Archiv der Kategorie 'Arnstadt'

Arnstadt erwache!

Warum nicht mal mit abgewandelten Naziparolen für die Arbeit demonstrieren, dachte sich die IG Metall und startet unter dem Motto „[ *1 ] Arnstadt muss leben“ ihre Kampagne gegen die Schließung des Bosch-Werkes in Arnstadt.

Wer sich über den Zustand der deutschen Arbeiterklasse informieren will oder aus diversen Gründen ein paar Schippen Erde auf die Hoffnung auf Befreiung schütten will, sollte sich diesen Blog anschauen. Mit der platten Einsicht in die „technisch unnötige Aufrechterhaltung des Ausbeutungsverhältnisses“ war bei den DGB-Gewerkschaften und ihren Gefolgsleuten eh nicht zu rechnen. Das hatte ich schon angemerkt. Aber diese Mischung aus Stumpfheit, autoritär-aggressivem Konformismus und allseitiger Anbiederei in dieser großen sozialdemokratischen Einheitsfront ist wirklich denkwürdig.

  1. * hier wahlweise einzusetzen: „Bosch“, „der Standort Arnstadt“ oder einfach freilassen, das kommt am besten [zurück]

Bitte um Fortsetzung der Ausbeutung


Quelle: MDR

MDR-Spezial zur Schließung des Bosch-Werkes in Arnstadt. Eine Episode aus der Dauersendung „Verkehrte Welt“. Heute: Arbeiter demonstrieren, um weiterhin Teil der „technisch unnötigen Aufrechterhaltung des Ausbeutungsverhältnisses“ (Horkheimer) sein zu dürfen. Mit dabei: Die Belegschaft, der Wirtschaftsminister, der Bürgermeister. Fortsetzung folgt morgen: Umsonst arbeiten – die sinnstiftende Alternative gegen innere Leere.

Bräuche, Pappkameraden und die Zivilgesellschaft

In Kirchheim nicht Neues

Es grenzt inzwischen an Brauchtum, was in Kirchheim zu jedem größeren Nazi-Event im Nazi-Zentrum „Romantischer Fachwerkhof“ passiert. Diesmal fand der NPD-Landesparteitag am vergangenen Samstag statt. Die NPD will mal wieder den Landtag erobern.

Nazis, Polizei und Zivilgesellschaft gehören in Kirchheim inzwischen zum Dorfbild und scheinen dort öfter zu trainieren als der Fußballverein. Längst ist es Brauch und Schauspiel zugleich, was sich ereignet, wenn die NPD im Nazi-Zentrum tagt. Starke Kontrollen an Ortseingängen gehören genauso dazu, wie der Auflauf der Zivilgesellschaft, die sich zwischenzeitlich adäquat durch Pappkameraden ersetzte (http://oxymoron.blogsport.de/2012/10/27/das-zusichselbstkommen-der-zivilgesellschaft-in-kirchheim/) und nun doch wieder alles auf die Straße holt, was Beine oder Ständer hat. Geändert hat sich nichts, außer das Zusammenspiel mit der Polizei, die inzwischen zum Partner der Zivilgesellschaft mutiert ist und bei so viel Kumpanei die Hamburger Gitter durch eine rote Linie auf dem Asphalt ersetzt hat. Der Effekt ist derselbe, egal ob die Ordnungsmacht Gitter aufstellt oder Linien zieht. In Kirchheim ist man sich einig, dass bei allem symbolischem Geschrei Recht und Ordnung einzuhalten sind. Auf Recht und Ordnung wird auch gesetzt, um das Problem mit den Nazis im Ort zu lösen. Kaum ein Redner am offenen Mikrofon, der nicht ein Verbot der NPD gefordert hätte. Und so ist der Anspruch der Zivilgesellschaft in Kirchheim wohl der, solange weiter zu demonstrieren, bis die Partei verboten ist und dann geht die Sache von vorne los. Irgendwas, was man verbieten kann, findet sich ja immer. Und so verdrängt man erfolgreich den Gedanken, dass es mit Naziideologie durch Verbote nicht getan ist, dass sich Rassismus und Antisemitismus nicht verbieten lassen, weil sie Ausdruck einer Gesellschaft sind, die sich mit roten Linien oder Gittern vor der Einsicht in die eigene Menschenfeindlichkeit schützt, die man irrtümlich für ein Privileg der Nazis hält. Der Einsicht also, dass Nazis zwar üble Leute mit einer üblen Ideologie sind, aber in einer bald ebenso üblen Gesellschaft, die abschiebt, ausgrenzt und eine Produktions- und Reproduktionsordnung am Laufen hält, die auf Ausbeutung und Zerstörung beruht. Wer am vergangenen Samstag derartiges durchs offene Mikrofon geäußert hätte, hätte sich noch außerirdischer vorkommen dürfen, als die Nazis auf der anderen Seite der Linie und damit nur wieder einen Satz Wolfgang Pohrts bestätigt: „Man kann auf die Dauer nicht der einzige Vernünftige unter tausend Wahnsinnigen bleiben, sondern man wird dabei auch verrückt, nur ein bisschen anders“.

Suchbild

Quelle und mehr Bilder: Antifa Arnstadt-Ilmenau

Arnstadt 2005

Das Zusichselbstkommen der Zivilgesellschaft in Kirchheim

In Kirchheim (bei Arnstadt) hat sich heute historisches abgespielt. Während sich im Nazizentrum „Fachwerkhof Kirchheim“ mal wieder Nazis zu irgendeiner Bundesversammlung von wem auch immer getroffen haben, verzichtete die Zivilgesellschaft auf die obligatorische Gegenkundgebung. Allerdings nicht ganz, statt der üblichen Verdächtigen (fünf Politiker der Linkspartei, zwei von den Grünen, drei Punks, 15-25 Eingeborene und Rüdiger Bender) fand man passende Äquivalente aus Holz, die man den Nazis vor die Nase stellte. Vorgeblich wollte man die Lärmproduktion vermeiden, die entsteht, wenn mehr als 20 Leute sich schulterklopfend bei solchen Veranstaltungen ihre moralische Überlegenheit bekunden. Das Bündnis gegen Rechts wollte keine Kundgebung mit echten Menschen, um der jährlichen Dorfkirmes nicht das Wasser abzugraben. Auf solchen abscheulichen Veranstaltungen kommt bekanntlich das ganze Dorf, und was so aus seinem Schoß gekrochen ist, zusammen weil man „entspannt und freudig feiern möchte.“
So schlimm die Begründung auch sein mag, der Fortschritt (freilich keiner im Bewusstsein der Freiheit, sondern der Sichtbarwerdung des objektiv-logischen Verfalls bürgerlicher Gesellschaft) der Holzpuppengeschichte ist nicht zu übersehen: keine einheitsfrontlichen Bekenntnisse zur Demokratie, keine Bullerei, die sich auf die drei Punks stürzt, kein Rüdiger Bender; nur Stille und Holzpuppen, die inhaltlich etwa das gleiche zum Ausdruck bringen, wie die echten Menschen, die dort desöfteren lagern. Die Zivilgesellschaft kommt zu sich selbst in ihrer vollkommenen Vergegenständlichung, ihrer Auflösung in toter Materie. Wenn sich die Geschichte rumspricht, dann prophezeihe ich ein sprunghaftes Wachstum im holzverarbeitenden Sektor in Dresden um die Februarzeit herum.

Undurchdachte Werbestrategie bei Kaufland


Bild: Eingang, Kaufland Arnstadt

Wer so um potentielle Werber wirbt, braucht sich nicht zu wundern, dass sich seit Wochen keiner meldet. Wer kann schon wollen, dass die hübsche Katze dort verschwindet!

Arnstädter Peinlichkeiten

Hampelmann

Ein besonders denkwürdiger, weil irre anmutender, Moment ergab sich, als die Nazidemo an der Gegenkundgebung auf dem Marktplatz vorbeizog. Dill, der die Demo begleitete, wandte sich der Menge zu, riss die Arme hoch und animierte die Menge dazu, den fanatischen Nazis noch fanatischer entgegenzubrüllen. Dazu lief aus der Lautsprecheranlage Schillers „Ode an die Freude“, die von Beethoven im 4. Satz seiner 9. Sinfonie vertont wurde. Mehr unfreiwillig wirkte Dill wie ein Dirigent, der der Masse aber nicht wirklich ästhetische Klänge entlockte, sondern das zu solchen Anlässen obligatorische Geschrei (TA berichtete). Auf eine ideologiekritische Analyse dieser Situation soll hier mal verzichtet werden. Es gäbe viel dazu zu sagen, vielleicht nur soweit: wer in dieser Situation Unwohlsein empfand und sich von dieser Massendynamik eher abgestoßen, als angezogen gefühlt hat, dessen Zweifel haben ganz sicher ihre Berechtigung.

Quelle