Archiv der Kategorie 'Lirabelle'

Abschieben mit Links

Lirabelle #12In der aktuellen Ausgabe der Erfurter Zeitschrift Lirabelle habe ich über die Abschiebepolitik der rot-rot-grünen Thüringer Landesregierung geschrieben. Angesichts der furchtbaren Konsequenzen, die diese Politik für die Betroffenen hat, erscheinen die jüngsten Anti-Antifa-Ausfälle des linksautoritären Ministerpräsidenten Ramelow (Stichwort: Bornhagen) als belanglose Fußnoten am Abgrund der Geschichte. Die aus linken Parteien bestehende Koalition setzt die Abschiebepolitik der Vorgängerregierungen fort. Das ist bitter für die betroffenen, abgeschobenen oder von Abschiebung bedrohten Menschen, aber auch für jene, die an so was wie Kapitalismus mit menschlichem Antlitz glauben wollten.
Darüber hinaus versammelt die aktuelle Ausgabe wieder eine ganze Reihe lesenswerter Texte. Franzies Rezension zum AbstinenZx-Album lotet die Gradwanderung zwischen Wut und Verzweiflung angesichts entmenschlichender Verhältnisse aus. Der Text von Simon Rubaschow knöpft sich die Empowerment-Ideologie vor, der in Ausgabe 11 der Lirabelle unwidersprochen Raum verschafft wurde. Maxi N. Conrady schreibt über die technisch-medizinische Seite der Körper-Aneigung aus Sicht einer kommunistischen und antisexistischen Praxis und Max Unkraut schreibt über eine auch von mir überaus geliebte Form der Kritik: die Polemik. (mehr…)

Mitmenschlich

Lirabelle #11Für die aktuelle, mal wieder hoffnungslos verspätete, Ausgabe der Erfurter Zeitschrift Lirabelle habe ich einen Text über das Bündnis „Mitmenschlich in Thüringen“ geschrieben. Die Protagonisten dieses Bündnisses wollten einen Gegenpol gegen die wachsenden AfD-Aufmärsche im Herbst 2015 in Erfurt setzen. Geklappt hat das nicht. Ohnehin hat die rot-rot-grüne Landespolitik inzwischen jeden Zweifel darüber beseitigt, dass es gelingen könnte eine Regierungspolitik mit menschlichem Antlitz in den bestehenden Verhältnissen zu praktizieren. Rot-rot-grün schiebt ab wie die Vorgängerregierungen auch. Zuerst trifft es die Roma, weil der Mob auf der Straße sie als „Wirtschaftsflüchtlinge“ stigmatisiert wissen möchte, als wäre etwas unredliches daran, vor den Verwüstungen des Kapitalismus und dessen ökonomischen Folgen zu fliehen. (mehr…)

Rückrunde für THÜGIDA

Nachfolgender Text erschien in der Erfurter Zeitschrift Lirabelle #10 und thematisiert die Wiederaufnahme faschistischer Mobilisierungen unter dem Label THÜGIDA nach der Sommerpause sowie die Routinen zivilgesellschaftlichen & antifaschistischen Protestes. (mehr…)

Endlich wieder stolz

Lirabelle #10Für die aktuelle Ausgabe der Erfurter Zeitschrift Lirabelle habe ich wieder zwei Texte geschrieben, die ich hier nacheinander poste. Den ersten zur Wiederaufnahme der faschistischen Mobilisierungen unter dem Label THÜGIDA nach der Sommerpause und den zweiten zusammen mit meiner Genossin Eva Felidae über die (Thüringer) Willkommensbewegung, die Unterstützung für ankommende Flüchtlinge organisiert. Der Text ist (wie das eben so bei Zeitschriftenbeiträgen mit Abgabefristen, Druckzeiten, etc. ist) schon einige Wochen alt und stammt aus einer Zeit, in der die Thüringer Zivilgesellschaft geradezu euphorisiert war – von sich selbst. Inzwischen ist die Euphorie vielerorts dem Ärger über die Zumutungen der Alltagsorganisation gewichen. An der im Artikel formulierten Kritik ändert das aber nichts. (mehr…)

Schlussstrich von Links

Nachfolgender Text erschien in der Erfurter Zeitschrift Lirabelle #9 und kritisiert die in Erfurt und anderswo betriebene Geschichtsklitterung von Links. (mehr…)

Mobilmachung im Leichenzug

Lirabelle #9Kurzer Nachtrag zu Dokumentationszwecken, während die aktuelle Ausgabe (#10) der Lirabelle grade ausm Druck kommt: Für Nummer 9 habe ich zwei Texte geschrieben, die ich hier nacheinander poste. Zunächst mal einen Text zu den (damals) aktuellen faschistischen Mobilisierungen in Thüringen vor der Sommerpause von THÜGIDA, über die Grausamkeiten des bürgerlichen Bratwurstantifaschismus und die aktuellen Anforderungen antifaschistischer Praxis. Beim zweiten Text hatte ich deutlich mehr Wut im Bauch und habe ihn kurz vor Redaktionsschluss noch ins Heft mogeln können. Er thematisiert linke Geschichtsklitterung anlässlich des 8. Mai. Daneben empfehle ich einen Leserbrief meiner Genossinnen und Genossen vom Club Communism, der das unsägliche Mittelteilbild aus Lirabelle #8 kritisiert, sowie den Bericht einer Auschwitz-Gedenkstättenfahrt von meinem Genossen Max Unkraut, der das Unbegreifliche irgendwie noch begrifflich zu fassen sucht. Hier jetzt mein erstgenannter Text. (mehr…)

Ein Hauch von Sportpalast

Lirabelle #8Aus SÜGIDA wurde endlich THÜGIDA und die selten oder nur in Einzelfällen solidarische Landeshauptstadtlinke hat die Nazidauermobilisierung gegen Flüchtlinge jetzt an der Hacke. Allzu lange (keine zwei Wochen um genau zu sein) ist es aber noch nicht her, da marschierten die Südthüringer Nazis zusammen mit Support aus dem ganzen Bundesland und auch Franken Woche für Woche auf dem Platz der Einheit in Suhl auf. Über diesen Aufmarsch, die Reaktionen der „Lügenpresse“ und des anständigeren Teils der „Volksverräter“ sowie die Ohnmacht der unanständigen Antifa habe ich in der aktuellen Ausgabe der Lirabelle (#8) geschrieben, die vor einigen Wochen das Licht der Welt erblickte. Außerdem empfehle ich zur Lektüre aus der aktuellen Ausgabe den Text meines Genossen Simon Rubaschow zu grundlegenden Überlegungen einer materialistischen Religionskritik. Angesichts dessen, dass SÜGIDA, PEGIDA und Co. angeblich gegen „Islamisierung“ marschieren und die (radikale) Linke, was Religionskritik angeht, Nachholbedarf hat, ist das ein wichtiger Beitrag. Zudem hat mein Genosse Fabian über den dezidiert antisemitischen Flügel aktueller rechter Mobilisierungen geschrieben. (mehr…)

Immer wieder montags: Für Frieden ohne Freiheit

Lirabelle #5Inzwischen machen die Montagsantisemiten Winterpause und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie im kommenden Jahr von der rassistischen PEGIDA-Bewegung abgelöst werden, an die viele Montagsantisemiten bereits anbändeln und deren Hauptaufmarschtag ebenfalls der Montag ist. Nichtsdestotrotz habe ich für die aktuelle Ausgabe (#7) der Lirabelle, die Anfang Dezember erschien, nochmal eine (vorläufige) Abrechnung mit den verschwörungsantisemitischen Montagsdemos geschrieben, die ich hier auf meinem Blog wieder dokumentiere. Außerdem erschien in dieser Ausgabe ein Interview mit dem kurdischen Aktivisten Ercan Ayboga, das ich zusammen mit meiner Genossin Eva Felidae geführt habe und euch zur Lektüre empfehle. Es bietet einen Überblick über die Kämpfe um Rojava und gegen das islamistische Terrorracket „Islamischer Staat“. Weiterhin empfehle ich Maximilian N. Conradys Erwiderung zu einem Text von Jens Störfried aus Ausgabe 6 und Simon Rubaschows Rezension zum Film „Die wilde Zeit“. (mehr…)

Es wird Herbst im Ignorantenstadl

Lirabelle #5Bereits vor einigen Tagen erschien die sechste Ausgabe der Erfurter Zeitschrift Lirabelle. In der aktuellen Ausgabe habe ich über den bevorstehenden Naziaufmarsch in Friedrichroda zum Volkstrauertag, den Ignorantenstadl der Kleinstadt, der diesen Aufmarsch erst in der Weise möglich macht, und die antifaschistischen Proteste geschrieben. Außerdem und aktuell ganz passend gibt es einen Text von Ercan Ayboga über die selbstverwalteten Gebiete im kurdischen Norden Syriens, die derzeit von den Schlächtern von ISIS attackiert werden. Auch sonst sind wieder einige mehr oder weniger spannende Texte versammelt. Die ganze Ausgabe gibts online hier. (mehr…)

Karriere schaffen ohne Waffen

Lirabelle #5Nachdem ich mich hier Monate nicht zu Wort gemeldet habe, poste ich nun mal, während Ausgabe 6 schon im Druck ist, meinen Artikel aus der Lirabelle #5. Dort habe ich über die Bemühungen des Nachwuchses der Linkspartei geschrieben, sich als Friedenspolitiker zu profilieren. Das ging irgendwie schief, wenn man mit den vertretenen Positionen meinte, einen linksradikalen Anspruch einlösen zu können. Weiterhin möchte ich auf die wunderbare Reflexion meines Genossen Simon Rubaschow zu aktueller Punkmusik in der selben Ausgabe verweisen. Sehr lesenswert. (mehr…)

Moralische Überlegenheit am Abgrund – Die Thüringer Zivilgesellschaft im Kampf für Heimat und Gewissen

Lirabelle #4In Ausgabe #4 der Erfurter Zeitschrift Lirabelle habe ich mit meinem Genossen Fabian über das aktuelle Vorgehen der Thüringer Zivilgesellschaft sowie deren inhaltliche Irrungen geschrieben. Außerdem befindet sich im Heft ein wundervoller Text von Simon Rubaschow zur Thüringer Theorie-Praxis-Debatte, der kurz mit der an Dreistigkeit kaum zu überbietenden Antwort von L&M aus Ausgabe #3 abrechnet und die Theorie-Praxis-Debatte in einer Reflexion zum Verhältnis von Wut, Angst und Traurigkeit zu einem würdigen (vorläufigen) Ende führt – vorbehaltlich L&M bringen nicht die nächste Bleiwüste in Anschlag, in der sie Argumente des Diskussionspartners ausschweifend als die eigenen ausgeben und ihre eigene Praxisabstinenz damit kompensieren, sich jedem besseren Mob an den Hals zu werfen. Außerdem sehr lesenswert, finde ich die Thesen von Charlie Pepper zum Begriff des Stützpunkts in Abgrenzung zu linken „Freiraum“-Konzepten und den Bericht von Franzie zum Arbeitskampf bei VioMe in Griechenland.

Moralische Überlegenheit am Abgrund – Die Thüringer Zivilgesellschaft im Kampf für Heimat und Gewissen

Die Antifa ist so überflüssig und deswegen so gefragt wie nie. Die Zivilgesellschaft, allen voran die Thüringer Bürgerbündnisse gegen Rechts, die sich vorwiegend aus den sozialdemokratischen Parteien und Organisationen rekrutierten, und der Filz aus dessen Umfeld, haben das Hauptkampffeld der Antifa übernommen. Selbst in Käffern wie Kirchheim und Ballstädt, die die örtlichen Gutmenschen[1] längst in Wehrdörfer verwandelt haben, braucht es die Antifa nicht mehr um Protest gegen Nazis zu organisieren. Die Schlussfolgerung, die Bürger hätten endlich verstanden und machen jetzt selber, ist naiv. Die Proteste gegen Naziaufmärsche und -zentren sind unter der Regie der Parteikader zu Werbeveranstaltungen für die Gesellschaft verkommen, die die Nazis hervorbringt. Antifaschistische Kritik ist nur noch im Widerspruch gegen diese Farce zu haben. Von Fabian & Ox Y. Moron. (mehr…)

Vom Hausbesetzer zum Standortschützer

Lirabelle #3In die besinnungslos-besinnliche Weihnachtszeit hinein kommt die dritte Ausgabe der Erfurter Zeitschrift Lirabelle. Auf das Titelbild hat es die Scheißhaufen-Aktion zur Verleihung des Preies für 10 Jahre Ignoranz und Akzeptanz von NS-Verharmlosung, Naziaufmärschen und Menschenhass am 6. November 2013 in Friedrichroda geschafft. Im Heft gibt es neben anderen lesenswerten und weniger lesenswerten Beiträgen auch wieder einen Beitrag von mir, der die gescheiterte Hausbesetzung am 19. Oktober 2013 und ihr beschämendes Nachspiel in Ilmenau zum Thema macht. Die nächste Ausgabe soll im März erscheinen.

Vom Hausbesetzer zum Standortschützer

In Ilmenau verfällt eine Initiative, die für eine gute Sache einzutreten schien, in Rekordtempo zu einer konformistischen Anbiederei an die Gesellschaft, die doch eigentlich in die Kritik genommen werden sollte. Was als Hausbesetzung und damit als Widerspruch gegen die kapitalistische Eigentumsordnung begann, entwickelt sich zum selbsternannten Lückenfüller der städtischen Kulturpolitik. Was ging da schief? Ein kommentierter Bericht von Ox Y. Moron. (mehr…)

Ordnungsruf aus dem Altersheim

Lirabelle #1Ausgabe #2 der Erfurter Streitschrift Lirabelle ist nun erschienen. Darin befindet sich auch wieder ein Beitrag von mir, mit dem ich in die derzeit stattfindende Theorie-Praxis-Debatte eingreife. Diese Debatte wird außerdem durch einen Beitrag der Antifa Arnstadt-Ilmenau und von Simon Rubaschow bereichert. Weiterhin gibt es im neuen Heft einen einführenden Beitrag zur Kritik der Politik und des Staates. Denkwürdig in eher negativer Hinsicht ist der um ein Nichts kreisende Texte zu radikaler Realpolitik, der die zukünftige Repression staatskapitalistischer Experimente gegen die antiautoritäre Linke schonmal ohne Not vorwegnimmt sowie ein dumpf-ignoranter Beitrag von Erfurts ambitioniertester Staatsantifa AKE. Dazu vielleicht später mehr.

Ordnungsruf aus dem Altersheim

Ox Y. Moron weist Peter Gisperts Versuch, die Theorie im wattierten Verkehr abzuschaffen, zurück.

In der vergangenen ersten Ausgabe dieser Zeitschrift gab sich Peter Gispert als einer von drei Desperados die Ehre, gegen zwei Texte bzw. die Ansätze von Eva Felidae und der Antifa Arnstadt-Ilmenau zum Verhältnis von Theorie und Praxis zu opponieren. Kurz gesagt, argumentierten Felidae und die Antifa Arnstadt-Ilmenau für eine theoretisch reflektierte Praxis, die in einer total vergesellschafteten Gesellschaft den Verblendungszusammenhang, der sich vor die wirklichen Verhältnisse geschoben hat, durch kategoriale Kritik durchdringt, um diese Gesellschaft zunächst überhaupt als im Wesen veränderbar begreifbar zu machen. Wer etwas abschaffen, aufheben oder verändern will, tut nämlich gut daran, zunächst zu verstehen, womit er es zu tun hat. Angesichts verhärteter und unbewusster Verhältnisse genügt dafür nicht die gut gemeinte Information, sondern es bedarf der die unbewussten Vergesellschaftungsformen durchdringenden Reflexion, es bedarf der Brüche im gesellschaftlich-hergestellten Selbstverhältnis der Einzelnen, der Einsicht, dass die Gewalt, die von den Verhältnissen ausgeht, eine gesellschaftlich-notwendige Gewalt ist. (mehr…)

Konformität in der klassenlosen Klassengesellschaft

Lirabelle #1Mein Beitrag für die erste Ausgabe der Lirabelle, einer linken Erfurter Zeitschrift, beschäftigt sich mit dem Kampf zum Erhalt der Arbeitsplätze bei Bosch in Arnstadt. Über einige der anderen Texte der Zeitschrift wird noch zu reden sein: Ein knappes Drittel der Ausgabe beschäftigt sich mit der Zurückweisung materialistischer Gesellschaftskritik, wie sie in Thüringen zuletzt u.a. hier oder zuletzt durch die Antifaschistischen Gruppen Südthüringen (AGST) geübt wurde. Sehr empfehlenswert in Ausgabe 1 ist aber ein Bericht von zwei Genossinnen, sie sich tagelang der Gefahr sozialdemokratischer Verblödung ausgesetzt haben und uns nun am Überleben der Vernunft in der Vernunftlosigkeit teilhaben lassen.

Konformität in der klassenlosen Klassengesellschaft

Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit ist aufgelöst, weil Unternehmer und Arbeiter heute Seite an Seite um das Unternehmen, die Branche oder den Standort kämpfen, wenn dieser in Gefahr gerät – an dieser Einsicht, die Wolfgang Pohrt in seinem neuesten Buch äußert, ist etwas dran. Zwar basiert die Organisation der Hierarchie im Kapitalismus nach wie vor auf der Aneignung fremder Arbeit durch das Kapital – an der objektiv bestehenden Klassenherrschaft hat sich also nichts geändert –, geändert hat sich aber das Bewusstsein bzw. das Wissen vor allem der ausgebeuteten Klasse über diesen Sachverhalt. Wenn ganz aktuell, beispielsweise in Arnstadt, mehrere hundert Arbeitsplätze bei Bosch-Solar zur Debatte stehen, kämpfen die Betroffenen nicht gegen die Klassenherrschaft, unter der sie jahrelang ausgebeutet wurden und dafür nun in der Prekarität landen könnten, sondern sie kämpfen für Fortbestand ihres Ausbeutungsverhältnisses.

Arnstadt erwache

Als wäre das alles nicht schon Tragödie genug, steht die Kampagne der IG Metall auch noch unter der abgewandelten Naziparole „Arnstadt muss leben“. Was hoffentlich unbeabsichtigt war, entbehrt keiner heimlichen Logik. Schließlich waren die Nationalsozialisten die fanatischsten Befürworter eines Arbeitsfetischs, der sauber differenzieren wollte zwischen der guten produktiven deutschen Wertarbeit der einfachen Werktätigen, wie sie auch bei Bosch hochge- halten wird und des spekulativ-gierigen Geschäftemachens des sogenannten raffenden Kapitals, das man heute mit Bänkern, Managern und Aufsichtsräten, früher bzw. in letzter Konsequenz mit den Juden identifizierte.

Und die beispielsweise von Wirtschaftsminister Machnig (SPD) auf der Kundgebung vor dem Werk am 4. April in Arnstadt vorgebrachte Hetze gegen „chinesisches Dumping“, das der guten deutschen Wertarbeit das Wasser abgrabe, geht genau in diese Richtung. Nicht, dass Menschen ausgebeutet werden für einen irrationalen Selbstzweck ist das Problem, sondern dass es andere rentabler tun als die Deutschen.

Vergessene Wahrheiten

Ausbeutung gab es historisch in allen Gesellschaften. Das Besondere der Ausbeutung in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ist das Auftreten des Arbeiters als ein über seine Arbeitskraft als Ware verfügendes Subjekt, dessen Ausbeutung juristisch durch die Form eines Vertrages vermittelt wird. Der Arbeiter, formal frei, ist real aber in aller Regel dazu gezwungen, seine Arbeits- kraft beispielsweise an Bosch zu verkaufen, um sein Leben mit all den Bedürfnissen, die man so entwickelt, regeln zu können. Gerne wird dieses Ausbeutungsverhältnis durch allerlei ideologische Kniffe verschleiert, indem man Arbeit als Selbstverwirklichung oder als gemeinsame Anstrengung für einen höheren Zweck überhöht (vor allem Bosch-Solar gibt sich ja gern einen nachhaltig-grünen Anstrich) und sowieso als eine Naturnotwendigkeit fetischisiert. Aber Lohnarbeit ist weder naturnotwendig, noch verwirklicht sie irgendein Selbst und einem höheren Zweck dient sie erst recht nicht. Im Kapitalismus wird nämlich nicht für die menschlichen Bedürfnisse produziert – noch so eine ideologische Falle – sondern um aus Wert mehr Wert zu machen, aus Geld mehr Geld. Der Lohnarbeit kommt hierbei eine ganz bedeutende Rolle zu. Sie ist das Movens aller Wertschöpfung. Der besondere Charakter dieser Ware Arbeitskraft besteht nun darin, dass vereinfacht gesprochen – der Kapitalist die Ware Arbeitskraft für ihren Tauschwert erwirbt, der sich in diesem Fall aus den Reproduktionskosten jener Ware ergibt und sich ihren Gebrauchswert zu nutze macht. Jener Gebrauch – und darin besteht der Unterschied zu anderen Waren und Produktionsmitteln – erschöpft sich in der Regel nicht darin, die Reproduktionskosten der Arbeitskraft zu erwirtschaften, sondern darüber hinaus einen Mehrwert, den der Kapitalist privat aneignet und in der Regel zu einem großen Teil wieder reinvestiert in neue Arbeitskraft und andere Produktionsmittel (Boden, Maschinen, Rohstoffe, etc.). Dieser Tausch der Ware Arbeitskraft gegen ihren Tauschwert nennt Marx einen gerechten Tausch, weil der Kapitalist nichts gegen die Gesetze des Marktes widriges getan hat. Er hat lediglich, wie jeder Warenkäufer eine Ware für ihren Tauschwert erworben und sich ihren Gebrauchswert zu nutze gemacht.1 Diese Nutzbarmachung der Ware Arbeitskraft bzw. die private Aneignung ihres Mehrwertes bezeichnet die analytische Kategorie der Ausbeutung. Das heißt: Jede Lohnarbeit ist Ausbeutung. Ausbeutung ist somit keine moralische Kategorie, die die Überausnutzung der Arbeitskraft bezeichnet, sondern Ausbeutung meint die Aneignung fremder Arbeit überhaupt.

Die Arbeiter bei Bosch-Solar, die für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze kämpfen, kämpfen also in Wahrheit für die Fortführung ihres Ausbeutungsverhältnisses. Sie tun dies nicht mal – zumindest deutet nichts darauf hin – in dem Bewusstsein augenblicklich keine andere Wahl zu haben, um mit dem Arbeitslohn nicht auch ihren Lebensstandard zu riskieren, sondern sie tun dies, weil ihnen die Arbeitsideologie2 wie eine zweite Haut geworden ist, weil ihnen ihre Ausbeutung, genauso wie die gesellschaftliche Entfremdung und Verdinglichung, die damit einhergeht, nicht mehr bewusst als ein Leiden erscheint, sondern als Schicksal, als Naturnotwendigkeit oder als Berufung. In solcher Weise könnte der Widerspruch der Klassengesellschaft zwischen Kapital und Arbeit tatsächlich als aufgelöst betrachtet werden, aufgelöst in totaler Identität der Interessen. Nur noch im objektiven Tatbestand der Ausbeutung und im Leiden jener, denen die Ausbeutung auf verschiedenste Weiseaufstößt, erhält er sich am Leben.

Die klassenlose Klassengesellschaft

Wir leben also heute in einer Gesellschaft, in der der Klassenkonflikt weitgehend niedergelegt wurde, aber das Klassenverhältnis unangetastet fortbesteht; eine Gesellschaft, in der weiter ausgebeutet wird und die Betroffenen ihrer Ausbeutung mit Dankbarkeit nachgehen wollen, weil sie sie gar nicht mehr als solche empfinden – sichtbar beispielsweise bei Bosch in Arnstadt. Adorno hat diese Entwicklung in seinen Reflexionen zur Klassentheorie schon vor über 70 Jahren festgehalten und den Zustand einer solchen befriedeten Klassengesellschaft mit dem Begriff der klassenlosen Klassengesellschaft zugespitzt.

In einer solchen Gesellschaft stehen sich die äußerste Macht der Herrschenden und die äußerste Ohnmacht der Beherrschten unvermittelt gegenüber, was den Klassenunterschied, so Adorno, in Vergessenheit geraten lässt. Der Gedanke daran, dass es jemals anders sein könnte, wird in der Okkupation des Denkens durch die Allgegenwart von Organisation und Technik der Lächerlichkeit preisgegeben, wenn gesellschaftliche Beziehungen durch eine immer lückenlosere Verwaltung des Lebens nach den Gesetzmäßigkeiten der herrschenden Ordnung modelliert werden. Heute sind solche Gedanken eh die Seltenheit, heute versuchen sich die Massen verzweifelt mit den Kapitalisten, wie im Fall Bosch gemein zu machen, die Identität der Interessen herbei zu betteln, damit die Ausbeutung, von der man ja irgendwie lebt und nicht weiß wie sonst, weitergeht. In solchen Verhältnissen, analysiert Adorno ganz richtig, ist „die Allgegenwart der Repression und ihre Unsichtbarkeit […] dasselbe.“ Die Solidarität unter den Ausgebeuteten nimmt ab mit der Tatsache, dass sich die Mehrheit der Menschen nicht mehr als Klasse erfahren kann, das Klassenverhältnis nicht mehr durchschaut. Konformität scheint den Arbeitern heute zweckdienlicher, rationaler als der solidarische Kampf um ein anderes Ganzes. In jene Klasse, die man einmal Arbeiterklasse nannte und damit alle durch Lohnarbeit Ausgebeuteten meinte, ist heute gewissermaßen die Herrschaft eingewandert, sie sind zu Produkten einer entmenschlichenden Gesellschaft geworden. Einsicht in diesen Zusammenhang finden nur noch einige wenige, die mit dem Bildungsprivileg (z.B. Studium) etwas anzufangen wussten oder um nochmal Adorno zu zitieren: „Kritik am Privileg wird zum Privileg: so dialektisch ist der Weltlauf.“

No way out?!

In der Analyse der klassenlosen Klassengesellschaft steckt der Tendenz nach eine Dystopie, die möglicherweise schon sehr real geworden ist: Die Dystopie einer Gesellschaft, in der die Menschen die Herrschaft der gesellschaftlichen Verhältnisse derart verinnerlicht haben, dass ihre Wünsche und Bedürfnisse gänzlich der Totalität jener Verhältnisse entsprechen, in der es des Faschismus als Krisenoption des Kapitalismus nicht mehr bedarf, weil die Menschen sich ohne ein direktes Gewaltverhältnis alles gefallen lassen wollen, was nötig ist, um unterm Kapitalverhältnis weiterzuleben. In einer solchen Gesellschaft wird selbst Ideologie zunehmend überflüssig, weil die desillusionierten Menschen ihrer nicht bedürfen, um sich wehrlos in ihr vermeintliches Schicksal zu fügen und sich jedes noch erfahrene Leiden als naturnotwendig zu rationalisieren. Auf die Menschen bei Bosch trifft das nur bedingt zu. Sie glauben noch an die Segnungen des Kapitalismus, wollen nicht einsehen, dass die Schließung ihres Werks im ökonomischen Kalkül des Unternehmens liegt. Schließlich leisten sie wertvolle Arbeit im Interesse der Energiewende und haben dem Konzern über Jahre satte, freilich staatlich subventionierte, Gewinne eingebracht. An ihnen kann es also nicht liegen und von strukturellen Problemen im entwickelten Kapitalismus will man lieber nichts wissen.

Damit kommt eine andere sich tendenziell anbahnende Möglichkeit der Verarbeitung von ökonomischen Krisen in Frage. Sie ist bereits angedeutet worden: die Projektion der Schuld für die Krisenfolgen auf vermeintliche Verantwortliche, wie sie im strukturellen Antisemitismus zu Tage tritt. Hier soll nun, wie beim Fall Bosch, die Unternehmensführung verantwortlich sein für ein Verhältnis, das Kapitalist und Prolet gleichermaßen am Laufen halten. Bosch ist dabei alles andere als ein Einzelfall. Im krisengeschüttelten Griechenland beispielsweise, wohin die radikalen Linken aus Erfurt ihre Hoffnungen auf Rettung verlagert haben, steigen vor allem die Wahlergebnisse der Populisten und die Selbstmordraten. Im kriseninduzierten Selbstmord schlägt das Subjekt im Stande seiner gesellschaftlich-produzierten Überflüssigkeit nicht nach außen, wie im Rassismus oder Antisemitismus, sondern zieht die falsche Konsequenz gegen sich selbst. „Bleibt kein Ausweg, so wird dem Vernichtungsdrang vollends gleichgültig, worin er nie ganz fest unterschied: ob er gegen andere sich richtet oder gegens eigene Subjekt“, schrieb Adorno bereits 1945.

Was auch immer die zukünftige Entwicklung bringt, die Perspektive, die ich hier aufzeige, ist eine düstere. Kriterium von Wahrheit ist eben auch nicht ihre Gefälligkeit. Einen Plan, der uns rettet, habe ich nicht parat. Worin ich mir aber ziemlich sicher bin, ist, dass Menschen, die die Gesellschaft bewusst und planvoll verändern wollen, sie zunächst verstehen müssen. Zu solchem Verständnis, zur kompromisslosen Aufklärung über die gesellschaftlichen Verhältnisse beizutragen, wäre die Aufgabe der radikalen Linken. In diesem Sinne impliziert radikale Kritik, die die Herrschaft der Verhältnisse bloßstellt, deren Aufhebung und unsere Rettung, indem sie das vielfach verdrängte Leiden an dieser Gesellschaft zunächst wieder beredt werden lässt, es zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung macht und in Konsequenz aufheben will.

Zarte Ansätze einer solchen Intervention bei Bosch in Arnstadt gab es bisher lediglich durch ein Flugblatt der AG Gewerkschaft der Antifa Arnstadt-Ilmenau. Die sozialdemokratische Linke von der SPD, über die Einheitsgewerkschaft DGB bis zur Linkspartei war damit beschäftigt die potentiellen Mitglieder und Wähler durch Zujubeln in ihrem Kampf für die Fortführung des Ausbeutungsverhältnisses zu unterstützen und erwies sich damit als Teil jener Einheitsfront, die dem Kapitalverhältnis seine Unbesiegbarkeit mit jeder ihrer Regungen beteuert.

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1 Nicht vergessen werden darf dabei freilich, dass in diesem gerechten Tausch ein objektives Unrecht liegt, das schon darin besteht, dass die Möglichkeit wer nun Arbeitskraft-Käufer, also Kapitalist wird und wer Arbeitskraft-Verkäufer, also Arbeiter wird, notwendig ungleich verteilt sind und eine Gesellschaft, die den Gesetzes des Marktes konform wäre niemals denkbar ist, in der alle Kapitalisten sind und fremde Arbeit aneignen. Irgendwer muss schließlich auch arbeiten.
2 Zur Arbeitsideologie siehe den im Flyer der AG Gewerkschaft der Antifa Arnstadt-Ilmenau dokumentierten Text von Stephan Grigat: http://agst.afaction.info/archiv/576/flyer.pdf

Zuerst veröffentlicht und Printbezug: hier.