Bis zum Endsieg

Für die aktuelle Ausgabe des hEFt, einer Erfurter Zeitschrift für Literatur, Kultur und Stadtpolitik, habe ich einen kurzen Text über die Endgame-Demo vor einigen Wochen in Erfurt und über das Bedürfnis, sich einfache Feindbilder zu schaffen statt komplexe Zusammenhänge zu begreifen, geschrieben.

Bis zum Endsieg

Über Endgame/ PEGADA (in Erfurt und anderswo) und über verkürzte Kapitalismuskritik, die keine ist. Von Ox Y. Moron

Deutsche Antisemiten machen keine halben Sachen. Die Endlösung der Judenfrage sollte die Welt vom Antlitz der Juden „säubern“ und der Endsieg sollte Klarheit über die globale Machtfrage bringen. Aktuelle deutsche Antisemiten propagieren neuerdings das Endgame. Dahinter verbirgt sich aber mehr als ein profaner Anglizismus. Seit PEGIDA und HoGeSa sind Abkürzungsmonster bei der deutschen Rechten hoch im Kurs. Endgame steht deshalb für „Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas“. Da ein solcher Kauderwelsch aber der Verwirrung nicht genug wäre, hat sich Endgame noch ein zweites, inzwischen wieder abgelegtes, Pseudo-Akronym zugelegt: PEGADA – „Patriotische Europäer gegen die Amerikanisierung des Abendlandes“. So zogen am 24. Januar ca. 600-700 Feinde Amerikas durch Erfurt. Ihr Ziel, den Domplatz, erreichten die am Bahnhof gestarteten Teilnehmer, unter denen sich dutzende Nazischläger und auch Protofaschisten der AfD aus dem Ilm-Kreis befanden, nicht. Sie wurden durch Blockaden von Antifaschisten aus der Innenstadt in Richtung Krämpfervorstadt gedrängt, wo ihnen prügelnde Polizeieinheiten den Weg frei räumten.

Die Anlehnung des Namens an PEGIDA, diese aus Dresden stammende, sich zweitweise epidemisch ausbreitende rassistische Basisbewegung, hatte zudem den Vorzug deren Mobilisierungspotential für sich zu nutzen. Dabei grenzte man sich offiziell allerdings von PEGIDA ab. Der Unterschied zwischen PEGIDA und PEGADA/Endgame (nachfolgend nur noch Endgame) liegt in verschiedenen Rationalisierungsweisen der selben antreibenden Dynamik: der Dauerkrise kapitalistischer Reproduktion. Die Rassisten von PEGIDA und die Antisemiten von Endgame reagieren auf eine im Kapitalismus unausweichliche Tendenz, nämlich das durch Produktivitätssteigerung tendenzielle Überflüssigwerden der eigenen Arbeitskraft und die sich global schon abzeichnenden Verwerfungen der aktuellen Phase kapitalistischer Entwicklung bzw. ihres Verfalls in ein Bandenwesen (nicht nur) an der Peripherie der industriellen Zentren. Während die einen (PEGIDA) v.a. die Verwertungsbedingungen ihrer Arbeitskraft durch Konkurrenz aus dem Ausland gefährdet sehen und deswegen gegen die Einquartierung von Flüchtlingen Sturm laufen, sind die anderen (Endgame) dem Wahnsinn schon einen Schritt näher und machen für die globalen Verwerfungen einzelne Akteure und Staaten verantwortlich, die vermeintlich oder wirklich von dieser Situation profitieren und deswegen die Verantwortung tragen sollen. Dieser bei Endgame oft als solcher ausgewiesene Antikapitalismus ist nichtmal verkürzt, er ist gar keiner. Wo irgendwo zwischen Bilderbergern, Rothschilds, Zionisten und Amerikanern nach Schuldigen für das zerstörerische Wesen kapitalistischer Barbarei gefahndet wird, haben wir es mit Antisemitismus zu tun und dieser zielt bekanntlich nicht auf die Abschaffung von kapitalistischer Ausbeutung (auch Lohnarbeit genannt) und Zurichtung, sondern auf die Auslöschung der Juden oder potentiell auch anderer Gruppen, auf die die Antisemiten die Negativfolgen kapitalistischer Vergesellschaftung projizieren. Im Hintergrund steht die alte, schon bei den Nazis populäre Unterscheidung zwischen raffendem Finanzkapital und schaffendem Produktionskapital. Dass das eine unter der Totalität des Kapitalverhältnis nicht ohne das andere wäre – Produktion nicht ohne Kredit und Zins; Rendite nicht ohne Spekulation auf zukünftige Produktionsgewinne – muss der antisemitischen Ideologie notwendig außen vor bleiben.

Die Antisemiten von Endgame, die den Hauptfeind im derzeit noch mächtigsten ökonomischen Akteur, nämlich Amerika, und im jüdischen Staat Israel ausmachen, setzen fort, was sie während der im vergangenen Jahr wöchentlich auf dem Anger gelaufenen Montagsmahnwachen begonnen hatten: die Kapitulation vor der Komplexität kapitalistischer Vergesellschaftung und die Flucht in einfache Deutungsmuster. Sie fahnden nach irgendetwas, was in Zeiten allgemeiner Verunsicherung Halt verschafft, nach Identität und sei es durch ein Feindbild. Sie fahnden nach Rationalität in der vollendeten Unvernunft kapitalistischer Barbarei, einer Ordnung, in der Hunger kein Grund zur Produktion und Krieg kein Grund zu vernünftiger Einsicht ist. In diesem menschenfeindlichen Durcheinander kapitalistischer Widersprüchlichkeit soll eine steuernde Rationalität ausgemacht werden, nämlich handelnde Menschen, seien es Amerikaner, Bänker, Politiker oder eben: Juden. All das ist nicht neu. Es ist der in verschwörungsantisemitischen Wahnsinn mündende hundertste Aufguss deutscher Ideologie in einer Bewegung, die von sich glauben will auf Geheimnisse gestoßen zu sein und die dabei nur der ungeheimnisvollen, weil aufklärbaren, Täuschung kapitalistischer Vergesellschaftung und ihrer Ideologie auf den Leim gegangen sind.

Die Montagsmahnwachen und ihr Folgeprojekt Endgame stellen, so links sie sich auch verstehen mögen, den antisemitischen Flügel der deutschen Rechten dar. Dabei war Antisemitismus freilich nie ein Alleinstellungsmerkmal der Rechten. Am Beispiel von Blockupy und linken Gruppen und Bündnissen (auch aus Erfurt), die am 18. März zu Protesten gegen die Eröffnung der EZB nach Frankfurt am Main aufrufen, lässt sich ablesen, wie weit das Bedürfnis verbreitet ist, für die komplexe Situation kapitalistischer Zurichtung und die eigene Verstrickung in diesen Abgrund einen konkreten Schuldigen zu finden, gegen den sich mobilisieren lässt – aller von linken Gruppen geübten Selbstrechtfertigung zum Trotz.
Karl Marx hatte in seiner Kritik der politischen Ökonomie das Handeln der Akteure konsequent aus den Vergesellschaftungsbedingungen der Arbeit abgeleitet, aus den Verhältnissen, in die die Einzelnen im Rahmen der alltäglichen Re-/Produktion ihres Daseins gesetzt sind. Er analysierte das Handeln der Akteure als strukturell determiniert, d.h. einem Zwang unterliegend, der aus der Vorgegebenheit von Bedingungen resultiert, über die die Einzelnen allein nichts vermögen. Jeder dieser Akteure ist im Rahmen seiner gesellschaftlich-vermittelten Praxis, sofern er sie nicht zu überschreiten, d.h. den Kapitalismus abzuschaffen, sucht, an bestimmte Verhaltensweisen, Sachzwänge gebunden. Deswegen fasst Marx die Kapitalisten nicht als mutwillige – und deshalb anklagbare – Vollstrecker eines falschen Interesses auf, sondern als Charaktermasken, als Personifikationen ökonomischer Kategorien. Er lehnte es ab, den Einzelnen „verantwortlich [zu] machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“ Hätte die deutsche Linke Karl Marx nur einmal beim Wort genommen, dieser ganze Tinnef bliebe uns erspart. Aber es scheint der einfachere Weg, Leute mit Aussicht auf Krawall nach Frankfurt zu locken, statt ihnen zu erklären, dass das Kapital in seiner Bewegung ein automatisches Subjekt ist und dass seine Verdinglichungstendenzen sich an allen Menschen, auch den Linken, permanent und fortschreitend zu schaffen machen und es eines Bruches im Selbstverhältnis der Einzelnen statt der Nestwärme des bewegungslinken Spektakels bedarf, um damit irgendwann Schluss zu machen.
Bei den Linken, die sich für Kritik und Aufklärung offen zeigen, mag solche Kritik vielleicht irgendwann verfangen. Die Antisemiten von Endgame haben die potentiell aufklärbare Ideologie längst in Wahn eingetauscht. Ihre Wahrnehmung der Welt ist eine bloß noch selektive, die sich gegen die Realität sukzessiv abschließt. Jeden Krümel, den ihnen die sonst als „Lügenpresse“ oder „Systemmedien“ gescholtenen Massenmedien hinwerfen und der sich in ihr Wahnbild einer Verschwörung fügt, nehmen sie dankbar als Beweis ihrer Weltanschauung auf; jede Form aufklärerischer Kritik weisen sie als durch die Zentren der Macht gesteuert zurück oder, wie es mein Genosse Simon Rubaschow in der aktuellen Lirabelle schreibt: „Die Welt wird in Gut und Böse unterteilt und diese Unterteilung verabsolutiert – die oder der Antisemit_in wird zum Kämpfer gegen dieses Böse, das aus der Welt getilgt werden muss, um die Welt zu retten. Der Wahn korrigiert sich also nicht mehr an der Realität, sondern versucht, die Realität am Wahn auszurichten und umzuformen.“ Wenn diese Leute, und das zeichnet sich derzeit nicht ab, keine Massenbewegung wie im Nationalsozialismus entfesseln können, in der sich ihr Wahn verallgemeinert und damit die Realitätstüchtigkeit der Antisemiten sichert, dann heißt die Endstation der Protagonisten Burnout, Sekte oder geschlossene Anstalt.

Der Autor ist aktiv bei der Antifa Arnstadt-Ilmenau, schreibt regelmäßig in der Erfurter Zeitschrift Lirabelle und betreibt einen Blog.