Schlussstrich von Links

Nachfolgender Text erschien in der Erfurter Zeitschrift Lirabelle #9 und kritisiert die in Erfurt und anderswo betriebene Geschichtsklitterung von Links.

Schlussstrich von Links

Ox Y. Moron kritisiert das in Erfurt und anderswo betriebene Nationbuilding von Links anlässlich des 8. Mai.

Der 70. Jahrestag der Niederschlagung NS-Deutschlands durch die Anti-Hitler-Koalition ist auch an der Erfurter Linken nicht vorbeigegangen. So organisierte etwa die Gruppe Antira-Campus, früher versessen darauf bedacht, bloß nicht mit den Extremisten von der Antifa verwechselt zu werden, eine antifaschistische(!) Nachttanzdemo zur Feier des Tages „an dem Deutschland 1945 durch die Alliierten von der Nazidiktatur befreit wurde“ – so heißt es im Ankündigungstext. Und da sage einer, linke Aufrufe seien langweilig. Man lernt doch immer noch etwas dazu. Meine bisherige Geschichtsauffassung ging nämlich nicht davon aus, dass Deutschland von der Nazidiktatur befreit wurde, sondern dass Deutschland und seine Volksgemeinschaft die Nazidiktatur war. Befreit wurde demnach nicht Deutschland vom Faschismus, sondern die Welt vom faschistischen Deutschland. Hat der Antira-Campus nur unglücklich formuliert? Lege ich wieder jedes Wort auf die Goldwaage und betreibe eine „Hermeneutik des Verdachts“, wie mir ein geschätzter Genosse gelegentlich vorhält? Vielleicht.

Klarer liegt der Fall bei einer anderen 8. Mai-Veranstaltung, zu der die Erfurter Linksjugend, die JUSOS und traurigerweise auch der VVN-BdA am 7. Mai vor dem Thüringer Landtag aufgerufen hatten. Sie nahmen die Einladung des Landtagspräsidenten Christian Carius (CDU) sowie einige antikommunistische Aussagen des Mannes zum Anlass einer Kundgebung. Warum?

Befreite Täter?

Carius weigerte sich in der Einladung zur Veranstaltung, den 8. Mai als Tag der Befreiung zu labeln. Er spricht lieber vom 70. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs – historisch stimmt das nichtmal, der zweite Weltkrieg endete erst im September 1945 durch die Kapitulation Japans. Warum nun empören sich Linksjugend, JUSOS und VVN-BdA darüber? Die Vorgängerparteien von Carius‘ CDU (Zentrum & DNVP), wenn man nicht wegen erheblicher personeller Schnittmengen gleich die NSDAP als Vorgängerorganisation der CDU benennen sollte, haben 1933 für Hitlers Ermächtigungsgesetz gestimmt. Dagegen waren nur die Sozialdemokraten und (in Abwesenheit, weil in „Schutzhaft“) die Kommunisten. Dass die CDU – und auch als Landtagspräsident bleibt Carius CDU-Mann – den Tag der Befreiung nicht als solchen begeht, ist nicht nur deshalb folgerichtig. Die Deutschen wurden am 8. Mai nicht befreit, sondern besiegt. Die deutsche Volksgemeinschaft hat Hitler, die Vernichtung und den Krieg gewählt und bis zum sprichwörtlich letzten Blutstropfen dafür gekämpft. Als Nachkomme dieser Bevölkerungsmehrheit begeht Carius den 8. Mai völlig folgerichtig nicht als Tag der Befreiung. Warum versuchen nun genannte Organisationen der politischen Linken der CDU einzureden, der Rechtsnachfolger des Dritten Reiches sei 1945 befreit statt besiegt worden oder die CDU bzw. Carius dürfe im Namen der Verfolgten und Ermordeten sprechen? Ich denke, weil hier eine Geschichtsbewältigung von Links stattfindet. Das deutsche Nationbuilding soll nicht den Rechten überlassen werden. Und diese deutsche Vergangenheitsbewältigung von Links hat seit den 60er Jahren eine gewisse Tradition in Deutschland, die ich kurz skizzieren will.

Kritik der deutschen Vergangenheitsbewältigung von Links

Der Bezug auf den Nationalsozialismus ist in der Bundesrepublik Deutschland, also jenem Land, das aus den Resultaten der Massenvernichtung an den europäischen Juden hervorgegangen ist, ein zentraler Bestandteil der nationalen Identitätsstiftung. Das galt im Grunde für jede Phase und jeden Versuch der deutschen Vergangenheitsbewältigung und bis heute. Nun lief der Umgang mit der eigenen Geschichte in der BRD ganz anders ab als in der früheren DDR. Der Grund, warum ich mich auf die Vergangenheitsbewältigung der BRD beziehe, besteht ganz einfach darin, dass die heutigen gedenkpolitischen Bezüge im Osten, jenseits DDR-nostalgischer Zirkel ihre Rechtfertigung aus der Ideologie beziehen, die im Westen geschöpft wurde.

Die ersten Jahre der (west-)deutschen Nachkriegspolitik waren geprägt von Verdrängung, Leugnung und verschiedenen Formen der Verharmlosung der deutschen Verbrechen gegen die Menschheit. Das reichte vom Aufrechnen der Opferzahlen über die Verklärung des NS-Terrors („Es war ja nicht alles schlecht“) bis hin zu bloßer Gleichgültigkeit und dem Bestreben, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ihren Höhepunkt erreichte diese Politik 1985 bei einem symbolischen Treffen des damaligen Bundeskanzlers Kohl mit dem US-Präsidenten Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg. Das symbolische Händehalten der beiden Staatsmänner auf einem Friedhof, auf dem auch Gefallene der Waffen-SS lagen, sollte den von Kohl gewünschten Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit setzen. Wolfgang Pohrt schrieb damals: „Bezweckt war die moralische Gleichstellung von Mitgliedern einer kriminellen Vereinigung, als welche die deutsche Wehrmacht sich durch ihre Taten erwiesen hat, mit den Soldaten, welche dem verbrecherischen Treiben jener Bande ein Ende machten und die Opfer befreiten.“

Seit den späten 60er Jahren gab es zu dieser von der deutschen Rechten betriebenen Schlussstrichpolitik eine Alternative, die die damaligen Sozialdemokraten vorantrieben. Sie läuteten die, mit einem zynischen Begriff von Eike Geisel, „Wiedergutwerdung der Deutschen“ ein, einen Prozess der Umfunktionalisierung deutscher Vergangenheitspolitik von einem Ballast, aus dem kein Kapital zu schlagen ist (deswegen wollte Kohl sie abhaken), zu einem Potential, das der Rechtfertigung neuer Untaten dienlich sein kann. Dieser Prozess begreift einen Wandel von einer Politik des Beschweigens und des Schönredens der faschistischen Vergangenheit hin zur offensiven Auseinandersetzung mit den eigenen Verbrechen im Dienste und zum Wohle des neuen Souveräns. Die Identifikation der Deutschen mit ihrer Nation sollte nicht mehr durch Verleugnung der Vergangenheit geleistet werden, sondern durch die Integration des Erbes, die Nachkommen von Verbrechern zu sein. Nicht trotz, sondern wegen Auschwitz, wollten die Deutschen wieder zu sich selbst finden. Freilich hatte diese Form der Aufarbeitung der Vergangenheit nicht zur Folge, sich die fortbestehenden Bedingungen für faschistische Krisenbewältigung bewusst zu machen und einen radikalen Bewusstseinswandel, einen Bruch im Selbstverhältnis der Einzelnen zur Gesellschaft zu erwirken, sondern ganz im Gegenteil: Die Auseinandersetzung bleibt an der Oberfläche.

Wenn nun die Erfurter Linksjugend und andere von einem Repräsentanten des Staates in dieser Funktion fordern, sich zur Befreiung der Deutschen zu bekennen, dann blendet das nicht bloß die Täterschaft der Deutschen aus und unterlässt die Kritik des Nachlebens des Nationalsozialismus, sondern fordert implizit diese Umfunktionalisierung des verbrecherischen Erbes ein: Der Freistaat Thüringen als geläuterter, wiedergutgewordener soll sich auf die Seite der Sieger schlagen, weil das Erbe keine Last mehr ist, sondern Potential wieder nach vorn zu schauen.

Jürgen Habermas, linksliberaler Intellektueller, gern gesehener Gast und Stichwortgeber der SPD und fälschlicherweise im Ruf die Kritische Theorie Adornos und Horkheimers weiterentwickelt zu haben, bringt diese geschichtspolitische Disposition auf den Punkt: „Nach Auschwitz können wir nationales Selbstbewußtsein allein aus den besseren Traditionen unserer nicht unbesehenen, sondern kritisch angeeigneten Geschichte schöpfen.“ Während also die Konservativen und Reaktionären zumindest eine Einsicht bewahrt haben, nämlich, dass man aus der nationalsozialistischen Vergangenheit kein brauchbares nationales Selbstbewusstsein schöpfen kann, ist es die Perfidie von Habermas, der bloß Vordenker dieser sozialdemokratischen Version der Vergangenheitsbewältigung ist, dass „noch unverfrorener als die Verharmlosung der Vergangenheit [durch die Konservativen] nur der Wille ist, aus einer nicht verharmlosten Vergangenheit nationales Selbstbewusstsein zu schöpfen“, schreibt Wolfgang Pohrt.

Gerhard Scheit unterscheidet zwischen primärem und sekundärem postnazistischen Bewusstsein. Während das primäre postnazistische Bewusstsein in der Gestalt des gekränkten Revisionisten auftritt und die Resultate des Nationalsozialismus zwar bejaht, die Forderung nach politischer Umkehr jener die Gewaltverhältnisse verstetigenden Praxis aber vergessen machen will, kehren beim sekundären postnazistischen Bewusstsein die ursprünglichen Motive in gewandelter Form wieder. Das sekundäre postnazistische Bewusstsein bejaht die Resultate des Nationalsozialismus in abgeleiteter Weise im Gewand des Büßers, der aus der Erfahrung der Vernichtung gelernt zu haben vorgibt und es besser machen will. Als solches ist das sekundäre postnazistische Bewusstsein heute wirkungsvoller als das primäre und hat in bußfertigen Schwätzern wie dem Bundespräsidenten Joachim Gauck, den Christian Carius in Erfurt lieber nicht geben will, seine aktuellste Form gefunden. Gauck tingelt im Interesse der Wiedergutwerdung Deutschlands und mit dem moralischen Effort eines durch eigene Verfolgungserfahrung schlau gewordenen Pfarrers durch die Stätten der nationalsozialistischen Verfolgung. Wolfgang Pohrt schrieb ohne Gauck zu kennen im Jahre 2000 über die Bemühungen solcher Leute:
„Mit Sicherheit hatten die Opfer sich keine Mausoleen gewünscht. Ihre Mahnung ‚Auschwitz nicht vergessen‘ hieß nicht, zum Vorteil sich selbst beweihräuchernder Machthaber den staatstragenden Totenkult zu zelebrieren, die Feierstunde mit Grünzeug, Klassik und dem bußfertigen Geschwätz selbstgefälliger Festredner. Die Mahnung befolgen, hätte bedeutet, eine ganz andere Welt zu errichten, eine, in der Auschwitz unmöglich ist. Wenn das mißlingt – und es ist mißlungen –, wird auch Auschwitz Geschichte: Ein Buch, das man in die Hand nimmt oder nicht. Wer es tut, hat dafür seine Gründe, seine eigennützigen eigenen. Denn Auschwitz selbst beweist ein halbes Jahrhundert danach nur die Wahrheit des Satzes [von Balzac]: ‚Das Leben funktioniert nicht ohne großes Vergessen.‘“

Geschichtspolitik als Prüfstein deutscher Wiedergutwerdung

Nun wird freilich von den linken Vergangenheitsbewältigern in Erfurt nicht das bloße Abhaken der Geschichte betrieben, wie es mein provokant gewählter Titel nahelegt. Im Gegenteil: Die Auseinandersetzung mit der Geschichte wird sogar eingefordert. Nur steht das gar nicht im Widerspruch zum bisher dargestellten. Denn dort, wo die Auseinandersetzung mit der Geschichte gar nicht mehr dem Begreifen dient, dass diese Geschichte bis in die Gegenwart reicht, dass die Verhältnisse, die nach Auschwitz führten in ihren Formbestimmungen bloß restauriert worden, dort dient die Befassung mit Geschichte bloß noch der Vergewisserung des moralisch richtigen Standpunktes. Oder ganz kurz mit Eike Geisel: ‚Man leugnet die Verbrechen nicht, akzeptiert aber ihre Voraussetzungen.‘ So geht Vergangenheitsbewältigung mit Links: Statt Leugnung, Verharmlosung und Relativierung haben wir es mit Einbekennen, Läuterung und Wiedergutwerdung zu tun. Beide Formen der Auseinandersetzung streichen elementare Erkenntnisse und Hoffnungen einer Kritischen Theorie nach Auschwitz durch. Beide suchen wieder den positiven Bezugspunkt beim Staat und der Nation. Das mag die Erfurter Linksjugend leugnen. Ihr fast schon bettelnder Appell an die Obrigkeit, Carius als Repräsentanten des Freistaates, ist verräterisch genug, um diese Behauptung aufrecht zu erhalten. Auch der Veranstaltungsort (Thüringer Landtag) zielte weniger auf die dort nicht existente Öffentlichkeit, sondern offenbarte den appellativen Charakter der ganzen Veranstaltung.

Überhaupt, erklärt mir einer der Initiatoren auf Facebook, ziele der Protest auf die Formulierung von Carius, darin verborgene „ideologische Ansätze“ und die mangelnde Aufarbeitung der CDU-Parteigeschichte. Von Ideologiekritik finde ich zwar im Aufruf kaum eine Spur, dafür leuchtet das Anliegen, eine Formulierung zu kritisieren durchaus ein. Es geht wiedermal darum, wie bei Sprachpolitik allzu häufig, einen Sprachgebrauch zu verändern, die dahinter waltenden Verhältnisse aber unangetastet zu lassen. So eingesetzte Sprache beschönigt bloß die Verhältnisse, die nicht zu beschönigen sind. Für die Deutschen, und kein anderer Begriff eignet sich für die Beschreibung des Täterkollektivs besser, gab es keine Befreiung, sondern die Niederlage und solange in diesem Land sich nichts grundlegendes ändert, ist man gut damit beraten, auch den Nachkommen nicht einzureden, sie stünden heute auf der Seite der Sieger und da Carius zu einer Gedenkveranstaltung im Sinne der Mehrheitsgesellschaft aufruft, ist es nur konsequent, nicht den Terminus der Befreiung zu verwenden, der ihm gar nicht zusteht.

Überhaupt sollte man aller 8. Mai-Euphorie zum Trotze mal darüber nachdenken, was wir hier eigentlich feiern. Wer nach der Zerstörung der Idee einer freien Menschheit durch die Deutschen, nach Millionen in den Vernichtungslagern und während des Vernichtungskrieges ermordeten Menschen mit „Wer nicht feiert, hat verloren“ reüssieren will, der ist bestenfalls nur zynisch. Mit Walter Benjamin wäre Geschichte als Trümmerhaufen zu begreifen, der solange weiterwächst, solange die kapitalistische Entmenschlichung, Ausbeutung und Zerstörung der Welt und ihrer Insassen weitergeht. Und weil die faschistische Barbarei der Deutschen zwar überwunden, Hunger aber nach wie vor kein Grund für Produktion ist (sondern kaufkräftige Nachfrage), und weil die Barbarei an anderer Stelle in anderen Formen real und/oder Möglichkeit ist, deswegen war die Befreiung nur „eine halbe“ (Geisel) und deswegen muss sich eine radikale Linke fragen lassen, was es in dieser Welt eigentlich überhaupt zu feiern gibt, auch am 8. Mai. Der Aufbruch in eine neue solidarische Welt oder, mit Marx, das Ende der Vorgeschichte der Menschheit, ist es jedenfalls nicht.

Was sollte eine linke Geschichtspolitik leisten?

Linke Geschichtspolitik hätte dagegen auf den mit Deutschland unversöhnlichen Bruch mit den Verhältnissen zu drängen, die Auschwitz möglich machten und die sich nicht grundlegend verändert haben; auf die Umsetzung des unerfüllten Buchenwaldschwures, den Nazismus samt seiner Wurzeln zu zerstören. Sie hätte also statt Auschwitz zu einem integralen Bestandteil des deutschen Selbstbewusstseins zu machen, statt oberflächlicher Symbol-, Sprach- und Deutungspolitik, die die Deutschen und ihr Verhältnis zur Vergangenheit ins Reine bringen soll, radikale Aufklärung zu betreiben; Aufklärung über die krisenhafte kapitalistische Vergesellschaftung und die Kontinuitäten im postnazistischen Deutschland sowie die postnazistische geopolitische Reproduktion des Vernichtungsantisemitismus im Antizionismus, der im iranischen Atomprogramm auf die Vernichtung des Staates der Holocaustüberlebenden zielt. All das wäre Aufgabe von Organisationen, die das objektive Interesse der geschichtlichen und potentiellen Betroffenen von faschistischer Gewalt vertreten wollen.

Und statt, krampfhaft und historisch höchst zweifelhaft, Leuten, deren ideologische und biologische Vorgänger in ihrer überwältigenden Mehrheit nie befreit werden wollten, einzureden, der 8. Mai sei der Tag der Befreiung, könnte man, sollte man verzweifelt nach Feiertagen suchen, den 8. Mai auch einfach als Tag der deutschen Niederlage feiern. Das wäre doch Grund genug.