Archiv der Kategorie 'Schnippsel'

Die Sehnsucht nach Bonn

Einen zur Auseinandersetzung mit PEGIDA und damit auch SÜGIDA interessanten Text gibt es bei der Bahamas Redaktion. Er endet mit einem für die Bahamas ungewöhnlichen Appell an die Antifa (sonst wird sie gern zur Feindmasse dazugerechnet bzw. das, was man für sie hält):

Angesichts dessen darf sich nicht wiederholen, dass sich die Antifa ein zweites Mal zu einem Aufstand der Anständigen wie 2000ff. hergibt; denn den wird das Berliner Establishment, nicht zuletzt das mediale, das um die Hartz-Reformen bangt und sich vor Staatsdefizit fürchtet, sicher inszenieren wollen, falls Pegida gesamtdeutsch so wachsen sollte wie die AfD. Die Aufgabe, die sich Antifaschisten stellt, ist zum einen, der Versuchung zu widerstehen, aus Pegida und AfD einen bequemen und wohlfeilen Nazi-Popanz zu basteln, und zum anderen, die Sehnsucht nach Bonn überhaupt als solche wahrzunehmen, um sich dann aber klar zu machen, dass es diesen Weg zurück nicht gibt; dass staatliche Krisenverwaltung eben so aussehen muss, wie sie aussieht. Diesen Zustand gilt es zu denunzieren statt zu ignorieren: Der Kampf gegen den Antisemitismus darf keine Parteinahme für die sozialen und ideologischen Verhältnisse der Berliner Republik werden oder bleiben.

In Gänze lesen: http://www.redaktion-bahamas.org/aktuell/20150103pegida.html

Zum Verhältnis von Demokratie und Faschismus

Die herrschende Form der Demokratie ist von der Herausbildung sogenannter Volksparteien geprägt. Deren einschlägiges Merkmal ist es, den grundlegenden gesellschaftlichen Antagonismus, nämlich den unauflösbaren Konflikt zwischen Kapital und Arbeit dauerhaft zu befrieden. Die Volksparteien lösen den gesellschaftlichen Antagonismus zwischen jenen, die über die Produktionsmittel verfügen und jenen, die nichts als ihre Arbeitskraft verkaufen können, in einen Pluralismus von Meinungen und Interessen auf. Aus Herrschaftskonflikten zwischen gesellschaftlichen Ordnungsansätzen werden Führungskonflikte innerhalb der bestehenden Herrschaftsordnung. Diese Verkürzung des Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit auf den Pluralismus affirmativer Interessenlagen nennt Johannes Agnoli das technisch-politische Kernstück des sozialen Friedens, also der Stillstellung sozialer Konflikte. Im pluralen Parteiensystem sind die politischen Parteien keine Umschlagstellen des gesellschaftlichen Kampfes um die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum, sondern gehen programmatisch dazu über, allgemeine Interessen zu bekunden, die es konkret nicht gibt. Sie geben zumeist den Anspruch auf, das Interesse konkreter Gruppen oder gar klassengebundene Interessen zu vertreten und werden so zu allgemeinen Ausgleichsstellen bzw. Ordnungsparteien, die sich zunehmend verselbständigen und in denen sich hierarchische Strukturen verfestigen. Das bedeutet, auch in linken Parteien bilden sich tendenziell Führungsschichten heraus, denen der Erhalt der herrschenden Ordnung zu einem materiellen Interesse wird und die nach und nach an der Herrschaft beteiligt werden.
Solche Parteiorganisationen, die keine Klassen mehr kennen, sondern nur noch »Menschen«, keine Ideen mehr, sondern bloß noch Sachen und ihre Sachzwänge, bereiten den Übergang in die Technokratie vor. Wenn es um grundlegende gesellschaftliche Transformationen geht, sind die Volksparteien, die sich wechselseitig bekämpfen, aber in Fragen der Machtausübung eine symbiotische Einheit bilden, austauschbar. Jenen Volksparteien attestiert Agnoli treffend, sie seien, was ihre Funktion angeht, die plurale Fassung der Einheitspartei – allerdings nicht der marxistischen, die ganz offen den Totalitätsanspruch der Proletarierklasse erhoben, sondern der faschistischen. Volkspartei und faschistische Einheitspartei verbindet beispielsweise, dass mit der Partei das Ganze identifiziert wird, dass in ihr ein parteiinterner Ausgleich von parteiexternen Interessen- und Gruppenkonflikten stattfindet und dass sie einen »Interklassismus« anstreben. Mit anderen Worten: Beide forcieren die Auflösung der Polarität von Kapital und Arbeit; wollen eine Gemeinschaft, in der die Einzelnen zwar der gleichen sittlichen Verpflichtung unterliegen, jedoch ungleichen materiellen Anteil an wirtschaftlicher und politischer Macht erhalten. Volkspartei wie faschistische Einheitspartei sind weitgehend mit dem Staat identisch und können sich auf ein Staatsvolk verlassen, das ihnen autoritätshörig durch alle Krisen folgt, das soziale Konflikte nicht mehr zwischen Klassen und um Produktionsverhältnisse kennt, sondern zwischen Inländern und Ausländern und um die besten Plätze an den künstlich knapp gehaltenen Fresströgen. In solcher Weise ist es denkbar, dass die herrschende Form der Demokratie den Faschismus insofern unmöglich macht, als dass sie ihn in den Parlamentarismus integriert und zur totalitären Demokratie vegetiert; einer Herrschaftsform, die sich gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung kaum noch mit unmittelbarer Gewalt absichern muss, weil sie sich auf ein Staatsvolk verlassen kann, das jede Zumutung und jedes Gräuel als notwendiges Mittel zur Aufrechterhaltung der gewollten, aber eben unbewussten Ordnung zu rechtfertigen weiß. Die Menschen fangen, einfach gesprochen, damit an, das zu wollen, was sie sollen, die Anforderungen einer Gesellschaftsordnung, die keiner mehr so wirklich begreift, als eigenes Bedürfnis bzw. Anliegen zu rechtfertigen. Über die Herkunft solcher Bedürfnisse und Anliegen legt man sich keine Rechenschaft mehr ab.

Aus: Alerta Südthüringen #2

Ausbeutung im Kapitalismus

Für Marx, der beispielsweise von der Gewalt sagt: „Sie selbst ist eine ökonomische Potenz“, ist der Gedanke, daß in der Ökonomie Dinge wie Freiheit, Wille, Bewußtsein eine Rolle spielen, durchaus selbstverständlich. Erst später wurde die Misere des Kapitalverhältnisses sozialfürsorgerisch darauf reduziert, daß die Arbeiter kein angemessen Stück vom großen Kuchen abbekämen, und dieses Mißverständnis schleppt sich selbst bei jenen Gruppierungen fort, die im Gegensatz zur Sozialdemokratie zwar die Revolution proklamieren, für diese aber keine andere Legitimation als materielles Proletarierelend geltend machen können und dieses folglich dort, wo es so drastisch nicht zu finden ist, beschwören. Die wenig überzeugende Beweisführung, wie schlecht es den Menschen in materieller Hinsicht in der BRD geht, müßte viel weniger strapaziert werden, wenn das in der Analyse der Wertform entschlüsselte Prinzip von Ausbeutung im Kapitalismus verstanden würde: Ausbeutung heißt vor allem, daß die Arbeiter um die Geschichte, die sie machen, betrogen werden, um die geschichtsbildende Kraft ihrer als Mehrarbeit gesetzten lebendigen Arbeit, die erstmals wirklich die gegenständliche Welt als Bedingung der subjektiven Tätigkeit des Menschen setzt, sie real zur Domäne seines Willens macht; ob die Arbeiter dabei satt zu essen haben, ist wichtig, aber es ändert nichts am Prinzip.

Aus: Wolfgang Pohrt: Theorie des Gebrauchswerts. Berlin, 2001, S. 231.

Die Revolution machen!

Entgegen einem weit verbreiteten Irrtum heißt Revolution machen wollen keineswegs primär, Mitgefühl für die Ausgebeuteten zu entwickeln und den Entschluß zu fassen, deren Lage zu verbessern. Revolution machen wollen heißt vielmehr, einen großen Ausbruch zu planen – den Ausbruch aus einem Zeitabschnitt, von dem man meint, daß man darin nicht mehr die Luft zum Atmen fände. Um die Details wie Wohnung, Entlohnung, Ernährung, die durch allmähliche Reformen zu verbessern wären, geht es nicht. Man will ans Fenster stürzen, um es aufzureißen, und zwar mit einem Ruck.

Aus: Wolfgang Pohrt: Brothers in Crime. Berlin, 2000, S. 17.

Die Unmöglichkeit, dem Widerstand des Publikums zu entgehen

Eine Entdeckung, die an das Unbewußte des Lesers rührt, muß Widerstand hervorrufen. Es ist also nicht nur unmöglich, sich einer solchen Opposition zu entziehen – es wäre aus unehrlich. […] Freud jedenfalls war derart überzeugt von der Unmöglichkeit, dem Widerstand des Publikums zu entgehen, daß er, sobald eine seiner Schriften ohne Kritik entgegengenommen wurde, glaubte, den falschen Weg eingeschlagen zu haben.

Aus: Octave Mannoni: Freud. Hamburg, 1971, S. 82f.

Der etwas einfache Umkehrschluss übrigens, dass alles, was Widerspruch erzeugt, seine Berechtigung hat, ist 1. dämlich und 2. nicht im Sinne Freuds.

Der Ossi Ende 1989

In der DDR und an ihren Grenzen spielten sich Szenen ab, bei denen die Ossis ihrem Namen alle Ehre und eine ziemlich schäbige Figur machten. Um Plastiktüten mit Reklamematerial, die von Lastautos herab in die Menge geworfen wurden, prügelte man sich fast, wie dies in Elendsvierteln der Dritten Welt die Kinder tun, oder wie es früher angeblich die Eingeborenen taten, wenn es Glasperlen gab. Die Gratisverteilung von Bananen und Kaffeepäckchen erinnerte stark an die Viehfütterung im Zoo. Auf jegliche Selbstachtung verzichteten Leute, die den Verzicht wirklich nicht nötig und deshalb auch keinen Entschuldigungsgrund hatten, weil sie weder arm waren noch gar im Elend lebten.
Der Ossi Ende 1989 also, wie der Wessi ihn sah, und wie er sich auf Grund seines vorangegangenen Verhaltens bald selber sehen mußte: Ein gieriger Schnorrer, der sich gern erniedrigen und beschämen läßt; einer, der sich zum Bettler für ein paar bunte Filzstifte macht, die er vermutlich doch nicht brauchen wird; ein notorischer Betrüger und Aufschneider außerdem, der sich nicht nur Begrüßungsgeld mittels doppelter Ausweispapiere ergaunert, sondern angeberisch von einer Revolution erzählt, die er zu machen sich nie getraut hätte.
Und dumm, wie er ist, tappt er dabei dauernd in Fallen, die er sich selber stellt. Weil er möglichst viel Entschädigung, Anerkennung und Ruhm ernten will, wird er nicht müde, die Tyrannei, von der er sich nun befreit zu haben glaubt, und sein eigenes vermeintliches Leiden unter dieser Tyrannei, in den grellsten Farben zu malen. Damit provoziert er die Frage, warum er dies 45 Jahre lang ausgehalten und widerstandslos hingenommen hat. Je bereitwilliger der Ossi dem Wessi erzählt, was der hören will, nämlich wie furchtbar das kommunistische Unrechtsregime in der DDR gewütet habe, desto mehr stellt er selber sich als geschädigt dar, d.h. als schadhaft, und obendrein als Duckmäuser und Mitläufer. Um künftiger Vorteile willen verrät er seine Vergangenheit, ohne zu merken, daß diese Vergangenheit ein Teil seiner selbst ist: Wenn die DDR und die SED so schlecht waren, wie er sie nun schildert, kann auch er nicht viel taugen.

Quelle: Wolfgang Pohrt: Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit. Berlin 1992.

Die führenden Ossis von heute sind da schon weiter. Sie waren einfach alle Widerstandskämpfer, deren massenhaftes Wirken niemandem so wirklich auffiel, weil alles so schlimm war.

Wolfgang Pohrt über die sogenannte Wendezeit 1989/90

Als wüßten alle, daß die spektakulären Umwälzungen eine ziemlich scheußliche Welt perpetuieren, kam über das Erreichte nirgends Jubel auf. Der abermalige Sieg dessen, was immer war, hieß nur, daß die Menschheit auf keine Entwicklung mehr hoffen durfte, die sich wesentlich von der bisherigen Geschichte unterscheiden würde. Es war ein resignativer Triumph, ein Triumph der Trostlosigkeit, der zwei Jahre lang teils mit zusammengebissenen Zähnen, teils mit kindischer Zerstörungslust gefeiert wurde, denn kein neues Zeitalter brach an, sondern die nächste Runde im ewigen alten Spiel, wer wen hauen, und wer das Mehrprodukt aufessen darf. Auch deshalb war die Vorstellung, die Menschen als vernunftbegabte Wesen nähmen ihr Geschick in die eigenen Hände, noch nie so tot wie in der Zeit, wo angeblich vom Verlangen nach Demokratie beseelte Massen dauernd Geschichte machten.

[…]

Nur vordergründig war das Märchen, der Volkszorn und die nach Freiheit dürstenden Massen mit den Schriftstellern an der Spitze hätten die Machthaber im Osten hinweggefegt, die übliche antikommunistische Propagandalüge. Dahinter verbarg sich der Wunsch, ein Subjekt, einen Verursacher in all die Vorgänge hineinzuinterpretieren, die unerklärlich und beunruhigend blieben, weil sie ohne das Zutun von Menschen geschahen, die von einer Idee begeistert und von einem festen Willen durchdrungen waren.

[…]

Es war einmal, daß die – richtige oder falsche – Idee die Massen ergreifen und begeistern mußte, um selber zur materiellen Gewalt zu werden wie 1789 oder 1917. Im Atomzeitalter, hieß die Botschaft, kommt die Geschichte ohne Ideen und ohne Massen aus – noch nie waren die Menschen so überflüssig. Kein Wunder daher, daß manche zum Islam, der Religion des Fatalismus, konvertierten, und viele etwas trübsinnig wurden.

Aus: Wolfgang Pohrt: Das Jahr danach, Ein Bericht über die Vorkriegszeit. Berlin, 1992, S. 11ff.

Die Paralyse der Kritik

Die akademische Linke scheint sich in ihren wortgewaltigen Theorien einig zu sein: Vom »Arabischen Frühling« bis »Occupy Wall Street« und zurück versprechen die internationalen Proteste angeblich eine Wiederkehr der Idee des Kommunismus. Wäre dem so, wäre es um diesen nicht gut bestellt.

von Roger Behrens

Ein Rückblick: Das Buch wurde zum Bestseller, begleitete die Neue Linke der Sechziger und Siebziger, verschwand dann aber in den Achtzigern, ist seit den Neunzigern nur noch antiquarisch zu haben – und zählt heute wohl zu den vergessenen, also unbekannten Theoriewerken einer emanzipatorischen Opposition: Herbert Marcuses »Der eindimensionale Mensch« erschien 1964 in den Vereinigten Staaten am Vorabend der internationalen Protestbewegungen; die deutsche Ausgabe folgte 1967, rechtzeitig zum Auftakt der Apo.

Marcuses zentrale These seiner, so der Untertitel, »Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft«: Die Totalität moderner Gesellschaften verdichtet sich unter Bedingungen eines korporativen Kapitalismus »totalitär«, aber nicht im Sinne eines Terrorregimes, sondern als System einer technologischen Rationalität, das mit dem Zugewinn der Freiheiten auch die Herrschaft ausweitet. Dieselben Kräfte, die eine Befreiung und Befriedung des menschlichen Daseins bedeuten können, verstärken zugleich die Mechanismen der Anpassung und Integration. Zwar sind demnach »Bourgeoisie und Proletariat (…) in der kapitalistischen Welt (…) noch immer die grundlegenden Klassen. Die kapitalistische Entwicklung hat jedoch die Struktur und Funktion dieser beiden Klassen derart verändert, dass sie nicht mehr die Träger historischer Umgestaltung zu sein scheinen.« Ohnehin gibt es an einer historischen Umgestaltung kein soziales oder politisches Interesse mehr: »Die politischen Bedürfnisse der Gesellschaft werden zu industriellen Bedürfnissen und Wünschen.« Befriedigt werden sie durch eine unablässige Warenproduktion, die permanent technisch verbessert wird und damit scheinbar auch das Leben verbessert. Die Menschen identifizieren sich in einer falschen Unmittelbarkeit mit den Verhältnissen. In den sechziger Jahren nennt Marcuse das »die Paralyse der Kritik: eine Gesellschaft ohne Opposition«.

Protest als sozialer Protest vermochte sich nur gegen die totale Gesellschaft und ihre totalitäre Struktur zu artikulieren. Marcuse beschrieb das als die Notwendigkeit einer »Großen Weigerung«. Fehlt der Kritik des Ganzen eben das Bewusstsein vom Ganzen, wird sie unweigerlich ins System zurückgeworfen, integriert oder eliminiert. Kritische Theorie und Praxis der Gesellschaft erlangt ihre Radikalität in der Konsequenz, die bestehenden sozialen Verhältnisse in ihrer »konkreten Totalität« (Karl Marx) zu transzendieren. Ähnliches postulierte im März 1969, wenige Monate vor seinem Tod, Theodor W. Adorno: »Kritische Theorie geht nicht auf Totalität, sondern kritisiert sie. Das heißt aber auch, dass sie ihrem Inhalt nach anti-totalitär ist, mit aller politischen Konsequenz.«

Solche Formulierungen wie überhaupt solche Kritik der Gesellschaft charakterisieren einen Theorietypus, der seit 1968 sukzessive durch einen anderen abgelöst wird: Nunmehr beanspruchte der Strukturalismus beziehungsweise Poststrukturalismus theoretische wie praktische Radikalität. Eine Radikalität indes, die allerdings nicht, nach Marx, »ad hominem«, also am Menschen demonstriert, sondern die, nach Friedrich Nietzsche, »den Menschen« als ein machtvolles Dispositiv der Normierung und Kontrolle zu entlarven und schließlich zu überwinden trachtet.

weiterlesen: Jungle World

Wie man Wahnsinnige aufklärt

Einen anderen Umgang mit [dem Holocaust-Leugner] Irving wählte zwei Jahre später der Moderator John Safran. Er baute ein Aufnahmestudio mit einer Camping-Gas­flasche und einem Schlauch in eine Gaskammer um. Während des Interviews mit Irving verließ Safran den Raum, verriegelte das Studio mit einem Besen unter der Türklinke und ließ Gas ein. Dann klopfte er an die Scheibe und rief Irving zu: »Ich vergase Dich jetzt und leugne das dann.«

Quelle: Jungle World

Hier gibts das Video dazu:

Wenn Auschwitz nur der Anfang vom Ende war

Ende der 70er-Jahre schrieb Wolfgang Pohrt großartige Essays über die Berichte von Überlebenden der Shoa und über die Aktualität von KZ-Erfahrungen, die sich in folgender Überlegung zuspitzten:

Wir haben, anders formuliert, kein Gewissheit stiftendes Kriterium für die Beurteilung der Frage, ob in den letzten 40 Jahren die KZ abgeschafft worden sind oder die ganze Welt in ein überdimensioniertes KZ verwandelt wurde, und ob, was damals doch etwas umständlich Gaskammern und Krematorien besorgten, diesmal viel eleganter und effizienter von Kernwaffen erledigt wird, wenn das gemütliche Leben dann ein Ende hat.

Die Konzentrationslager waren die logische Vernichtung des Unterschiedes zwischen Leben und Tod. Im Nebeneinander von Vorgarten und Gaskammer, im Fortbestehen der Zivilisation in der Barbarei zeigte sich die Essenz des Konzentrationslagers: „die Vernichtung aller herkömmlichen Logik, aller Qualitäten, Unterschiede und Begriffe.“ Das Ineinanderfallen von Leben und Sterben, das mit Auschwitz nicht endete, sondern seinen Anfang nahm, besiegelte das Ende der Vorgeschichte der Menschheit, aber nicht so wie Marx das wollte, indem sie in einen würdigeren Zustand eintritt, sondern indem Geschichte abgeschafft wurde zugunsten eines Zustandes der Barbarei im Wartestand, einem endlosen Sterben. Eike Geisel wies zur selben Zeit wie Pohrt auf diese Überlegung hin.

An den Toten der Lager gibt es nichts zu ehren. Sie sind umsonst gestorben, für niemand und nichts. Nur zum Tod bestimmt war auch das je besondere Leben zu Nichts geworden. Und eine Gesellschaft, in der nur noch gestorben wurde, ergab keinen Sinn mehr.
Also hätte es nicht überflüssiger Trauer, sondern des rächenden Hasses […] bedurft, um die Gesellschaft von diesem Alp für immer zu befreien. Ohne diesen Blitz in das Dunkel der Geschichte blieb die Befreiung eine halbe. Die Ahnung, daß der Rest noch aussteht, hat in den modernen Vernichtungswaffen Gestalt angenommen, die mit einem Schlag dann eine letzte Gerechtigkeit herbeiführen könnten.
[…]
Seit Auschwitz – und mit effektiveren Mitteln ausgerüstet – steht die ganze Menschheit unter einem selbstgeschaffenen Bann: Das aufgehäufte Vernichtungspotential seiner logischen Bestimmung zuzuführen.

Die Akualität dieser Überlegung, dass das entfremdete und verdinglichte Leben in dieser Gesellschaft dem Sterben gleicht, scheint mir irgendwie evident.

Plattheiten

Der Einwand, daß ein vernünftiger Satz einseitig grob, platt, banal sei, ist geeignet, den, der ihn ausspricht, zu beschämen, ohne daß eine Diskussion stattzufinden braucht. Es wird ja nicht behauptet, der Satz sei unrichtig oder auch nur schlecht bewiesen, der Angegriffene kann dem Gegner also nicht mit Argumenten erwidern. Es wird ihm nur bedeutet, jedes Kind wisse längst, was er behauptet hat, übrigens weise der Sachverhalt noch eine Menge anderer Seiten auf. Was soll er gegen einen solchen Einwand vorbringen? Es besteht ja gar kein Zweifel darüber, daß die Sache auch andere Seiten aufweist, und was er gesagt hat, pfeifen also die Spatzen von den Dächern. Er ist geschlagen.
Freilich: sollte sich diese kurze Erledigung auf eine Behauptung beziehen, welche die universelle Abhängigkeit der gegenwärtigen Zustände von der technisch unnötigen Aufrechterhaltung des Ausbeutungsverhältnisses feststellt oder sich auch nur auf einen bestimmten Teil dieses Abhängigkeitsverhältnisses bezieht, dann ist sie bloß eine Unverschämtheit; denn die gegenwärtigen Vorgänge in der Welt mögen immerhin auch andere Seiten aufweisen, keine ist so entscheidend wie diese, und von keiner ist es so wichtig, daß sie von allen verstanden werde. Wenn wirklich allgemein erkannt wäre, daß die Fortsetzung der Ausbeutung, welche nur einen kleinen Anzahl von Menschen zugute kommt, die Quelle des gegenwärtigen sozialen Elends ist, wenn jeder Zeitungsleser bei den Nachrichten über Kriege, Justizverbrechen, Armut, Unglück und Mord die Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Ordnung als die Ursache solchen Unheils begriffe, wenn diese Plattheiten, die wegen des glänzend eingerichteten gesellschaftlichen Verdummungsapparates nicht einmal durchschnittlich welterfahrene Leute, geschweige denn unsere Gelehrten verstehen, sogar bis zum Verständnis der untersten Wächter diese Ordnung drängen, dann wäre der Menschheit eine furchtbare Zukunft erspart.
Natürlich kann die Beurteilung jedes gegenwärtigen geschichtlichen Ereignisses immer auch andere Seiten hervorheben als seinen Zusammenhang mit der Klassenherrschaft. Aber gerade auf die Erkenntnis dieses Zusammenhangs kommt es heute an. Es ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, daß die Abneigung gegen die Einseitigkeit, Grobheit, Ableitung, Ursachenforschung, einheitliche Theorie der Angst entspringt, daß die gesellschaftliche Ursache des gegenwärtigen Rückschritts ins Licht des allgemeinen Bewußtseins komme. Auch diese Vermutung ist platt und einseitig.

Aus: Horkheimer, Dämmerung (1931/34)

No way out.

Vielleicht haben die Geld- und Warenströme im Kapitalismus sich zu Lebensadern entwickelt, von deren Funktionsfähigkeit die physische Existenz der Menschen nicht nur in den entwickelten Industriestaaten abhängt.
Vielleicht konnte man die Vorteile des Kapitalismus nicht bekommen, die überwältigende Produktivitätssteigerung, ohne die Fähigkeit zu verlieren, auf ihn je nach Wunsch auch verzichten zu können. Vielleicht hat der Kapitalismus Fakten geschaffen, die ihn alternativlos und irreversibel machen.
[…]
Möglich, dass die Revisionisten und Reformer Recht behalten, die den Kapitalismus nicht überwinden, sondern ihn nur etwas zahmer machen wollen. Vielleicht ist der Kapitalismus wie Aids, eine Krankheit, die man nicht mehr los wird, wenn man sich einmal angesteckt hat, mit der man aber leben und recht alt werden kann, wenn man fortgesetzt die richtigen Pillen schluckt. Oder er ist wie eine Droge, von der man durch lange Gewöhnung vollkommen abhängig geworden ist.
Das würde bedeuten, dass der Kapitalismus durch seine lang anhaltende Dauer zu einem Wesensmerkmal der Gattung Mensch geworden ist, wie die Sprache, das Feuer, gekochtes Essen, Bestattungsrituale oder der Gebrauch von Werkzeugen. Kein Grund zur Freude, aber auch keiner zu besonderer Trauer, denn rosig waren die vorkapitalistischen Zeiten ja nun wirklich nicht gewesen.
Vermutlich gefällt dieser Text keinem, der ihn liest. Mir auch nicht, und zwar deshalb, weil ich seine Aussagen für wahr halte und diese Wahrheit mir nicht gefällt. Die Wahrheit aber besitzt einen Zeitkern, wie Adorno und Horkheimer im Vorwort zur Neuausgabe der Dialektik der Aufklärung schrieben. Die Wahrheiten von heute können morgen durch unvorhergesehene Ereignisse unwahr geworden sein. Die Zukunft ist nicht vorhersehbar, und die Menschen sind unberechenbar, vielleicht klappt es mit der Revolution ja noch. Dass nichts dafür spricht, spricht nicht dagegen, eher umgekehrt.

Aus: Wolfgang Pohrt: Unheilbare Krankheiten – Kapitalismus als System. In: Ders: Das allerletzte Gefecht. Tiamat-Verlag, Berlin, 2013, S. 96ff.

Der Revolutionär hat keine Zeit

Der resignierende Wolfgang Pohrt lässt ja in jüngster Zeit verlauten, dass Marx ein Darwinist gewesen sei, da er mit einer quasi gesetzmäßigen Durchsetzung des Proletariats als der stärkeren Klasse gerechnet, sich verrechnet habe und mit dem Kommunistischen Manifest als Dokument des anstehenden Kampfes nur „üblen Kitsch“ geliefert habe. Warum Pohrt sich darin täuscht bzw. ihm eine wichtige Seite der Wahrheit, aus mir nicht bekannten Gründen, verborgen bleibt, beleuchtet ein Text von Max Horkheimer aus den Jahren 1940/42, bei dem die Marx’sche Geschichtsphilosophie nicht als falscher Determinismus erscheint, sondern als richtiges Bewusstsein in einer bestimmten Phase des Kampfes.

Von geschichtlichen Unternehmungen, die vergangen sind, mag sich sagen lassen, daß die Zeit nicht reif für sie gewesen sei. In der Gegenwart verklärt die Rede von der mangelnden Reife das Einverständnis mit dem Schlechten. Für den Revolutionär ist die Welt schon immer reif gewesen. Was im Rückblick als Vorstufe, als unreife Verhältnisse erscheint, galt ihm einmal als letzte Chance der Veränderung. Er ist mit den Verzweifelten […], nicht mit denen, die Zeit haben. Max HorkheimerDie Berufung auf ein Schema von gesellschaftlichen Stufen, das die Ohnmacht einer vergangenen Epoche post festum demonstriert, war im betroffenen Augenblick verkehrt in der Theorie und niederträchtig in der Politik. Die Zeit, zu der sie gedacht wird, gehört zum Sinn der Theorie. Die [Marx’sche] Lehre vom Wachsen der Produktivkräfte, von der Abfolge der Produktionsweisen, von der Aufgabe des Proletariats ist weder ein historisches Gemälde zum Anschauen noch eine naturwissenschaftliche Formel zur Vorausberechnung künftiger Tatsachen. Sie formuliert das richtige Bewußtsein in einer bestimmten Phase des Kampfes und ist als solches auch in späteren Konflikten wieder zu erkennen.

Aus: Max Horkheimer: Autoritäter Staat. In Ders: Gesammelte Schriften, Band 5. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main, 2003 (3. Auflage), S. 305f. Online u.a. hier.

Ob dieses Anleiten zum „Jetzt oder Nie“ nach Auschwitz noch zeitgemäß ist, wo in jeder Revolution verdinglichter Bewusstseine die Regression zur Barbarei schlummert, ist eine andere Frage.

Verbitterte Hedonisten

Insofern der Spätkapitalismus den Typus des Infantilen, weil in kindlicher Abhängigkeit und Ohnmacht gehaltenen, zum dominierenden Sozialcharakter macht […] sind für den sofortigen Genuss übrigens nichtmal die elementaren Voraussetzungen gegeben, weil man erst einen dezidierten Wunsch haben muß, um ihn sich erfüllen zu können. Ganz analog zu verzogenen, mäkligen Kindern, deren Unglück darin besteht, gleichzeitig Schlagsahne mit Pommes essen und spielen und dabei eigentlich nichts von alledem zu wollen, leiden die Erwachsenen heute in der Regel nicht unter unerfüllbarer Sehnsucht – ein Leiden, welches auch seine Vorzüge hat –, sondern sie leiden unter einer Art von wunschlosem Unglücklichsein, welches umschlägt in die unersättliche, weil niemals Erfüllung findende Gier, alles haben und gleich wieder wegschmeißen zu wollen. Während die Propagandisten eines Neuen Hedonismus ungebrochene Genußfreude zu erkennen meinen im Verhalten besonders des bundesdeutschen Mittelstands, den man auffassen könnte als riesige Selbsthilfegruppe, die ebenso verbissen wie vergeblich bemüht ist, sich Gutes zu tun, sei es durch Schöner Wohnen, Vornehmer Trinken oder Gesünder Essen, während die Propagandisten eines Neuen Hedonismus also in all diesen Aktivitäten Indikatoren für ungebrochene Genußfreude zu erkennen meinen, übersehen sie, daß die rastlose, zwanghafte, stressige und fast schon hauptberufliche Suche nach dem Genuß das Verhalten von Leuten ist, die ihn nirgends finden können, von Leuten auch, denen sich die unersättliche Gier und die ewige Frustration irgendwann in die Gesichtszüge gräbt und die daher nicht satt, zufrieden und glücklich wirken, sondern hart, neidisch, lauernd und verbittert.

Aus: Wolfgang Pohrt: Der Hamster im Käfig – Freizeit: ‚Anders leben‘ oder ‚Genuß sofort‘? In: Ders.: Ein Hauch von Nerz – Kommentare zur chronischen Krise. Tiamat-Verlag, Berlin, 1989, S. 191f.

Wolfgang Pohrt über das Kinder-in-die-Welt-setzen

Wenn die Menschen aus dem, was sie durchgemacht haben, jemals irgendwelche Lehren gezogen hätten, d.h. wenn diese Qualen und dieses Elend sie nachhaltig verändert hätten, dann könnte es seit tausenden von Jahren keinen Krieg mehr geben. Faktisch ist das Gegenteil passiert: Kaum war der Krieg vorbei, haben die Leute schon wieder das nächste Kanonenfutter in die Welt gesetzt, und so ging es dann lustig immer weiter. [… Gerade das Kinderkriegen in Lebenskrisen] ist doch eine sehr konventionelle, um nicht zu sagen archetypische Verhaltensweise, die eigentlich nur noch einmal beweist, daß Leid, Qual und Elend nicht die Mittel sind, um die Menschen in irgendeiner Weise zu verändern. […] Eine Welt, die Auschwitz hervorgebracht hat, und sich danach nicht grundlegend geändert hat, ist eine Welt, in die man besser keine Kinder mehr setzen sollte. Das wäre ein vernünftiger Schluß. Aber so logisch verhalten sich die Leute nicht.

Aus: Wolfgang Pohrt: Sinnkrise und Bildungsdünkel – Gespräch mit Henryk M. Broder. [23.02.1988] In: Ders.: Ein Hauch von Nerz – Kommentare zur chronischen Krise. Tiamat-Verlag, Berlin, 1989, S. 136.