Archiv der Kategorie 'Arnstadt'

Alerta Südthüringen #4

Zehn Wochen in Folge, mit Ausnahme des Rosenmontags, marschierten in den ersten Monaten des Jahres hunderte Neonazis und andere Rassisten jeden Montag durch Suhl. Seit Jahren, vielleicht Jahrzehnten, hat es nicht mehr so große Naziaufmärsche in Thüringen gegeben. Auch wenn der Zulauf vorerst gestoppt scheint und aus dem Thüringer PEGIDA-Ableger SÜGIDA inzwischen THÜGIDA mit Montagsaufmärschen auch in anderen Regionen Thüringens wurde, die Gefahr, die von dieser neuen faschistischen Mobilisierung ausgeht, ist noch nicht gebannt. Ihr Auslöser ist unzweifelhaft der Anstieg der Flüchtlingszahlen in Deutschland und die Reaktion des rassistischen Massenbewusstseins großer Teile der ostdeutschen Bevölkerung, die die Geflüchteten nicht als Hilfesuchende Willkommen heißt, sondern als Konkurrenten um die künstlich verknappten Zugänge zum kapitalistischen Wohlstand begreifen will bzw. – um sich die Einsicht in die eigene Überflüssigkeit fürs Produktionsverhältnis vom Leib zu halten – begreifen muss. Diese Situation ist zuallererst für die Geflüchteten eine bedrohliche, aber auch für Menschen, die die kapitalistische Ordnung und ihr Krisenbewusstsein aus guten Gründen ablehnen und kritisieren oder ihr wenigstens versuchen etwas Menschlichkeit abzutrotzen.

Weil wir dieses Ärgernis in (Süd-)Thüringen so schnell nicht loswerden und uns die Naziaufmärsche im braunen Erlebnisfrühling des Jahres 2015 mit ungezählten Aufmärschen in den kommenden Wochen und Monaten noch eine Weile beschäftigen werden, hat auch die aktuelle Ausgabe unseres Magazins für Antifaschismus aus der Region Südthüringen den Schwerpunkt wieder auf die rassistischen Basisbewegungen in der Region gelegt. Ihr findet in diesem Heft also ein Zwischenresümee der bisherigen Aktivitäten von SÜGIDA sowie einige Informationen über die Hintermänner und -frauen. Wir thematisieren die Lage um das von den Nazis angefeindete bestehende Flüchtlingsheim auf dem Friedberg sowie die Situation über eine vorerst bloß angekündigte Unterkunft im Arnstädter Wohngebiet Rabenhold. Diese Unterkunft wird gleich von zwei rassistischen Fraktionen innerhalb der Arnstädter Rechten ins Visier genommen, nämlich vom neidgeplagten Wutpöbel aus der Unterschicht und von den Wohlstandschauvinisten aus der wutbürgerlichen Mittelschicht, angeführt von AfD, Pro Arnstadt und deren Zentralorgan Arnstädter Stadtecho. Letzteres wird diesmal eher am Rande thematisiert, dafür schauen wir uns die AfD im Ilm-Kreis und deren neueste Veröffentlichung etwas genauer an.

Und weil die deutsche Rechte vor allem im Osten Deutschlands um den Untergang des Abendlandes fürchtet und Antifaschisten damit beschäftigt sind, die Deutschen vom ritualisierten Verhalten der Vorwärtsverteidigung abzuhalten, ist ein viel wichtigeres Thema beinahe völlig untergegangen: 2015 jährt sich zum 70. Mal die Befreiung Europas von Nazideutschland. Wie erschreckend nah die deutsche Vergangenheit wieder in die Gegenwart gerückt ist, müssen wir euch an dieser Stelle dann auch nicht mehr erörtern. Um diese Vergangenheit aber immer wieder dem Vergessen zu entreißen, starten wir in dieser Ausgabe eine dreiteilige Reihe, die den antifaschistischen Widerstand in Südthüringen während der NS-Herrschaft in Deutschland zum Thema macht und hoffen, ihr findet zwischen Demoplanung und Alltagssorgen doch etwas Zeit, um der Niederlage Deutschlands und der Befreiung der letzten Überlebenden des deutschen Vernichtungswahns vor 70 Jahren zu gedenken; das Leben zu feiern, während montags der Tod durch unsere Städte marschiert.

Komplette Ausgabe: Hier!

Arnstadt

Alerta Südthüringen #3

Editorial

Runde drei! Antifaschistische Politik in Südthüringen, wie wir sie im Rahmen der Organisation dieses Zeitungsprojektes und anderer Initiativen betreiben, sieht sich derzeit mit einer besonderen Widersprüchlichkeit konfrontiert. Während man als Außenstehender nach den Wahlen im September und der nun ins Amt gewählten linken Landesregierung meinen könnte, Thüringen sei ein Bundesland, das von sozialistischen Kräften dominiert ist, können wir als Insider mitnichten von einem Linksruck, sondern eher von gegenteiligem berichten. Das liegt nicht bloß daran, dass wir keine großen Hoffnungen auf parlamentarische Politik setzen, sondern dass es an der rassistischen Basis in Thüringen brodelt. Die avanciertesten Elemente dieser Gesellschaft, die Neonazis, haben längst begriffen, was in Zeiten von Krise, Abstiegsangst und steigenden Flüchtlingszahlen die Stunde geschlagen hat. Deswegen ist das Thema dieser Ausgabe der durch den Trubel um die neue Landesregierung in der öffentlichen Berichterstattung vielfach verdeckte Rechtsruck in parlamentarischer und allgemein-gesellschaftlicher Hinsicht. Wir werten die Landtagswahl aus antifaschistischer Perspektive aus, berichten über rassistische Basisbewegungen in Südthüringen und erweitern zugleich den Blick in eine Region, die sich mit noch übleren Kräften als den derzeitigen deutschen Neonazis und Protofaschisten konfrontiert sieht. Ihr seht, in unserer pünktlich vorm Weihnachtsfest erschienen Ausgabe #3 gibt es wieder ordentlich Zündstoff, der geeignet ist, zwischen Weihnachtsbaum und Festtagsbraten etwas Sinn zu stiften. Ausgabe #4 soll im Frühling 2015 erscheinen und gerne auch Einsendungen aus der Leserschaft enthalten. Meldet euch mal!

In dieser Ausgabe:

Editorial

Was ist los in Südthüringen?

Nachjustierung bei der Feindbestimmung – Eine Auswertung zur Landtagswahl 2014

Mehr als ein Hauch von »Pro Arnstadt« im Thüringer Landtag

Wild wild East: Die Jagd auf die Konkurrenz

Rassistische Hetze gegen Flüchtlinge in Suhl

Kein Ende in Sicht – Neue und alte Skandale aus dem Arnstädter Stadtecho

Friedrichroda und der Extremismus

Ilmenau: Über 100 Geflüchtete erwartet

Literaturtipp: »Die Einsamkeit Israels« von Stephan Grigat

Solidarität mit den kämpfenden Kurdinnen und Kurden in Syrien und im Irak

Ergänzung zum Redebeitrag der Antifa Arnstadt-Ilmenau

Ganze Ausgabe: KLICK

Undurchdachte Werbestrategien III

Manche Leute beweisen besonderes Geschick um sich fürs Wahlkampfmaterial in Szene zu setzen.

Verspäteter Wahlaufruf: Mit Jutta Ewald den transsilvanischen Tourismus stärken!

Antifas sprengen Montagswahnmache in Erfurt

„Willkommen auf der neuen Erfurter Montagswahn… äh… -mahnmache!“ (Tosendes Gelächter) – so begrüßte der Anmelder der neuen Montagskundgebungen mit einem Freud’schen Versprecher die Anwesenden und nahm die antifaschistische Kritik am Charakter dieser Veranstaltung ungewollt vorweg. Die ca. 50 anwesenden Antifaschisten störten die Wahnmache massiv, unterbrachen durch Sprechchöre und Zwischenrufe die Redner, brachten das Programm durcheinander, führten einen vorzeitigen Abbruch durch die Organisatoren herbei und machten den ersten Montagsaufmarsch nach dem Putsch und Rechtsruck in Erfurt zum Desaster für die Organisatoren.

Diese hatten große Prominenz eingeladen, um das Teilnehmerfeld zu erweitern. Neben Klaus Blessing, dem ehemaligen stellvertretenden Minister für Schwerindustrie der DDR, heute nur noch ein trinkender Wirrkopf, sprach der Ex-Linke Jürgen Elsässer, heute vom früheren Kritiker des Antisemitismus zum Gegenstand der Kritik des Antisemitismus degeneriert, zu den ca. 50 Antifas, die gegen etwa genauso viele Wahnmach‘ler demonstrierten. Viel war von Elsässers neuesten Ergüssen über die Weltherrschaft des Finanzkapitals allerdings nicht zu verstehen. Sein faschistoides Weltanschauungsgetöse ging im Kratzen des Mikros und dem Protest der Antifas unter.

Die Organisatoren waren ziemlich ratlos angesichts der neuen Situation und bettelten regelmäßig um das Eingreifen der Polizei, die vom Ausmaß des Protestes aber ebenso überrascht war. So drehte sich die ganze Kundgebung um die Pseudoauseinandersetzung mit der Antifa. Mal waren diese alle bezahlte Claqueure, wahlweise der USA oder des Innenministeriums, mal wurde den Antifas ernsthaft dazu geraten, Möhren anzupflanzen, weil es bekanntlich nichts wichtigeres gibt und mal versuchte man die politischen Gegner mit der „Wir wollen doch alle dasselbe“-Nummer zu umgarnen. Eine Fahne der USA und Israels provozierten immer wieder Hasstiraden gegen die „derzeit aggressivsten Kriegstreiber“. Einige der Wahnmachengegner ließen sich auf die Diskussion am Mikro ein, mit verhaltenem Erfolg. Auf eine Kritik, deren Komplexität die Aufmerksamkeitsspanne von 15 Sekunden bis zur nächsten Applauspause überschritt, waren die Wahnmachen-Teilnehmer nicht vorbereitet. Man suchte ohnehin eher die einfachen Antworten, die „Wahrheit“ in Hauptsätzen, und die Bestätigung der eigenen stumpfen antisemitischen Ressentiments durch die Markierung von vermeintlich Schuldigen.

Von völkischer und antisemitischer Ideologie distanzierten sich die Organisatoren unentwegt. Die Nachfrage, warum man dann mit Elsässer einen Freund und politischen Weggefährten des Holocaustleugners Horst Mahler eingeladen hatte, wusste man ebenso wenig zu beantworten wie die Frage, warum dieser ach so neutrale Bürgerprotest ein Anziehungspunkt von Nazis und anderen zwielichtigen Leuten ist. Teilnehmer der Kundgebung waren, neben den offensichtlich dort rumstehenden und Beifall klatschenden Nazis, beispielsweise der Vorsitzende der Ilm-Kreis-AfD Rüdiger Schmitt und der Herausgeber der völkischen Heimatzeitschrift „Arnstädter Stadtecho“ Stefan Buchtzik.

Die Anwesenheit von völkischen Ideologen und Antisemiten, die man ja mitunter selber eingeladen hatte, brachte die sich dumm stellenden Organisatoren nicht auf den Gedanken, dass dieser Auflauf kein unschuldiger Bürgerprotest für Frieden und Sonnenschein sein konnte, sondern von den anwesenden Antifas als das entlarvt wurde, was er war, ein Braunzonenaufmarsch mit Querfront-Potential. Die Distanzierungen von Antisemitismus waren aberwitzig und wurden nicht selten in Abwandlung des bekannten modern-antisemitischen Schlachtrufes „Ich habe ja nichts gegen Juden, aber…“ vorgetragen. Dass heute Antisemitismus nicht als ordinäre Judenfeindschaft auftritt, dass diese nach Auschwitz vielmehr gesellschaftlich kompromittiert ist und dass sich der moderne Antisemitismus neue Formen gesucht hat, die nirgends so virulent sind, wie auf diesen Demos, das wusste zumindest einer der Teilnehmer und Befürworter früher mal: Elsässer.

Von diesem Elsässer hat sich inzwischen sogar Wahnmachen-Guru Ken Jebsen öffentlich distanziert, was einiges bedeuten muss, da das von Jebsen tolerierte Teilnehmerfeld vom gutmeinenden Naiven bis zum ordinären Nazi und Reichsbürger reicht. Jebsen schrieb sogar mit dem Hildburghäuser Querfrontler Florian Kirner aka „Prinz Chaos II.“ (Ex-Linksruck) einen offenen Brief an die Organisatoren der Erfurter Montagsdemo in Sorge um den „humanistischen Grundkonsens“. Diese Aktion zeigt ganz nebenbei, wo die Erfurter Montagsdemo im deutschen Wahnmachen-Getümmel anzusiedeln ist: sehr weit rechts. Schade, dass dieser Brief auf der Kundgebung nicht besprochen wurde. Die an dieser Stelle abwegige Debatte über einen „humanistischen Grundkonsens“ bei diesem Braunzonenaufmarsch wäre sicher der Lacher des Abends geworden.


„Montags mach‘ ich lieber blau… Kein Frieden mit Antisemitismus, Verschwörungswahn und Volksgemeinschaft!“ – Antifaschistische Proteste


Jürgen Elsässer mit den neuestem Gelaber über die Weltherrschaft des Finanzkapitals


Kein Remake von „Die Drei von der Tankstelle“, sondern die Organisatoren des Braunzonenaufmarsches


„National Revolutionär Sozialistisch“ – Nazis brauchen sich nicht zu verstecken, sie sind offen Teil der Veranstaltung


Stefan Buchtzik (links im Bild), Herausgeber des völkischen Anzeigenblattes „Arnstädter Stadtecho“, dessen aktuelle Ausgabe Rüdiger Schmitt (Bildmitte), Vorsitzender der Ilm-Kreis-AfD, in der Hand hält

Am Abend verteiltes antifaschistisches Flugblatt: Montags mach‘ ich lieber blau…

Veranstaltungsreihe zur Kritik des Postnazismus in Arnstadt, Ilmenau & Suhl

„Der Nationalsozialismus lebt nach, und bis heute wissen wir nicht, ob bloß als Gespenst dessen, was so monströs war, daß es am eigenen Tode noch nicht starb; oder ob es gar nicht erst zum Tode kam; ob die Bereitschaft zum Unsäglichen fortwest in den Menschen wie in den Verhältnissen, die sie umklammern.“ (Theodor W. Adorno, 1959)

Am 8. Mai 1945 trat die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Kraft. Sie ist durch die gemeinsame Anstrengung der Anti-Hitler-Koalition erzwungen worden. Die alliierten Streitkräfte beendeten damit endgültig den deutschen Vernichtungskrieg und die fast vollständige Ausrottung des europäischen Judentums. Doch die viel beschworene „Stunde Null“ fand nicht statt. Weder von einer restlosen Abrechnung mit dem Vergangenen, noch von einem Neuanfang konnte die Rede sein. Die Befreiung blieb, wie der Ideologiekritiker Eike Geisel bemerkte, „eine halbe“. Der deutsche Faschismus wurde militärisch bezwungen, aber nie gänzlich besiegt. Zum einen ist es misslungen, eine „neue Welt des Friedens und der Freiheit“ (aus dem Schwur von Buchenwald) zu errichten, eine Gesellschaft, in der Auschwitz unmöglich werden sollte. Zum anderen fand die nachhaltige, an die Wurzel gehende Delegitimierung bzw. Aufarbeitung nazistischer Ideologie ebenso wenig statt wie die Abrechnung mit den deutschen Tätern. Während letztere im postnazistischen Deutschland in aller Regel problemlos Karriere machen konnten, musste ihre Ideologie sich transformieren und lebt heute in neuen Strukturen und Organisationen fort, schlägt sich im gesellschaftlichen Prozess an allen Stellen nieder und erfreut sich in Krisenzeiten steigender Popularität.
Die Vortragsreihe thematisiert dieses Fortleben des Nationalsozialismus und zwar in struktureller wie in personeller Hinsicht, d.h. sie untersucht die Transformation faschistischer Ideologie ebenso wie die personellen und organisatorischen Kontinuitäten im postnazistischen Deutschland.

Moralische Überlegenheit am Abgrund – Die Thüringer Zivilgesellschaft im Kampf für Heimat und Gewissen

Lirabelle #4In Ausgabe #4 der Erfurter Zeitschrift Lirabelle habe ich mit meinem Genossen Fabian über das aktuelle Vorgehen der Thüringer Zivilgesellschaft sowie deren inhaltliche Irrungen geschrieben. Außerdem befindet sich im Heft ein wundervoller Text von Simon Rubaschow zur Thüringer Theorie-Praxis-Debatte, der kurz mit der an Dreistigkeit kaum zu überbietenden Antwort von L&M aus Ausgabe #3 abrechnet und die Theorie-Praxis-Debatte in einer Reflexion zum Verhältnis von Wut, Angst und Traurigkeit zu einem würdigen (vorläufigen) Ende führt – vorbehaltlich L&M bringen nicht die nächste Bleiwüste in Anschlag, in der sie Argumente des Diskussionspartners ausschweifend als die eigenen ausgeben und ihre eigene Praxisabstinenz damit kompensieren, sich jedem besseren Mob an den Hals zu werfen. Außerdem sehr lesenswert, finde ich die Thesen von Charlie Pepper zum Begriff des Stützpunkts in Abgrenzung zu linken „Freiraum“-Konzepten und den Bericht von Franzie zum Arbeitskampf bei VioMe in Griechenland.

Moralische Überlegenheit am Abgrund – Die Thüringer Zivilgesellschaft im Kampf für Heimat und Gewissen

Die Antifa ist so überflüssig und deswegen so gefragt wie nie. Die Zivilgesellschaft, allen voran die Thüringer Bürgerbündnisse gegen Rechts, die sich vorwiegend aus den sozialdemokratischen Parteien und Organisationen rekrutierten, und der Filz aus dessen Umfeld, haben das Hauptkampffeld der Antifa übernommen. Selbst in Käffern wie Kirchheim und Ballstädt, die die örtlichen Gutmenschen[1] längst in Wehrdörfer verwandelt haben, braucht es die Antifa nicht mehr um Protest gegen Nazis zu organisieren. Die Schlussfolgerung, die Bürger hätten endlich verstanden und machen jetzt selber, ist naiv. Die Proteste gegen Naziaufmärsche und -zentren sind unter der Regie der Parteikader zu Werbeveranstaltungen für die Gesellschaft verkommen, die die Nazis hervorbringt. Antifaschistische Kritik ist nur noch im Widerspruch gegen diese Farce zu haben. Von Fabian & Ox Y. Moron. (mehr…)

Warum die Thüringer Bürgerbündnisse jetzt gegen die AfD protestieren müssten und es trotzdem lassen werden

Arnstadt: AfD-Landesparteitag in der „Goldenen Henne“

Wir erinnern uns: Vor gut einer Woche schwor sich in Kirchheim die versammelte Thüringer Zivilgesellschaft für die Verteidigung Europas gegen seine rassistisch und nationalstaatlich(!) geeichten Feinde ein. Jetzt gilt es! Am kommenden Samstag (1. Februar) richtet die rassistische und nicht bloß nationalstaatlich-orientierte, sondern nationalistisch-chauvinistische Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) ihren Landesparteitag in Arnstadt aus.

Dass Widerstand gegen eine Partei notwendig ist, die nicht nur weil sie von Nazis durchsetzt ist, sondern weil sie für eine noch chauvinistischere und noch unsolidarischere Politik einsteht, als die derzeit herrschende, zeigt das Wahlergebnis der AfD zur Bundestagswahl 2013. Damals scheiterte die AfD nur knapp an der Fünf-Prozent-Hürde, in Thüringen lag sie mit 6,2 Prozent sogar darüber. Die Chancen der AfD, 2014 in den Thüringer Landtags einzuziehen, stehen also derzeit besser, als die der NPD.

Arnstadt ist dabei ein Paradebeispiel, um anzuzeigen, welcher Wind in der AfD weht. Der Arnstädter Ortsverband ist maßgeblich vom ehemaligen Stadtecho-Herausgeber und Protofaschist Hans-Joachim König mitgegründet worden, der schon seit Jahren Anschluss an eine bundesweite Bewegung sucht und vor wenigen Jahren erst bei der Nazisplitterpartei „Pro Deutschland“ auflief. Dass Arnstadt als Ort für den Landesparteitag ausgewählt wurde, ist also alles andere als ein Zufall. Die „Goldene Henne“, das Lokal, in dem der Parteitag stattfinden soll, stellt schon seit Jahren revisionistischen, antisemitischen und protofaschistischen Verbänden wie etwa dem Bund der Vertriebenen oder dem Arnstädter Stadtecho, ihr Haus zur Verfügung.

Wenn sich nun also, wie vor einer guten Woche in Kirchheim die Thüringer Zivilgesellschaft versammelte, um in trauter Eintracht für ein solidarisches Europa einzustehen und gegen „rassistische und nationalstaatliche Propaganda“ die Würde des Menschen zu verteidigen, dann gibt es kaum eine bessere Gelegenheit dies zu tun, als am 1. Februar in Arnstadt. Da wir eine Problematisierung der AfD für sinnvoll erachten, nehmen wir euch hier gern beim Wort und warten auf die Aufrufe und Kundgebungsanmeldungen der Thüringer Zivilgesellschaft und sagen euch hiermit schonmal unsere Unterstützung zu!

Quelle: Antifa Arnstadt-Ilmenau

Wer Deutschland aus dem Euro lösen will, wie die AfD, wird sich des Verdachtes nicht erwehren können „nationalstaatliche Propaganda“ zu betreiben. Und da die Thüringer Bürgerbündnisse gegen diese konsequent vorgehen wollen, ist mit ihren Aufrufen und Kundgebungsanmeldungen zum Landesparteitag der AfD in Arnstadt ja sicher zu rechnen. Oder? Andernfalls könnte man ja auf den Gedanken kommen, ihnen ging es bei dieser ganzen Hatz auf die NPD vor einigen Tagen in Kirchheim um ganz andere Dinge, als um die Verteidigung der Menschenwürde gegen Rassismus und Nationalstaatlichkeit, nämlich um die Imagepflege und Gewissensaufbesserung beim Meet & Greet gegen einen gemeinsamen Feind. Bekanntlich schweißt nichts so sehr zusammen wie ein solcher, vor allem wenn man eigentlich keine Ahnung hat, warum man mit ihm in Feindschaft steht. Die Nationalstaaten-Propaganda und der Rassismus sind es wahrscheinlich nicht, wenn die an der AfD auch nicht weiter stören sollten. Wieso wird überhaupt mit einer Begründung gegen die NPD mobilisiert, mit der man genauso gut gegen die CDU und die SPD vorgehen müsste? Vermutlich weil man gegen Abschiebung sein und sie kritisieren kann, wenn die NPD danach schreit, während die eigene Partei/Regierung längst bei der Sache ist.

Weltrevolution in Kirchheim geplant!

Das gab’s noch nie. Die Thüringer Bürgerbündnisse gegen Rechtsextremismus rufen anlässlich des dort am Samstag stattfindenden Bundesparteitages der NPD zum Stelldichein für „ein solidarisches Europa – Gegen rassistische Hetze und rechtsextreme Nationalstaatsphantasien“. Von Rassismus haben die Bürger ja wie man weiß keine Ahnung, zudem nervt das Geblödel, man möchte doch die Krise nicht auf dem Rücken Südeuropas austragen – ein Geschehen das längst im Gange ist und nicht von der NPD, sondern den neben ihr in Kirchheim aufmarschierenden Parteien zu verantworten ist. Aufmerksamkeit darf dem letztgenannten Demonstrationsgrund gelten. Die Bürgerbündnisse – sonst nicht gerade als antinationale Umstürzler bekannt – wollen gegen „rechtsextreme Nationalstaatsphantasien“ vorgehen. Ein zunächst seltsam anmutendes Wortungetüm, dessen Sinn wohl im Protest gegen die besonderen Nationalstaatsphantasien der Rechtsextremen liegen soll. Weit gefehlt!
Die beiden Sprecher des Thüringer Gutmenschenbündnisses Harald Zeil und Madeleine Henfling stellen klar:

„Rassistischer und nationalstaatlicher Propaganda setzen wir die Vorstellung einer solidarischen Gesellschaft entgegen.“

Es geht also doch ums Ganze! Nicht die Vorstellung der Nazis von Nationalstaatlichkeit steht zur Debatte, sondern der Nationalstaat überhaupt. Wer lesen kann, weiß also was am Samstag ansteht in Kirchheim: Weltrevolution mit den Grünen und der SPD! Zu den Sitzkissen! Alle Macht kommt aus den Trillerpfeifen!


Transparententwurf für Samstag

Danke Xaver!

Blüten der Sprachpolitik

Gerade gefunden beim Veto:

Dieser Stern ist ja bekanntlich der neueste Trend genderlinken Hipstertums. Grammatikalisch korrekt hieße es trotzdem: das Schleckermaul, die Schleckermäuler. Genderkorrekt heute: die Schleckermäuler*innen. Wo etwa sprachliche Lesebarrieren wie „Bürger*innensteig“ wenigstens grammatikalisch noch irgendwie Sinn machen könnten, wird es hier, wie auch bei „Mensch*innen“ etwa, völlig absurd. Aber die sprachlich verordnete Geschlechtergerechtigkeit trägt Früchte, wie man bei den (Fast-)Nazis von „Pro Arnstadt“ sehen kann:

Zur Verteidigung der Genderlinken sei gesagt: Normalerweise gendern die (Fast-)Nazis von „Pro Arnstadt“ nicht, anscheindend nur dort, wo es grammatikalisch falsch ist. Was soll’s. Die Idee ist bei den Reaktionären angekommen. Am Geschlechterantagonismus und bestehenden Gewaltverhältnissen hat sich zwar nichts geändert, aber man muss jetzt nicht mehr darüber reden. Sprachliche Repräsentanz heilt bekanntlich alle Wunden.

Teddykatzenbär

Neu entdeckte Tierart: Flauschiger Räuber aus den Anden

Erstmals seit 35 Jahren wurde in der westlichen Hemisphäre wieder ein Raubtier entdeckt. Der Olinguito aus den Nebelwäldern Lateinamerikas gehört zur Familie der Kleinbären. Museumsexponate brachten Biologen auf seine Spur.

Er sieht aus wie eine Mischung aus Katze und Teddy und lebt in den Nebelwäldern der Anden – der Olinguito. Aufgespürt haben die Forscher das Säugetier allerdings zunächst nicht in freier Natur, sondern in Museen. Es sei das erste Mal seit 35 Jahren, dass auf der westlichen Hemisphäre ein neues Raubtier entdeckt wurde, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin „ZooKeys“.

Eigentlich wollte das Team um Kristofer Helgen vom Smithsonian’s National Museum of Natural History in Washington herausfinden, wie viele Arten von Makibären, auch Olingos genannt, es gibt und wo diese leben. Sie untersuchten dazu zahlreiche Museums-Exponate dieser Tierart.

Dabei fiel ihnen auf, dass einige Exemplare kleinere und anders geformte Schädel und Zähne hatten als der Rest. Sie waren auch insgesamt kleiner und hatten dichteres Fell. Den vorhandenen Aufzeichnungen zufolge stammten diese Tiere alle aus einem Gebiet in den nördlichen Anden, 1500 bis 2700 Meter über dem Meeresspiegel.

Dies ist weit höher als der bekannte Lebensraum der Olingos, stellten die Forscher fest. Genetische Untersuchungen bestätigten, dass es sich bei den vermeintlichen Olingos um eine neue Art handelt, eben den Olinguito (Bassaricyon neblina).

Verwandt mit Waschbären und Nasenbären

Die in den Museen vorhandenen Informationen über die Tiere waren schon recht alt. Sie wurden Anfang des 20. Jahrhunderts aufgezeichnet, als die Tiere gefangen wurden. Für die Forscher stellte sich deshalb die Frage, ob die Olinguitos noch heute in freier Wildbahn zu finden sind.

Sie organisierten eine Expedition in die Anden und konnten tatsächlich einige Olinguitos in freier Wildbahn beobachten. Die Forscher fanden heraus, dass die Tiere nachtaktiv sind, vor allem Früchte fressen, nur selten von den Bäumen herunterkommen und jeweils ein Jungtier aufziehen.

Die Olinguitos gehören zur Familie der Kleinbären (Procyonidae), zu der unter anderen auch Waschbären und Nasenbären zählen. Die Tierwelt ist mit der Entdeckung nun offiziell um eine Art reicher. Als Olingo haben allerdings schon viele Menschen den Olinguito bewundert – nicht nur in den Museen, sondern auch in US-amerikanischen Zoos, wo in den sechziger und siebziger Jahren mindestens ein Exemplar aus Kolumbien lebte.

Botschafter für die Nebelwälder

„Die Entdeckung des Olinguitos zeigt uns, dass die Welt noch nicht völlig erforscht ist und noch nicht alle ihre grundlegenden Geheimnisse aufgedeckt sind“, sagte Helgen. „Wenn heute noch neue Raubtiere entdeckt werden können – was für Überraschungen warten noch auf uns?“

Der Wissenschaftler weist allerdings auch darauf hin, dass der Olinguito in Gefahr sei. Etwa 42 Prozent seines Lebensraumes seien bereits in Ackerland oder Siedlungsfläche umgewandelt worden.

„Die Nebelwälder der Anden sind eine Welt für sich, gefüllt mit Arten, die nirgendwo sonst zu finden sind und von denen viele gefährdet sind“, erläuterte Helgen. „Wir hoffen, dass der Olinguito zu einem Botschafter für die Nebelwälder Ecuadors und Kolumbiens wird und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf diese entscheidenden Lebensräume lenkt.“

Die Entdeckung eines Raubtieres ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts sicher eine Seltenheit. Aber immer noch werden neue Säugetierarten von Wissenschaftlern beschrieben. Vor einigen Jahren stießen Biologen in Afrika zum Beispiel auf eine der Wissenschaft noch unbekannte Affenart. Das Lesula-Äffchen (Cercopithecus lomamiensis) lebt versteckt in der Lomami-Region in der Demokratischen Republik Kongo. Nicht immer sind die neuen Arten bis zu ihrer Entdeckung völlig unbekannt. Häufig werden sie aufgrund moderner genetischer Methoden als eigene Art neu definiert.

Quelle: Spiegel Online

Toll! Brauchen wir unbedingt im Arnstädter Tierpark!

Konformität in der klassenlosen Klassengesellschaft

Lirabelle #1Mein Beitrag für die erste Ausgabe der Lirabelle, einer linken Erfurter Zeitschrift, beschäftigt sich mit dem Kampf zum Erhalt der Arbeitsplätze bei Bosch in Arnstadt. Über einige der anderen Texte der Zeitschrift wird noch zu reden sein: Ein knappes Drittel der Ausgabe beschäftigt sich mit der Zurückweisung materialistischer Gesellschaftskritik, wie sie in Thüringen zuletzt u.a. hier oder zuletzt durch die Antifaschistischen Gruppen Südthüringen (AGST) geübt wurde. Sehr empfehlenswert in Ausgabe 1 ist aber ein Bericht von zwei Genossinnen, sie sich tagelang der Gefahr sozialdemokratischer Verblödung ausgesetzt haben und uns nun am Überleben der Vernunft in der Vernunftlosigkeit teilhaben lassen.

Konformität in der klassenlosen Klassengesellschaft

Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit ist aufgelöst, weil Unternehmer und Arbeiter heute Seite an Seite um das Unternehmen, die Branche oder den Standort kämpfen, wenn dieser in Gefahr gerät – an dieser Einsicht, die Wolfgang Pohrt in seinem neuesten Buch äußert, ist etwas dran. Zwar basiert die Organisation der Hierarchie im Kapitalismus nach wie vor auf der Aneignung fremder Arbeit durch das Kapital – an der objektiv bestehenden Klassenherrschaft hat sich also nichts geändert –, geändert hat sich aber das Bewusstsein bzw. das Wissen vor allem der ausgebeuteten Klasse über diesen Sachverhalt. Wenn ganz aktuell, beispielsweise in Arnstadt, mehrere hundert Arbeitsplätze bei Bosch-Solar zur Debatte stehen, kämpfen die Betroffenen nicht gegen die Klassenherrschaft, unter der sie jahrelang ausgebeutet wurden und dafür nun in der Prekarität landen könnten, sondern sie kämpfen für Fortbestand ihres Ausbeutungsverhältnisses.

Arnstadt erwache

Als wäre das alles nicht schon Tragödie genug, steht die Kampagne der IG Metall auch noch unter der abgewandelten Naziparole „Arnstadt muss leben“. Was hoffentlich unbeabsichtigt war, entbehrt keiner heimlichen Logik. Schließlich waren die Nationalsozialisten die fanatischsten Befürworter eines Arbeitsfetischs, der sauber differenzieren wollte zwischen der guten produktiven deutschen Wertarbeit der einfachen Werktätigen, wie sie auch bei Bosch hochge- halten wird und des spekulativ-gierigen Geschäftemachens des sogenannten raffenden Kapitals, das man heute mit Bänkern, Managern und Aufsichtsräten, früher bzw. in letzter Konsequenz mit den Juden identifizierte.

Und die beispielsweise von Wirtschaftsminister Machnig (SPD) auf der Kundgebung vor dem Werk am 4. April in Arnstadt vorgebrachte Hetze gegen „chinesisches Dumping“, das der guten deutschen Wertarbeit das Wasser abgrabe, geht genau in diese Richtung. Nicht, dass Menschen ausgebeutet werden für einen irrationalen Selbstzweck ist das Problem, sondern dass es andere rentabler tun als die Deutschen.

Vergessene Wahrheiten

Ausbeutung gab es historisch in allen Gesellschaften. Das Besondere der Ausbeutung in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ist das Auftreten des Arbeiters als ein über seine Arbeitskraft als Ware verfügendes Subjekt, dessen Ausbeutung juristisch durch die Form eines Vertrages vermittelt wird. Der Arbeiter, formal frei, ist real aber in aller Regel dazu gezwungen, seine Arbeits- kraft beispielsweise an Bosch zu verkaufen, um sein Leben mit all den Bedürfnissen, die man so entwickelt, regeln zu können. Gerne wird dieses Ausbeutungsverhältnis durch allerlei ideologische Kniffe verschleiert, indem man Arbeit als Selbstverwirklichung oder als gemeinsame Anstrengung für einen höheren Zweck überhöht (vor allem Bosch-Solar gibt sich ja gern einen nachhaltig-grünen Anstrich) und sowieso als eine Naturnotwendigkeit fetischisiert. Aber Lohnarbeit ist weder naturnotwendig, noch verwirklicht sie irgendein Selbst und einem höheren Zweck dient sie erst recht nicht. Im Kapitalismus wird nämlich nicht für die menschlichen Bedürfnisse produziert – noch so eine ideologische Falle – sondern um aus Wert mehr Wert zu machen, aus Geld mehr Geld. Der Lohnarbeit kommt hierbei eine ganz bedeutende Rolle zu. Sie ist das Movens aller Wertschöpfung. Der besondere Charakter dieser Ware Arbeitskraft besteht nun darin, dass vereinfacht gesprochen – der Kapitalist die Ware Arbeitskraft für ihren Tauschwert erwirbt, der sich in diesem Fall aus den Reproduktionskosten jener Ware ergibt und sich ihren Gebrauchswert zu nutze macht. Jener Gebrauch – und darin besteht der Unterschied zu anderen Waren und Produktionsmitteln – erschöpft sich in der Regel nicht darin, die Reproduktionskosten der Arbeitskraft zu erwirtschaften, sondern darüber hinaus einen Mehrwert, den der Kapitalist privat aneignet und in der Regel zu einem großen Teil wieder reinvestiert in neue Arbeitskraft und andere Produktionsmittel (Boden, Maschinen, Rohstoffe, etc.). Dieser Tausch der Ware Arbeitskraft gegen ihren Tauschwert nennt Marx einen gerechten Tausch, weil der Kapitalist nichts gegen die Gesetze des Marktes widriges getan hat. Er hat lediglich, wie jeder Warenkäufer eine Ware für ihren Tauschwert erworben und sich ihren Gebrauchswert zu nutze gemacht.1 Diese Nutzbarmachung der Ware Arbeitskraft bzw. die private Aneignung ihres Mehrwertes bezeichnet die analytische Kategorie der Ausbeutung. Das heißt: Jede Lohnarbeit ist Ausbeutung. Ausbeutung ist somit keine moralische Kategorie, die die Überausnutzung der Arbeitskraft bezeichnet, sondern Ausbeutung meint die Aneignung fremder Arbeit überhaupt.

Die Arbeiter bei Bosch-Solar, die für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze kämpfen, kämpfen also in Wahrheit für die Fortführung ihres Ausbeutungsverhältnisses. Sie tun dies nicht mal – zumindest deutet nichts darauf hin – in dem Bewusstsein augenblicklich keine andere Wahl zu haben, um mit dem Arbeitslohn nicht auch ihren Lebensstandard zu riskieren, sondern sie tun dies, weil ihnen die Arbeitsideologie2 wie eine zweite Haut geworden ist, weil ihnen ihre Ausbeutung, genauso wie die gesellschaftliche Entfremdung und Verdinglichung, die damit einhergeht, nicht mehr bewusst als ein Leiden erscheint, sondern als Schicksal, als Naturnotwendigkeit oder als Berufung. In solcher Weise könnte der Widerspruch der Klassengesellschaft zwischen Kapital und Arbeit tatsächlich als aufgelöst betrachtet werden, aufgelöst in totaler Identität der Interessen. Nur noch im objektiven Tatbestand der Ausbeutung und im Leiden jener, denen die Ausbeutung auf verschiedenste Weiseaufstößt, erhält er sich am Leben.

Die klassenlose Klassengesellschaft

Wir leben also heute in einer Gesellschaft, in der der Klassenkonflikt weitgehend niedergelegt wurde, aber das Klassenverhältnis unangetastet fortbesteht; eine Gesellschaft, in der weiter ausgebeutet wird und die Betroffenen ihrer Ausbeutung mit Dankbarkeit nachgehen wollen, weil sie sie gar nicht mehr als solche empfinden – sichtbar beispielsweise bei Bosch in Arnstadt. Adorno hat diese Entwicklung in seinen Reflexionen zur Klassentheorie schon vor über 70 Jahren festgehalten und den Zustand einer solchen befriedeten Klassengesellschaft mit dem Begriff der klassenlosen Klassengesellschaft zugespitzt.

In einer solchen Gesellschaft stehen sich die äußerste Macht der Herrschenden und die äußerste Ohnmacht der Beherrschten unvermittelt gegenüber, was den Klassenunterschied, so Adorno, in Vergessenheit geraten lässt. Der Gedanke daran, dass es jemals anders sein könnte, wird in der Okkupation des Denkens durch die Allgegenwart von Organisation und Technik der Lächerlichkeit preisgegeben, wenn gesellschaftliche Beziehungen durch eine immer lückenlosere Verwaltung des Lebens nach den Gesetzmäßigkeiten der herrschenden Ordnung modelliert werden. Heute sind solche Gedanken eh die Seltenheit, heute versuchen sich die Massen verzweifelt mit den Kapitalisten, wie im Fall Bosch gemein zu machen, die Identität der Interessen herbei zu betteln, damit die Ausbeutung, von der man ja irgendwie lebt und nicht weiß wie sonst, weitergeht. In solchen Verhältnissen, analysiert Adorno ganz richtig, ist „die Allgegenwart der Repression und ihre Unsichtbarkeit […] dasselbe.“ Die Solidarität unter den Ausgebeuteten nimmt ab mit der Tatsache, dass sich die Mehrheit der Menschen nicht mehr als Klasse erfahren kann, das Klassenverhältnis nicht mehr durchschaut. Konformität scheint den Arbeitern heute zweckdienlicher, rationaler als der solidarische Kampf um ein anderes Ganzes. In jene Klasse, die man einmal Arbeiterklasse nannte und damit alle durch Lohnarbeit Ausgebeuteten meinte, ist heute gewissermaßen die Herrschaft eingewandert, sie sind zu Produkten einer entmenschlichenden Gesellschaft geworden. Einsicht in diesen Zusammenhang finden nur noch einige wenige, die mit dem Bildungsprivileg (z.B. Studium) etwas anzufangen wussten oder um nochmal Adorno zu zitieren: „Kritik am Privileg wird zum Privileg: so dialektisch ist der Weltlauf.“

No way out?!

In der Analyse der klassenlosen Klassengesellschaft steckt der Tendenz nach eine Dystopie, die möglicherweise schon sehr real geworden ist: Die Dystopie einer Gesellschaft, in der die Menschen die Herrschaft der gesellschaftlichen Verhältnisse derart verinnerlicht haben, dass ihre Wünsche und Bedürfnisse gänzlich der Totalität jener Verhältnisse entsprechen, in der es des Faschismus als Krisenoption des Kapitalismus nicht mehr bedarf, weil die Menschen sich ohne ein direktes Gewaltverhältnis alles gefallen lassen wollen, was nötig ist, um unterm Kapitalverhältnis weiterzuleben. In einer solchen Gesellschaft wird selbst Ideologie zunehmend überflüssig, weil die desillusionierten Menschen ihrer nicht bedürfen, um sich wehrlos in ihr vermeintliches Schicksal zu fügen und sich jedes noch erfahrene Leiden als naturnotwendig zu rationalisieren. Auf die Menschen bei Bosch trifft das nur bedingt zu. Sie glauben noch an die Segnungen des Kapitalismus, wollen nicht einsehen, dass die Schließung ihres Werks im ökonomischen Kalkül des Unternehmens liegt. Schließlich leisten sie wertvolle Arbeit im Interesse der Energiewende und haben dem Konzern über Jahre satte, freilich staatlich subventionierte, Gewinne eingebracht. An ihnen kann es also nicht liegen und von strukturellen Problemen im entwickelten Kapitalismus will man lieber nichts wissen.

Damit kommt eine andere sich tendenziell anbahnende Möglichkeit der Verarbeitung von ökonomischen Krisen in Frage. Sie ist bereits angedeutet worden: die Projektion der Schuld für die Krisenfolgen auf vermeintliche Verantwortliche, wie sie im strukturellen Antisemitismus zu Tage tritt. Hier soll nun, wie beim Fall Bosch, die Unternehmensführung verantwortlich sein für ein Verhältnis, das Kapitalist und Prolet gleichermaßen am Laufen halten. Bosch ist dabei alles andere als ein Einzelfall. Im krisengeschüttelten Griechenland beispielsweise, wohin die radikalen Linken aus Erfurt ihre Hoffnungen auf Rettung verlagert haben, steigen vor allem die Wahlergebnisse der Populisten und die Selbstmordraten. Im kriseninduzierten Selbstmord schlägt das Subjekt im Stande seiner gesellschaftlich-produzierten Überflüssigkeit nicht nach außen, wie im Rassismus oder Antisemitismus, sondern zieht die falsche Konsequenz gegen sich selbst. „Bleibt kein Ausweg, so wird dem Vernichtungsdrang vollends gleichgültig, worin er nie ganz fest unterschied: ob er gegen andere sich richtet oder gegens eigene Subjekt“, schrieb Adorno bereits 1945.

Was auch immer die zukünftige Entwicklung bringt, die Perspektive, die ich hier aufzeige, ist eine düstere. Kriterium von Wahrheit ist eben auch nicht ihre Gefälligkeit. Einen Plan, der uns rettet, habe ich nicht parat. Worin ich mir aber ziemlich sicher bin, ist, dass Menschen, die die Gesellschaft bewusst und planvoll verändern wollen, sie zunächst verstehen müssen. Zu solchem Verständnis, zur kompromisslosen Aufklärung über die gesellschaftlichen Verhältnisse beizutragen, wäre die Aufgabe der radikalen Linken. In diesem Sinne impliziert radikale Kritik, die die Herrschaft der Verhältnisse bloßstellt, deren Aufhebung und unsere Rettung, indem sie das vielfach verdrängte Leiden an dieser Gesellschaft zunächst wieder beredt werden lässt, es zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung macht und in Konsequenz aufheben will.

Zarte Ansätze einer solchen Intervention bei Bosch in Arnstadt gab es bisher lediglich durch ein Flugblatt der AG Gewerkschaft der Antifa Arnstadt-Ilmenau. Die sozialdemokratische Linke von der SPD, über die Einheitsgewerkschaft DGB bis zur Linkspartei war damit beschäftigt die potentiellen Mitglieder und Wähler durch Zujubeln in ihrem Kampf für die Fortführung des Ausbeutungsverhältnisses zu unterstützen und erwies sich damit als Teil jener Einheitsfront, die dem Kapitalverhältnis seine Unbesiegbarkeit mit jeder ihrer Regungen beteuert.

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1 Nicht vergessen werden darf dabei freilich, dass in diesem gerechten Tausch ein objektives Unrecht liegt, das schon darin besteht, dass die Möglichkeit wer nun Arbeitskraft-Käufer, also Kapitalist wird und wer Arbeitskraft-Verkäufer, also Arbeiter wird, notwendig ungleich verteilt sind und eine Gesellschaft, die den Gesetzes des Marktes konform wäre niemals denkbar ist, in der alle Kapitalisten sind und fremde Arbeit aneignen. Irgendwer muss schließlich auch arbeiten.
2 Zur Arbeitsideologie siehe den im Flyer der AG Gewerkschaft der Antifa Arnstadt-Ilmenau dokumentierten Text von Stephan Grigat: http://agst.afaction.info/archiv/576/flyer.pdf

Zuerst veröffentlicht und Printbezug: hier.

Adorno goes Punkrock

Konzi Arnstadt

Gestern in Arnstadts nobelsten Etablissement. Schön wars.

Zum Stand verdinglichten Bewusstseins

Im Grunde sind sich alle Beteiligten einig: Die „deutsche Wertarbeit“ von Bosch Solar in Arnstadt muss erhalten bleiben, die Schließung abgewendet werden. Man möchte sich nicht durch „chinesisches Dumping“ (Machnig) oder unverantwortliche Entscheidungen der Konzernleitung den Standort kaputt machen lassen. Schließlich stehen nicht nur die 1800 Arbeitsplätze von Bosch auf dem Spiel, sondern auch die hunderter Zulieferer. Die Frage, warum die chinesische Wirtschaft Solaranlagen billiger produzieren kann oder warum in Zeiten der kapitalistischen Krise Arbeitsplätze zur Debatte stehen und vor allem was man einem System attestieren muss, dass mit dem Reichtum die Armut produziert, stellte sich niemand. Bei all den Lobliedern auf die deutsche Wertarbeit war für arbeits- und kapitalismuskritische Interventionen kein Platz bzw. bestand daran auch kein Interesse. Man hatte das Gefühl die Beteiligten wollen einfach ihre Arbeitsplatzgarantien und sonst mit den Problemen der Welt in Ruhe gelassen werden. Die eingeforderte Solidarität, die in ihren radikalsten Verlautbarungen an den deutschen Grenzen endete, war am Ende nichts als eine Farce. Vergessen sind die Erkenntnisse, dass Lohnarbeit nicht Selbstverwirklichung, sondern Entfremdung und Ausbeutung bedeutet; vergessen ist die Erkenntnis, dass die Arbeiter_innen international ihre Klassenzugehörigkeit als Ausgebeutete verbindet. Damit steht man in der ohnmächtigen wie paradoxen Situation, dass hier Arbeiter_innen für die Fortsetzung ihres Ausbeutungsverhältnisses demonstrieren, weil ihnen freilich kaum etwas anderes übrig bleibt, um ihr eigenes Auskommen und das ihrer Familien zu sichern. Dass dieser Kampf trotzdem wenigstens in dem Bewusstsein über den zerstörenden Charakter von Lohnarbeit und die strukturelle Bedingtheit der kapitalistischen Krisenerscheinungen geführt wird, ist eine Wunschvorstellung, die mit jeder Äußerung der Beteiligten bitter enttäuscht wurde.

Quelle: Bericht der Antifa Arnstadt-Ilmenau zur Demonstration der Bosch-Solar-Mitarbeiter