Die Presse ist einfach dumm

„Extremisten auf beiden Seiten“ titelte die Lokalzeitung „Freies Wort“ nach dem Aufmarsch von Neonazis und rechten Wutbürgern am vergangenen Montag in Suhl. Der Bullenchef von Suhl hatte das Lied angestimmt und die Lokalpresse ging dankend darauf ein und klagte von Rechtsextremisten auf der SÜGIDA-Demo (welch Überraschung!) und Linksextremisten der „sogenannten Antifa“ auf der Gegenkundgebung. Während diese Verstoßenen, dieser Abschaum mehrheitlich nicht aus der Region kommen sollen (welch Glück!), was Jäger wusste, obwohl es kaum Vorkontrollen gab, waren die anderen Gegenkundgebungsteilnehmer natürlich ehrenwerte „Mitglieder der Bürgerschaft Südthüringens“ sowie „Personen des öffentlichen Lebens“. Die Antifa ist bei den Bullen eine Chiffre für böse Linke und die Aufgabe eines Lokalredakteurs ist es nicht, sich zu fragen, wie klug das sein mag, die Extremisten auf beiden Seiten zu zählen. In der Lirabelle schrieb ich mal über das politische Klima in Ilmenau:

In der bürgerlichen Öffentlichkeit der Kleinstadt herrscht – wie andernorts auch – eine mit Selbstgefälligkeit vorgetragene Borniertheit, das was man als gesunden Menschenverstand bezeichnen könnte, als Common Sense der Konformisten, die ihr angepasstes Verhalten als Mündigkeit verkennen. Hannah Arendt schrieb einmal über das politische Klima in Deutschland, man fühle „sich erdrückt von einer um sich greifenden öffentlichen Dummheit, der man kein korrektes Urteil in den elementarsten Dingen zutrauen kann“. Das ist heute in Ilmenau kaum anders. Wer in dieser konditionierten Öffentlichkeit, die u.a. in der Lokalpresse ihr Organ hat, eine Forderung oder ein Anliegen vorbringt, muss bestimmte Spielregeln einhalten. An diese Spielregeln müssen sich alle halten und sie zu hinterfragen, ist nicht Aufgabe des Lokalredakteurs oder des Schreibtischtäters. Er befolgt sie ganz automatisch, ohne, dass man ihn dazu zwingt. Die Borniertheit ist sein Berufsethos. […]
Eine andere Anforderung der öffentlichen Blödheit ist die Distanzierung von „Extremismus“. Auch hierbei will der Lokalredakteur nichts von einer extrem menschenfeindlichen Gesellschaftsordnung wissen. Er weiß, dass er wissen muss, dass hier jeder seines Glückes Schmied ist. Deswegen will er im aktuellen Fall die Distanzierung von Menschen und Positionen, die man zwar nicht versteht, von denen man aber weiß, was man von ihnen zu halten hat.

Und so ist das heute auch in Suhl. Deswegen lügt die Presse auch nicht, wie die SÜGIDisten wissen wollen, sondern die Pressefuzzis können gar nicht anders. Sie verdrehen nichts, denken sich nichts aus. Sie sagen und schreiben, was der gegenwärtige Stand bürgerlicher Ideologie, den sie ausschwitzen, aber nicht verstehen, ihnen gebietet. Sie befolgen blind die Spielregeln, von deren Herkunft sie nichts wissen. Und irgendwer hat mal festgelegt, dass es eine gute politische Mitte und zwei üble politische Ränder gibt. Mehr muss der Lokalredakteur nicht wissen. Wenn er findig und in Erklärungsnot ist (weil noch zu viele Zeichen übrig sind), dann faselt er irgendwas von Gewaltbereitschaft und meint damit Leute, die sich gegen furchtbare Zustände wehren und nicht die Gewalt der herrschenden Ordnung.

SÜGIDA stört an dieser Presse nicht ihre Unaufgeklärtheit, ihre Borniertheit, ihre Gleichgültigkeit gegen das Schicksal der Menschheit und des uneingelösten bürgerlichen Glücksversprechens, sondern ihnen passt der ideologische Zuschnitt einfach nicht. Die „Lügenpresse“ lügt, weil sie mehrheitlich Organ der Legitimationsideologie der Bundesrepublik Deutschland ist und nicht das des gerichteten Volksstaates, den die Nazis im Sinn haben. Wahrheit ist hier nicht die Übereinstimmung von Begriff und Sache, sondern wahr ist, was der eigenen furchtbaren Vorstellung von gesellschaftlicher Ordnung entspricht.

Einen Bericht zum letzten Montag und eine kritische Auseinandersetzung mit dem neuen Phänomen in Suhl gibts bei der Antifa Suhl/Zella-Mehlis:


(aufs Bild klicken)