und die Betrüger. Die Faulen und Ungelernten liegen dem Wir der Nützlichen und Willigen auf der Tasche; die Reichen und die Betrüger nehmen die Nützlichen und Ehrlichen aus.

Dabei werden immer schon, auch ohne jede Montagsdemo, sehr willkürliche Grenzen je nach eigener Lage gezogen. Ob alle Hartz-IV-Empfänger oder nur manche zu den Faulen zählen, wo die Grenze zum unschicklichen Reichtum verläuft, ob die Distinktion etwa auch nach Bildung, Engagement und Familienstand gezogen wird – das hängt vor allem davon ab, wo sich jemand selbst befindet und mit welchem Teil der Gesellschaft er sich gemein machen will. Innerhalb des Wir werden die Konflikte und Interessengegensätze heruntergespielt bis wegbeschworen – “wir” wollen ja alle friedlich miteinander leben, “wir” sind ja alle gleich…

Wenn der gewöhnliche Nationalismus für die Selbstvergewisserung nicht reicht – weil man etwa in der Konkurrenz ausgebootet wird oder sich von schärferer Konkurrenz bedroht sieht, weil man etwa seinen Job, seine soziale Nische oder seine Radiosendung verloren hat – dann muß stärkerer Stoff her, dann muß das größtmögliche Wir beschworen werden, das noch gegen jemanden gerichtet sein kann. Und das größtmögliche Wir des Nationalismus ist das der Nützlichen und Willigen aller Länder gegen die Faulen, die Aussauger und Betrüger aller Länder; in seiner maximalen Zuspitzung ist das der Kern des modernen Antisemitismus.

Es kann in dieser gesamten Vorstellungswelt nicht um ein besseres Leben für alle gehen, dann würde sie in sich zusammenfallen und das beschworene und fürs eigene Heil so wichtige Bündnis mit der nationalen Gemeinschaft (bzw. dem für einen selbst relevanten Segment davon) zerbräche.

Aktuell haben diese ganzen Bedürfnisse etwa solche Inhalte: nicht wahrhaben zu wollen, daß der ganze nationale Zirkus nunmal Interessendurchsetzung nach außen braucht; daß die EU-Außengrenzen nicht aus moralischer Schlechtigkeit so dicht gehalten werden, wie es geht, sondern vorwiegend aus ganz handfesten Gründen der Verwertbarkeit, der nationalen Akkumulation, der Spaltung der Klasse und der internationalen Arbeitsteilung; und daß es beim Gezerre um die Ukraine nicht einfach darum geht, wer friedlicher und freier gesinnt ist, sondern vor allem darum, mit wem und zu welchen Bedingungen sich welche Teile des fraglichen Gebiets ökonomisch und strategisch verbinden werden.

Der Reflex der Montagsdemonstranten ist – wie der vieler anderer – zu sagen: “Wir wollen das nicht.” Doch den wirtschaftlichen und politischen Erfolg der eigenen Nation bzw. des eigenen Staatenbündnisses, der dieses Vorgehen hauptsächlich motiviert, den wollen “wir” ja dann doch.

Sofern eine Auseinandersetzung mit diesen Bedürfnissen stattfinden soll, sofern sie also angezeigt und irgendwie sinnvoll erscheint – was sich wohl eher auf Interessierte und Anpolitisierte als auf Überzeugte und Engagierte bei den Demos bezieht –, wäre es wichtig, sich nicht einfach drüberzustellen, sich selbst also nicht als interesselos, übermoralisch und politisch maximal aufgeklärt zu präsentieren. Die eigene Stellung in der Gesellschaft, die eigenen Lernprozesse, die eigenen Zweifel, die Quellen und Gründe für die eigenen Auffassungen sollten nicht übergangen, sondern vielmehr betont werden. Das bedeutet nicht, die nötige Kritik zu unterlassen oder zu entschärfen, es bedeutet auch nicht, keine Proteste zu veranstalten und keinen Widerstand zu leisten, wo das angebracht ist; es bedeutet lediglich, nicht aus dem Nichts zu reden bzw. einfach von oben.

“…wir haben so eine Decke der Zivilisation über uns ausgebreitet, um den Pöbel in den Griff zu kriegen” (Marcus Wiebusch)

Es sollte immer klar bleiben: die Verschwörungserzählungen treten in den allermeisten Fällen nur zu den Auffassungen und Grundhaltungen hinzu; sie sind nicht Ursache und auch nicht entscheidender Inhalt. Die Frage ist vielmehr, ob und warum jemand diesen Staat, diese Gesellschaftsordnung überhaupt verteidigen oder retten will, und wenn er das will, wogegen oder wovor.

Und wenn es nicht gelingt durchzudringen, wenn es nicht gelingt, über die Auseinandersetzungsformen des guten, richtigen Nationalismus mit den irren Abweichungen (wie z.B. bei extra3) hinauszufinden, wenn es nicht gelingt, für die herrschaftsfreie Assoziation aller Menschen zu werben und zur kollektiven Aktion in diesem Sinne anzustiften, dann ist das leider überhaupt nicht lustig.

Anders gesagt: So far, the joke’s on us, not on them.

Ernst nehmen bedeutet hier nicht, das ideologische Bedürfnis zu verniedlichen, zu verharmlosen oder zu übergehen (wie das wohl beim Infoladen Sabotnik gedacht ist), sondern es ernst zu nehmen, in der Weise, dass man statt die Antisemiten bloß als Antisemiten zu markieren, der Motivation dieser Leute nachgeht, die Ideologie aufklärt, indem man deren rationales (Widerstand gegen die Zurichtungen, die Ohnmacht, die Überflüssigkeit leisten zu wollen) gegen deren irrationales Moment (Fahnung nach dem personifizierten Schuldigen, Festhalten am nationalen Zwangskollektiv) in Stellung bringt. Dass man so antisemitische Wahnvorstellungen knackt, halte ich für unwahrscheinlich (und Kulla sicher auch), aber gegenüber den lose Anpolitisierten bzw. Gutmeinenden, ist das ein sinnvollerer Weg als sie umstandslos zu verhöhnen bzw. mit Polemik zu überschütten. Die Frage ist aber, zumindest, was ich in Thüringen mitbekomme: Gibt es diese Leute, die durch (Ideologie-)Kritik zu erreichen sind überhaupt noch (bei diesen Demos/Initiativen)?


1 Antwort auf „Die ideologischen Bedürfnisse ernst nehmen“


  1. 1 MLPD-Musikfestival im rotbraunen Sumpf « OXYMORON Pingback am 06. Juni 2014 um 12:27 Uhr
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