Alerta Südthüringen #4

Zehn Wochen in Folge, mit Ausnahme des Rosenmontags, marschierten in den ersten Monaten des Jahres hunderte Neonazis und andere Rassisten jeden Montag durch Suhl. Seit Jahren, vielleicht Jahrzehnten, hat es nicht mehr so große Naziaufmärsche in Thüringen gegeben. Auch wenn der Zulauf vorerst gestoppt scheint und aus dem Thüringer PEGIDA-Ableger SÜGIDA inzwischen THÜGIDA mit Montagsaufmärschen auch in anderen Regionen Thüringens wurde, die Gefahr, die von dieser neuen faschistischen Mobilisierung ausgeht, ist noch nicht gebannt. Ihr Auslöser ist unzweifelhaft der Anstieg der Flüchtlingszahlen in Deutschland und die Reaktion des rassistischen Massenbewusstseins großer Teile der ostdeutschen Bevölkerung, die die Geflüchteten nicht als Hilfesuchende Willkommen heißt, sondern als Konkurrenten um die künstlich verknappten Zugänge zum kapitalistischen Wohlstand begreifen will bzw. – um sich die Einsicht in die eigene Überflüssigkeit fürs Produktionsverhältnis vom Leib zu halten – begreifen muss. Diese Situation ist zuallererst für die Geflüchteten eine bedrohliche, aber auch für Menschen, die die kapitalistische Ordnung und ihr Krisenbewusstsein aus guten Gründen ablehnen und kritisieren oder ihr wenigstens versuchen etwas Menschlichkeit abzutrotzen.

Weil wir dieses Ärgernis in (Süd-)Thüringen so schnell nicht loswerden und uns die Naziaufmärsche im braunen Erlebnisfrühling des Jahres 2015 mit ungezählten Aufmärschen in den kommenden Wochen und Monaten noch eine Weile beschäftigen werden, hat auch die aktuelle Ausgabe unseres Magazins für Antifaschismus aus der Region Südthüringen den Schwerpunkt wieder auf die rassistischen Basisbewegungen in der Region gelegt. Ihr findet in diesem Heft also ein Zwischenresümee der bisherigen Aktivitäten von SÜGIDA sowie einige Informationen über die Hintermänner und -frauen. Wir thematisieren die Lage um das von den Nazis angefeindete bestehende Flüchtlingsheim auf dem Friedberg sowie die Situation über eine vorerst bloß angekündigte Unterkunft im Arnstädter Wohngebiet Rabenhold. Diese Unterkunft wird gleich von zwei rassistischen Fraktionen innerhalb der Arnstädter Rechten ins Visier genommen, nämlich vom neidgeplagten Wutpöbel aus der Unterschicht und von den Wohlstandschauvinisten aus der wutbürgerlichen Mittelschicht, angeführt von AfD, Pro Arnstadt und deren Zentralorgan Arnstädter Stadtecho. Letzteres wird diesmal eher am Rande thematisiert, dafür schauen wir uns die AfD im Ilm-Kreis und deren neueste Veröffentlichung etwas genauer an.

Und weil die deutsche Rechte vor allem im Osten Deutschlands um den Untergang des Abendlandes fürchtet und Antifaschisten damit beschäftigt sind, die Deutschen vom ritualisierten Verhalten der Vorwärtsverteidigung abzuhalten, ist ein viel wichtigeres Thema beinahe völlig untergegangen: 2015 jährt sich zum 70. Mal die Befreiung Europas von Nazideutschland. Wie erschreckend nah die deutsche Vergangenheit wieder in die Gegenwart gerückt ist, müssen wir euch an dieser Stelle dann auch nicht mehr erörtern. Um diese Vergangenheit aber immer wieder dem Vergessen zu entreißen, starten wir in dieser Ausgabe eine dreiteilige Reihe, die den antifaschistischen Widerstand in Südthüringen während der NS-Herrschaft in Deutschland zum Thema macht und hoffen, ihr findet zwischen Demoplanung und Alltagssorgen doch etwas Zeit, um der Niederlage Deutschlands und der Befreiung der letzten Überlebenden des deutschen Vernichtungswahns vor 70 Jahren zu gedenken; das Leben zu feiern, während montags der Tod durch unsere Städte marschiert.

Komplette Ausgabe: Hier!